Weit über ein Drittel der Bevölkerung Luxemburgs kann ihre Wohnung im Sommer nicht ausreichend kühl halten. Eifrig wird über das Für und Wider privater Klimaanlagen diskutiert, während das Problem längst eine umfassende Kühlungsplanung erfordert, die ambitionierter ist als fragwürdige Tipps.

Während Hitzewellen empfiehlt das Gesundheitsministerium einen erfrischenden Ausflug in die Wurstwarenabteilung. (Foto: Alan Alves/Unsplash)
Nach der Hitzewelle ist vor der Hitzewelle. Diese bittere Vorhersage könnte sich bereits am nächsten Wochenende bewahrheiten, denn Langzeitprognosen deuten auf eine weitere Periode mit extrem hohen Temperaturen hin. Doch auch wenn keine neue Maximaltemperaturen gemessen werden, sind längere Zeiträume mit hohen Temperaturen gefährlich für die Gesundheit und senken nachweislich die Produktivität. In Zukunft wird die Frage, wie wir uns im Sommer abkühlen können, demnach immer wichtiger werden.
Zu sagen, Luxemburg sei nicht gut auf Hitzewellen vorbereitet, ist eine Untertreibung. Bei jener von Ende Juni kam hinzu, dass an vielen Stellen viel zu spät reagiert wurde: Das „Tageblatt“ dokumentierte dieses staatliche Versagen in der „Brutzelwoche“. Gesundheitsministerin Martine Deprez (CSV) zog am vergangenen Mittwoch in der parlamentarischen Gesundheitskommission dennoch eine positive Bilanz: „Der ‚Plan canicule‘ hat gut funktioniert, wir waren gut vorbereitet. Im Vergleich zu Frankreich liegen bisher keine Daten vor, die auf eine Übersterblichkeit hinweisen.“ Allerdings seien noch nicht „alle Häuser adaptiert“, womit die Ministerin meinte, dass es nicht in allen Krankenhäusern eine Klimatisierung gibt – man wolle sich anschauen, wie man diesen Missstand kurz- und langfristig beheben könne. Auch Familienminister Max Hahn (DP) stellte im Interview mit „RTL“ in Aussicht, künftig Alters- und Pflegeheime mit Klimaanlagen auszustatten.
Ein solches Umdenken gab es aber noch nicht überall. So sagte Paul Galles (CSV) in seiner Funktion als Schulschöffe der Stadt Luxemburg im öffentlich-rechtlichen „Radio 100,7“: „Künftig soll in jedem Schulgebäude eine „Kälteinsel“ geschaffen werden.“ Davon, alle Klassenräume angemessen kühl zu halten, war jedoch nicht die Rede. Dass in Zukunft immer wieder mit Hitzewellen zu rechnen ist, die dann womöglich auch noch in die Prüfungszeit fallen, scheint weder im Bildungsministerium noch bei den Gemeinden angekommen zu sein.
„Wir können nicht von Kindern, älteren und gesundheitlich gefährdeten Menschen erwarten, dass sie ihr Leben einfach unterbrechen, bis die nächste Hitzewelle vorbei ist. Deshalb brauchen wir jetzt Sofortmaßnahmen für diesen und die nächsten Sommer. Wir fordern deshalb ein großes Investitionsprogramm, um unsere Schulen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen dauerhaft klimaresilient zu machen,“ sagte Meris Šehović (Déi Gréng) im Rahmen einer Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag. Seine Partei fordert ein „Sofortprogramm für Abkühlung und Hitzeschutz.“ Dort, wo es notwendig sei, müssten Sonnenschutz, Ventilatoren oder Klimaanlagen installiert werden, für Neubauten von öffentlichen Gebäuden fordert die Partei neue Standards, die den Hitzeschutz berücksichtigen.

Wie auf diesem Diagramm zu sehen ist, wird es durch die Klimakrise immer wärmer in Luxemburg. (Grafik: CC BY Ed Hawkins/University of Reading)
Energiearmut im Sommer
„Ist es zu warm bei Ihnen?“, fragte das Gesundheitsministerium auf sozialen Netzwerken. Um dann vier Orte vorzuschlagen, an denen man sich stattdessen aufhalten könnte: Supermärkte, Einkaufszentren, Kinos und Bibliotheken. Von vier Möglichkeiten also immerhin eine, die Eintritt ohne Konsumzwang bietet. Dabei gibt es viele Menschen in Luxemburg, die ihre Wohnung nicht angemessen kühl halten können: 37,4 Prozent der Haushalte gaben dies bei der letzten EU-Studie zu den Lebensumständen an. Dieser Wert liegt weit über den EU-Durchschnitt von etwa 26 Prozent, das Großherzogtum ist damit mit Finnland das einzige EU-Land außerhalb des Mittelmeerraumes, in dem sich ein derart hoher Anteil der Bevölkerung nicht ausreichend abkühlen kann.
