HUNGER UND ARMUT: Den Profiteuren ins Stammbuch

In „Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?“ appelliert Jean Feyder an Europa, den Umgang mit den Ländern des Südens neu zu gestalten.

„Die Welt muss gerechter werden.“ Das sagt kein Geringerer als Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker im Vorwort zu dem 240 Seiten umfassenden Band. Nur auf den ersten Blick ist das ein wohlfeiler Politiker-Spruch. Juncker würdigt mit dem Satz die Grundthese des Luxemburger UNO- und WTO-Botschafters in Genf, der in der Bekämpfung des Hungers in der Welt eine oberste Aufgabe auch des Europäischen Rates sieht – eines Gremiums, dem auch Jean-Claude Juncker angehört.

Für den Verleger dürfte das Zusammenwirken eines hochrangigen UNO-Diplomaten und des dienstältesten Regierungschefs der Union ein Glücksgriff sein: Die Analysen und Thesen von „Mordshunger“ sind nicht unbedingt neu, doch die Aufmerksamkeit einer breiteren Öffentlichkeit und vor allem der Politik, die sie bislang entbehren mussten, dürften ihnen nun gewiss sein.

Der Ausgangspunkt Jean Feyders: Die Zahl der Hungernden in der ganzen Welt hat in absoluten Zahlen in den letzten Jahren wieder zugenommen. Über eine Milliarde Menschen, also etwa ein Sechstel der Menschheit, ist unterernährt. Diese negative Entwicklung ist umso erschreckender, als sie sich parallel zum so genannten Millenniums-Prozess vollzogen hat, der unter anderem vorsah, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren. Ein weiteres Paradox: Die meisten Hungeropfer leben auf dem Land und sind eigentlich Bauern.

Jean Feyder stellt die Frage nach den Ursachen dieser Entwicklung und wird schnell fündig: In den letzten drei Jahrzehnten wurde die Entwicklung der Landwirtschaft weltweit in eine Richtung forciert, die in vielen Regionen der Welt die Ernährungssicherheit untergraben hat. Das Streben nach möglichst niedrigen Produktionskosten und das liberale Credo, wonach Protektionismus zugunsten heimischer Produktionsstrukturen Gift ist, haben die ärmsten Länder der Welt dazu gebracht, ihre Grenzen für Nahrungsmittel zu öffnen. Der Ruin ganzer Bevölkerungsteile war damit vorgezeichnet.

Dass es soweit kam, erklärt sich vor allem durch den Druck der Industrieländer. Nachdem sich viele Entwicklungsländer in den 70er und 80er Jahren hoch verschuldet hatten, verpassten ihnen Weltbank und Weltwährungsfonds – beide mehrheitlich von den reichen Industrienationen kontrolliert – Rosskuren, die ihnen unter anderem die Öffnung der Agrarmärkte und die Unterbindung jeglicher Subventionierung der heimischen Landwirtschaft zur Pflicht machten.

„Mordshunger“ analysiert diese Prozesse und beschreibt an einigen Fallbeispielen, wie sich diese Entwicklung im Einzelnen ausgewirkt hat. Jean Feyder benennt aber auch die Wege, die aus der aktuellen Situation herausführen würden. Beschritten werden können sie allerdings nur mit einer weitgehenden Unterstützung der reichen Länder: Diese müssen nicht nur ihre Hilfe – auch oder gerade wegen der Wirtschaftskrise – wieder ankurbeln, sie müssen auch darauf verzichten, die armen Länder als Absatzmärkte für ihre eigene landwirtschaftliche Überproduktion zu missbrauchen. Nur der Aufbau einer nachhaltigen, regulierten Landwirtschaft in den betroffenen Regionen kann helfen, langfristig Hunger und Armut einzudämmen.

Jean Feyders Buch ist überreich an Einzelinformationen, Anekdoten und Statements. Dass dabei verschiedene Phänomene nur kurz und gelegentlich auch ein wenig plakativ dargestellt werden, ist wohl nicht zu vermeiden. Die „grüne Revolution“ in Indien etwa kommt relativ ungeschoren davon. Sie hat zwar zu massiven Ertragssteigerungen geführt, letztendlich aber auch viele Bauern in den Ruin getrieben.

Im Ganzen genommen bietet das Buch aber einen sehr guten Gesamtüberblick, der allerdings noch zugänglicher wäre, wenn er über ein Personen- und Sachregister verfügte. Es würde dadurch das zum besseren Verständnis der Zusammenhänge unumgängliche Vor-und Zurückblättern doch sehr erleichtert werden.

Jean Feyder – Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen Länder?, Westend Verlag, Frankfurt/Main, ISBN 978-3-938060-53-7, 240 Seiten, 16,95 Euro. Unter dem Titel „La faim tue“ spricht Jean Feyder am Donnerstag, dem 21. Oktober ab 19.30 im Saal 0.03 des Limpertsberger Uni-Campus‘ über die Grundthesen seines Buches. Der Vortrag ist auf Französisch und wird gemeinsam von der Action Solidarité Tiers Monde (ASTM), der Caritas, SOS-Faim und er Luxemburger Universität organisiert.


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