ELEKTRA: Die Trostlose

Gut besetzt ist das Theaterstück „Electre“ von Marja-Leena Junker. Schade nur, dass nicht versucht wurde, die Thematik in die Gegenwart zu transponieren.

Minimalistisch nimmt sich das Bühnenbild aus, das die Regisseurin Marja-Leena Junker für ihre Elektra gewählt hat, die noch bis Mitte März im kleinen Centaure-Theater zu sehen ist. Es gibt nur eine Eckwand, die in den leeren Raum hineinragt und ihn in zwei Hälften aufteilt, und einen Lautsprecher, das Orakel von Delphi, die Off-Stimme. Außer dem halbierten Raum und dem Lautsprecher steht der Hauptdarstellerin, die während des ganzen Stückes raumgreifend präsent ist, also nichts zur Verfügung. Dennoch gelingt es Myriam Müller, die schwierige Figur der Elektra glaubwürdig zu verkörpern; ihr Leiden, ihre Trauer, ihre Ausweglosigkeit und der Hass auf ihre Mutter sind eindrucksvoll dargestellt. Aber auch die Mutter Klytaimnestra in ihrer Unbeugsamkeit, eine Frau, die sich nichts mehr nehmen lässt, wird überzeugend von Nicole Dogué interpretiert. Eigentlich sind es nur Frauen, die Marja-Leena Junker in ihrer „Electre“ auftreten lässt. Sie übernehmen auch die Männerrollen. Die Dramatik der einzelnen Figuren wird durch weiß geschminkte Gesichter und schwarze Augenhöhlen noch unterstrichen.

Elektra ist der Tragödienstoff par excellence; das Stück gehört zu jener Literatur – von Euripides und Sophokles überliefert – an der bisher noch kein Schüler des Sekundarunterrichts vorbeigekommen ist: Hauptfigur ist Elektra, die auf Rache sinnt, nachdem ihr Vater Agamemnon, König von Mykene, nach seiner Heimkehr aus dem Trojanischen Krieg von seiner Frau Klytaimnestra und deren Geliebtem Aigisthos ermordet wurde. Elektra und ihre Schwester Chrysothemis werden von den Mördern in Knechtschaft gehalten. Vor allem die unversöhnliche Elektra will sich nicht mit dem Tod des Vaters abfinden und setzt alle Hoffnung auf die Rückkehr ihres Bruders Orest, um die Blutrache an der Mutter und dem Stiefvater zu vollziehen. Klytaimnestra dagegen bekennt sich reuelos zum Gattenmord. Agamemnon sei zu Recht gestorben, da er ihrer beider Tochter Iphigenie am Altar der Artemis geopfert habe. Elektra sieht hierin nur Heuchelei, einen Vorwand der Mutter, der ihr Zusammenleben mit dem Geliebten rechtfertigen soll. Die Handlung nimmt erst eine Wende, als der Bruder tatsächlich zurückkehrt. Um seine Mutter und ihren Liebhaber zu täuschen, schickt er einen Boten voraus, der von seinem angeblichen Tod berichtet. Am Grab des Vaters begegnet Elektra ihrem für tot geglaubten Bruder. Und es wird schnell klar, dass Orest die furchtbare Pflicht auf sich nehmen und den Vatermord sühnen wird.

Hier endet das Stück von Marja-Leena Junker einigermaßen unvermittelt und geht auf die Schuldgefühle, die in der Originalversion Orest nach der Ermordung seiner Mutter zerfressen, fast gar nicht ein. Damit liefert diese Version auch keine Antwort auf die ewige Frage, ob Rache befreit oder von innen zerstört. Leider haftet die Interpretation von Marja-Leena Juncker sehr stark an der Originalfassung. Sie unternimmt nicht den radikalen Versuch, das Stück in die Gegenwart zu transponieren und etwa in der zeitgenössischen Jugend- und Konsumkultur zu verankern – dem minimalistischen Bühnenbild fehlt jeder Zeitbezug. Schade ist auch, dass die Regisseurin nicht versucht hat, sich stärker vom Originaltext und -kontext zu lösen. Gerade das Drama der Elektra als eine Geschichte des Konflikts mit der Elterngeneration, der Sinnsuche, als Geschichte von jungen Menschen, die zerbrechen, da sie keinen Platz mehr in der Gesellschaft finden, hätte die Möglichkeit dazu geboten. Auch berührt die Tragödie das Thema der Unmöglichkeit sich sowohl von der menschlichen Natur und ihrer Triebhaftigkeit als auch von den gegebenen sozialen Zwängen freizumachen. Leider ist die Aufführung eine verpasste Chance. Man verlässt das Théâtre du Centaure mit dem lauen Gefühl, mal wieder eines dieser unzeitgemäßen Stücke gesehen zu haben, die keine Auseinandersetzung mit der heutigen Gesellschaft führen. Wie schade.

Noch am 11., 12., 16., 18., 19.3. um 20h und am 13., 17. und 20.3. um 18h30 im Théâtre du Centaure.


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