Bereits 2016 sorgte sich die EU-Kommission erstmals um das Phänomen der Sommer-Energiearmut: Haushalte, die es sich aus diversen Gründen nicht leisten können, ihre Wohnung im Sommer angemessen kühl zu halten. Obwohl dies oft mit der Winter-Energiearmut, also zu wenig Geld zum Heizen, einhergeht, haben in Luxemburg nur etwas mehr als 36 Prozent der Haushalte, die im Sommer Probleme haben, diese auch im Winter. Das deutet darauf hin, dass es ein systemisches Problem mit zu heißen Wohnungen gibt. Besonders betroffen sind Menschen, die in urbanen Räumen leben, die sich zusätzlich aufheizen: Laut Eurostat sind 75 Prozent der Europäer*innen in dieser Situation.
Die meisten EU-Staaten ignorieren das Problem weiterhin, nur in einigen Ländern Südeuropas gibt es in den nationalen Energie- und Klimaplänen Kapitel zu Energiearmut im Sommer. Luxemburg gehört, obwohl stark betroffen, nicht dazu. Die EU-Kommission arbeitet aktuell an der neuen Version ihrer Strategie zum Heizen und Kühlen, die demnächst erscheinen soll. Darin sollen vor allem Ziele für den Einsatz von erneuerbaren Energien im Heiz- und Kühlsektor festgeschrieben werden.
Ärmere Haushalte sind der Hitze ungleich stärker ausgesetzt als wohlhabende: Bei den Erstgenannten liegt der Anteil jener Haushalte, die im Sommer nicht angemessen kühl sind, bei über 45 Prozent. Das bedeutet Stress, schlechten Schlaf und Anfälligkeit für eine Vielzahl von gesundheitlichen Beschwerden. Es senkt, und zumindest das sollte die CSV-DP-Regierung alarmieren, auch die Produktivität. Mehre Milliarden Euro gingen der Wirtschaft der EU so jährlich verloren, gibt das „Joint Research Centre“ der EU-Kommission (JRE) an. Eine seiner Studien geht davon aus, dass die Zahl im Jahr 2080 bei 563 Milliarden Euro liegen könnte.
Kein Privatproblem
Die Frage, ob Wohnungen und Wohnhäuser in Zukunft Klimatisierung oder Kühlung haben müssen, stellt sich also nicht – die Frage ist eher wie es gelingt, urbane Räume insgesamt möglichst kühl zu halten. Herkömmliche Klimaanlagen haben viele Nachteile: Sie müssen aufwändig eingebaut werden, benötigen viel Strom und verwenden oft Kühlmittel, die umweltschädlich sind, zum Beispiel weil sie Ewigkeitschemikalien enthalten. In Luxemburg hatten 2007 lediglich 5 Prozent der Haushalte eine Klimaanlage – neuere Daten gibt es nicht, denn Eurostat fragt diese nicht mehr ab.
EU-weit steigen die sogenannten „Cooling Degree Days“ (CDD), Tage an denen es so heiß ist, dass eine aktive Kühlung vonnöten ist, seit den 1980er-Jahren kontinuierlich an. Das JRE geht davon aus, dass sich der Energieverbrauch für die Kühlung von Wohnhäusern bis zum Ende des Jahrhunderts verdreifachen wird. Eine „gute“ Nachricht in diesem Zusammenhang ist, dass die Tage, an denen geheizt werden muss, durch die Klimakrise sinken, und zwar wesentlich stärker als die CDD steigen. Demnach könnte der Gesamtenergieverbrauch für Heizen und Kühlen sogar sinken.
