BILDUNG: Sackgasse Industrie?

Eine „Industrie auf Topniveau“ erfordert qualifiziertes Personal. Um SchülerInnen mit geringer Ausbildung dennoch Möglichkeiten zu eröffnen, muss vor allem die Schule Anstrengungen unternehmen.

Damit Arbeitsplätze in der Industrie besetzt werden können, ist auch die Schule gefordert.

„Ich stehe hier, um Werbung für Industrieberufe zu machen“, stellt die Erziehungsministerin Mady Delvaux-Stehres klar. „Viele junge Menschen und ihre Eltern wissen überhaupt nicht, wie vielfältig die Ausbildungsgänge sind und welche tollen Perspektivien es hier gibt.“

Anlass zu diesen großen Worten gab die Studie „Les qualifications de demain dans l’industrie“ der „Business Federation Luxembourg“ (Fedil), die diese Woche vorgestellt wurde. Diese Untersuchung, die 2010 in Zusammenarbeit mit dem Erziehungs- und dem Arbeitsministerium, der Luxembourg School for Commerce und der Adem durchgeführt wurde, sollte den Bedarf der Unternehmen in puncto Jobprofil ermitteln, um sicherzustellen, dass die SchülerInnen in der Berufsausbildung künftig über die notwendigen Qualifikationen für den Arbeitsmarkt verfügen. Sie soll zudem einen Leitfaden für die Berufsberatungen, zum Beispiel die „Centres de psychologie et d’orientation scolaires“ (CPOS), abgeben, anhand dessen über Tendenzen auf dem Arbeitsmarkt informiert werden kann. Für die Studie wurden rund 127 Betriebe aus dem Agro- Ernährungs- und Genussmittelbereich, der Metall-, Glas- und chemischen Industrie sowie dem Bausektor nach ihren zukünftigen Arbeitnehmerprofilen befragt.

Auch wenn die so ermittelten Zahlen sich auf den ersten Blick positiv ausnehmen – 127 der befragten Unternehmen beabsichtigen, binnen der nächsten zwei Jahre insgesamt rund 1.175 Arbeitnehmer einzustellen (40 Prozent neue Stellen und 60 Prozent Neubesetzung bereits bestehender Posten) -, ist die erreichte Neuschaffung von Arbeitsstellen im Industriebereich letztlich doch eher bescheiden.

Davon jedoch wollten die anwesenden Minister nichts hören: „Auf den ersten Blick mögen diese Zahlen marginal wirken. Dennoch bedeuten sie eine Konsolidierung der Wirtschaft, einen positiven Trend angesichts der Tatsache, dass während der Wirtschaftskrise praktisch jedes EU-Land Industrie-Arbeitsplätze verloren hat“, versucht der anwesende Arbeitsminister Nicolas Schmit die wenig spektakuläre Entwicklung zu beschönigen. Auch ein inhaltlicher Trend lässt sich aus der Studie ablesen: Rund 80 Prozent dieser 1.175 Stellen sollen in Zukunft den technischen Berufssparten und dem Produktionsbereich angehören. Die restlichen 20 Prozent fallen im Bereich der Verwaltung an. Weiter zeigt die Studie, dass im Industriesektor zunehmend eine höherwertige Ausbildung verlangt wird. Zwar liegen hinsichtlich des Bildungsniveaus die Bereiche von Verwaltung und Handel an der Spitze (Master: 25 Prozent, Bachelor: 27 Prozent, Abitur: 10 Prozent), doch steigen auch im Produktionssektor die Anforderungen: Neben rund 25 Prozent Arbeitnehmern mit einem DAP werden auch Master- (20 Prozent) und Bachelorabsolventen (20 Prozent) gesucht. Die Ausbildung des DAP ? und noch niedrigere Qualifikationen ? haben lediglich im technischen Industriebereich noch den Vorrang (rund 50 Prozent). Fest steht, so die Verantwortlichen der Studie, dass der Industriesektor einen starken Wandel durchmacht. Doch ist die Deindustrialisierung ein Trend, von dem alle klassischen Industrieländer betroffen sind, nicht nur Luxemburg. „Das bedeutet nicht, dass die Industrie verschwindet. Jedoch liegt ihre Zukunft in einer Verbesserung der Produktivität. Wir brauchen eine Industrie auf Topniveau“, erklärt Schmit. Das bedeute auch, dass die Arbeitsplätze von morgen anders beschaffen sein werden: „Produktivitätssteigerung heißt, dass die Unternehmen ihre Anstrengungen im Bereich der Forschung verstärken“. Durch die „Agenda 2020“ sei der Wille bekundet worden, die Forschung zukünftig noch zu verdoppeln. Gerade Berufsanfänger mit einem DAP-Diplom würden künftig gebraucht, da sie die Verantwortung für eine Produktionsabfolge tragen könnten. Zudem fehle es an Doktoranten, vor allem bei Ingenieuren und Chemikern.

Deindustrialisierung

Aber nicht nur im Industriebereich hapert es an gut ausgebildetem Personal. Auch traditionelle Berufssparten wie der Schlosserberuf finden keinen Nachwuchs mehr. „Hier rekrutieren die Handwerksbetriebe massiv jenseits der Grenzen“, stellt René Winkin, Generalsekretär der Fedil fest.

