NACHHALTIGKEIT: Böser Biosprit

von | 29.02.2008

Der Nachhaltigkeitsrat lehnt die Nutzung von Biosprit weitgehend ab und ermahnt zum Energiesparen.

Mais: zuerst verdauen und dann vergären, meint der CSDD.

„Dieses Positionspapier zur Nutzung von Biomasse wurde einstimmig beschlossen“, unterstrich Raymond Weber, Präsident des Conseil supérieur pour le développement durable (CSDD), am vergangenen Montag bei der Vorstellung des ersten Avis der 2003 geschaffenen Institution. Zum CSDD gehören VertreterInnen der drei „Säulen der Nachhaltigkeit“, also der Umwelt, der Wirtschaft und des Sozialen – man konnte deshalb einen „win-win-win“-Diskurs erwarten, der auf die wirtschaftlichen Chancen der vermehrten Nutzung von CO2-neutraler Biomasse hinweisen würde.

Doch die Erläuterungen des Biomasse-Experten Jean Stoll waren alles andere als Konsens-orientiert: Seine Aussage, der Mensch dürfe, ja, solle Fleisch essen, wird überzeugten politischen VegetarierInnen kaum munden. Und seine These, statt Mais direkt zu Biogas zu vergären, gehöre dieser zuerst in den Kuhmagen, um sodann als Gülle vergast zu werden, passt nicht zu dem in Wirtschaftskreisen populären massiven Rückgriff auf Biosprit.

Im Avis sind diese Punkte überzeugend argumentiert: „Die Nahrungsmittelerzeugung aus und mit Wiederkäuern [muss] vorrangig durch Nutzung der Dauergrünlandflächen erfolgen. Weiden und Wiesen stellen im Gegensatz zu Ackerkulturen wie Mais, Getreide und Soja keine Flächenkonkurrenz zur pflanzlichen Nahrungsmittelproduktion dar.“ Allerdings präzisierte Stoll, dass der jetzige hohe Fleischkonsum in Luxemburg sowohl ungesund als auch unnachhaltig sei.

Auch was die Substitution von Benzin und Diesel durch Biosprit angeht, wusste der CSDD zu erstaunen: Er fordert, prioritär die fossilen Rohstoffe weiter zu nutzen. Die energetische Nutzung von Pflanzen in Form von Treibstoff sei aufgrund der notwendigen Umwandlungen sehr uneffizient, erklärte Stoll. Außerdem stehe der Anbau von Bioenergieträgern in Konkurrenz zur Lebensmittelerzeugung.

Der Avis vermittelt eine globale Sicht auf die Probleme: „Die Bedürfnisse und Rechte der Menschen bei der Nahrungsmittelproduktion, der Erhalt der Biodiversität und die Energie- und Rohstoffproduktionen müssen in Einklang gebracht werden. Dabei stehen allen Menschen die gleichen Nutzungsrechte zu.“ Angesichts des massiven Ressourcenverbrauchs und CO2-Ausstoßes in Luxemburg wird festgehalten: „Die Entwicklung der Erneuerbaren Energien darf deshalb kein Vorwand sein, Energiesparmaßnahmen bzw. Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz hinauszuzögern.“

Im Klartext heißt das, dass eine Energiewende notwendig wäre, die drastische Veränderungen für KonsumentInnen und Wirtschaft mit sich bringen würde. Interessanterweise scheinen die Vertreter dieser Interessen innerhalb des CSDD ihre gewohnten Warnungen vor sozialen Ungerechtigkeiten und dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit nicht vorgebracht zu haben. Dass gerade die Entwicklung von Spar-Autos als Beispiel einer Chance für die Wirtschaft genannt wurde, lässt tief blicken. In kaum einem anderen Bereich sträubt sich die Industrie mehr gegen die Einführung neuer Grenzwerte auf EU-Ebene als beim CO2-Ausstoß. Und Lucien Lux, Umwelt- und Transportminister, machte bei der Vorstellung des diesjährigen Autofestivals klar, dass er sich für ein weniger strenges Vorgehen einsetzt.

Möglicherweise sind also die drastischen Schlussfolgerungen dieses Avis nur deshalb von den VertreterInnen von Wirtschaft und Sozialem mitgetragen worden, weil sie in dem CSDD nichts weiter als ein Feigenblatt sehen, hinter dem die Regierung ihre Handlungsunwilligkeit zu verstecken sucht.

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