Zudem gibt es die Möglichkeit, Wärmepumpen nicht nur zum Heizen, sondern auch zum Kühlen zu verwenden. Es spricht aber einiges dagegen, die Kühlung von Wohngebäuden als rein privates Problem statt als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu sehen. Zwar gibt es viele Möglichkeiten, gerade bei einem Neubau auf innovative Technologien zu setzen, aber das Aufheizen der Städte ist ein gesellschaftliches Problem. Ändert sich nichts an der Gestaltung des Stadtbildes, verschlimmert sich die Situation für ärmere Haushalte, die sich keine Klimaanlage leisten können: Die vielen Klimaanlagen heizten die Umgebung nämlich zusätzlich auf. Lösungen gibt es zum Glück einige, und viele sind recht einfach umzusetzen.
So könnte ein neuer Anstrich für Dächer bereits die Situation verbessern. Weiße Dächer reflektieren mehr Sonnenlicht, spezielle Farben bis zu 97 Prozent, was für Kühlung sorgen kann. Eine weitere, relativ kostengünstige und niederschwellige Lösung sind Markisen, die im Sommer Fenster beschatten können. Nach dem gleichen Prinzip könnten, wie es beispielsweise im Mittelmeerraum zum Teil üblich, engere Straßen komplett mit Sonnensegeln verhangen werden. Eine Studie aus dem spanischen Cordoba zeigt, dass Straßen dadurch bis zu 15 Grad Celsius kühler sein können. Für breite Boulevards ist das zwar keine Lösung, in dicht besiedelten urbanen Gebieten jedoch ein möglicher Ansatz.
Mehr Grün und mehr Kälte
Die bereits seit einigen Jahren immer lauter werdende Forderung nach mehr Grün in Städten und Ortschaften ist in diesem Kontext durchaus sinnvoll. Zur Kühlung des urbanen Raumes können nicht nur Bäume beitragen, sondern auch die Entsiegelung und Begrünung von Flächen, die dadurch mehr Wasser aufnehmen, sich weniger schnell aufheizen und zur Kühlung der umliegenden Wohnräume beitragen. Auch dieses Thema war in den letzten Tagen in Luxemburg Teil der politischen Debatte. Die hauptstädtische Bürgermeisterin Lydie Polfer (DP) war von Radio 100,7 mit der Aussage zitiert worden, sie halte mehr Begrünung für unnötig. Wenige Tage später machte sie gegenüber RTL einen Rückzieher: „Natürlich habe ich das nicht gesagt.“ Polfer betont immer wieder die Wichtigkeit großer, versiegelter Flächen in der Innenstadt für die Ausrichtung von Konzerten und Jahrmärkten.
Am Donnerstag forderten Déi Gréng, die Initiative „Méi Natur an eise Stied an Dierfer“ in ein permanentes staatliches Förderprogramm umzuwandeln. Neben Gemeinden will die Partei auch Privatpersonen subventionieren, wenn diese Vorgärten grüner gestalten. „Wir brauchen jetzt entschlossenes Handeln und echtes Tempo beim Hitzeschutz auf allen Ebenen. Mit mehr Bäumen, mehr Schatten und konsequenter Entsieglung machen wir unsere Gemeinden widerstandsfähiger und schaffen Orte, an denen Menschen auch in Zukunft gut leben können“, sagte die ehemalige Umweltministerin Joëlle Welfring auf der Pressekonferenz.
Die Tatsache, dass es in Luxemburg bislang nur wenig Fernwärmenetze gibt, könnte nun immerhin genutzt werden, um den dringend nötigen Ausbau auch zum Klimatisieren und Kühlen zu nutzen: Die sogenannte fünfte Generation solcher Netze kann so konzipiert werden, dass diese gleichzeitig zur Kühlung und zum Heizen verwendet werden können. Sie funktionieren mit niedriger Temperatur, sind also energieeffizient. Allerdings benötigt man dann im Haus eine kleine Wärmepumpe, die die Luft auf die gewünschte Temperatur bringt. Alternativ ist es auch möglich, getrennte Fernwärme und -kältenetze zu betreiben, die auf effiziente Art und Weise ganze Ortschaften mit Wärme oder Kälte versorgen können.
Der „Mouvement écologique“ forderte bereits im März eine „Wärmewende“ und legte dabei ein besonderes Augenmerk auf den Ausbau von Fernwärmenetzen, welchen die Regierung mit einer Wärmeplanung vorantreiben sollte. (;„Klimafreundlich heizen: Ausstieg aus Öl- und Gasheizungen“; woxx 1877) Eine gute Idee, die durch eine Kühlungsplanung ergänzt werden sollte, denn in Zukunft wird das nötig sein.