Da sich die Berufswelt verändert, muss sich auch die Schule verändern. Es müssen Ergänzungen zur Berufsausbildung für jene Arbeitnehmer gefunden werden, die arbeitslos sind oder keinen DAP-Abschluss haben. „Wir müssen andere Bereiche im Dienstleistungssektor finden oder subventionierte Stellen schaffen, um zu verhindern, dass eine Kluft in der Gesellschaft entsteht zwischen denen, die Qualifikationen haben und jenen, die keine haben“, fordert der Arbeitsminister. Zurzeit sind rund 2.000 junge Leute als arbeitslos gemeldet, von diesen haben über 60 Prozent keinen DAP-Abschluss.

„Alle sagen, die Schule hat Schuld“, stellt die Erziehungsministerin Mady Delvaux-Stehres fest. Sie ihrerseits sieht die Ursache für die hohe Arbeitslosenzahl eher bei den Quereinsteigern: Rund 500 Jugendliche aus EU-Ländern kommen jedes Jahr neu nach Luxemburg in die Schule. Zwar würden diese vor ihrer Eingliederung in die normalen Schulgänge in „classes d’accueil“ in den geforderten Sprachen unterrichtet, doch würden einige SchülerInnen das Sprachenniveau des DAP nicht erreichen. „Traditionell verläuft ein großer Teil der Berufsausbildung auf Deutsch“, erklärt Nic Alff, Direktor der Berufsausbildung des Erziehungsministeriums auf Nachfrage. Zukünftig sollen die SchülerInnen ab der 10. Klasse deshalb in einigen Ausbildungsbereichen wählen können, ob sie lieber auf Französisch oder Deutsch unterrichtet werden wollen. Aber nicht nur die Sprachen sind ein Hindernis auf dem Weg zum Arbeitsmarkt ? auch inhaltlich sind die schulischen Herausforderungen größer geworden. „Die manuelle Ausbildung hat in den letzten Jahrzehnten zugunsten der technischen stark abgenommen“, erklärt Alff. Die Schule stehe vor dem Dilemma, dass der Arbeitsmarkt einerseits gut ausgebildete Leute braucht, andererseits aber eine allzu starke Spezialisierung vermieden werden muss, da die Anforderungen sich jederzeit ändern können.

Für jede Verbesserung der Berufsausbildung ist die Nähe der Schule zu den Betrieben und Berufskammern unabdingbar. In Luxemburg zählt man rund 120 verschiedene Berufe; für 110 davon gibt es Ausbildungsgänge. „Wir haben leider Berufe, für die wir nicht genug Schüler haben, um eine Ausbildung sicherzustellen“, bedauert Alff. Deshalb soll in Zukunft verstärkt mit der Großregion zusammengearbeitet werden, um Interessenten für solche Berufe zu bündeln und ihre Ausbildung in der Großregion zu organisieren. Von der Reform der Berufsausbildung werden auch neue Impulse für den Kampf gegen das Schulversagen erhofft. Zum Beispiel soll der Unterricht künftig in kompetenzbasierten Lerneinheiten, also in Modularform, stattfinden. „Wenn zwei Module in einem Jahr nicht geschafft werden, besteht später noch immer die Möglichkeit, sie nachzuholen“, erklärt Alff. Sogar ein Schulabgänger kann sich jederzeit die fehlenden Module erarbeiten und somit seinen Abschluss schaffen. Zudem sind gerade für Arbeitslose Weiterbildungen enorm wichtig. „Der Luxemburger Staat finanziert zurzeit zu je 15 Prozent jede Weiterbildung in einem Betrieb“, erläutert die Erziehungsministerin. Zudem wurden in Zusammenarbeit mit der Adem und den Betrieben spezielle Ateliers geschaffen Hier soll den Schulabgängern mit niedrigen Abschlüssen eine Grundausbildung vermittelt werden, die sie auf den späteren Job vorbereitet. Aber auch die verschiedenen Berufskammern bieten Weiterbildungen an. „Es wird vieles angeboten. Wir brauchen eine Strategie, um das alles sichtbarer und transparenter zu machen“, meint die Erziehungsministerin. Deshalb werde nächstes Jahr ein „Livre blanc“ herauskommen über die Möglichkeiten des lifelong learning. Tatsächlich ist vor allem die Berufsausbildung kein „l’art pour l’art“. Damit sie nicht zur Sackgasse wird, sind viele Brücken zur Arbeitswelt vonnöten.

 

Für die Berufsausbildung sind sowohl die Schulen als auch die Betriebe verantwortlich. Mit der 2008 verabschiedeten Reform wurde die Ausrichtung der Berufsausbildungspolitik neu festgelegt. Insgesamt weist die Berufsqualifikation drei Ebenen auf.
Das Fundament bildet das „certificat de capacité professionnelle“ (CCP), mit dem eine dreijährige, eher praktisch ausgerichtete Grundausbildung abgeschlossen wird.
Die zweite Stufe ist das „diplôme d’aptitude professionnelle“ (DAP) das aufgrund der Reform das „certificat d’aptitude technique et professionnelle“ (CATP), eine Art Gesellenbrief, abgelöst hat. Wer an den DAP einen Meister oder ein Studium anschließen will, kann dies tun. Schließlich gibt es noch den Techniker-Abschluss, der eher theoretisch angelegt ist.
Die Studie kann eingesehen werden unter : www.fedil.lu 


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