SUSANNE BIER: Ungerechte Welt

„Hævnen“ ist ein eindrucksvolles Drama über die zeitlosen Themen der Familie und der Frage nach Gerechtigkeit.

Die beiden Jungen beschließen sich gegen die erlebten Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen.

Es war eine gute Entscheidung, dass die 1960 in Dänemark geborene Susanne Bier zwar lange studierte, sich am Ende aber doch für das entschied, was für sie das Richtige war, nämlich die Filmregie. Dass sie nun ihr Metier beherrscht, davon zeugen eine ganze Reihe von Werbe- und Spielfilmen. Bekannt wurde sie mit den Dogma-95-Filmen „Open Hearts“ (2002) oder „Brothers“ (2004). In ihrem neuen Werk „In a Better World“, im Original „Hævnen“, für das sie bereits den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt, hat sie von dem Dogma-Genre zwar teilweise Abstand genommen, ist sich ansonsten aber treu geblieben. Zumindest, was die Themen betrifft: Ihr Interesse gilt Geschichten von Menschen, deren Leben sich unerwartet für immer verändert. So auch in „Hævnen“. Zwei 12-jährige Jungen, Elias und Christian, in deren Leben so manches schief läuft, spielen hier die Hauptrollen. Ihre Eltern, voller guter Absichten, aber von ihrem eigenen Leben ganz in Anspruch genommen, stehen den Kindern weitgehend hilflos gegenüber. Elias‘ Vater Anton arbeitet während des größten Teils des Jahres als Arzt in einem afrikanischen Flüchtlingscamp, weit weg von der idyllischen Heimatstadt in Dänemark und seiner Frau Marianne, von der er auch sonst getrennt lebt. Auch bei Christian, der gerade mit seinem Vater von London in die kleine Stadt gezogen ist, sind die Familienbeziehungen gestört. Christian gibt seinem Vater die Schuld an dem Tod der Mutter, die an Krebs starb. Während Elias an der Schule Mobbing ertragen muss, wird der unter dem Tod seiner Mutter leidende Christian von den Mitschülern schlicht ignoriert. Infolge ihrer Außenseiterposition finden die beiden Jungen zueinander und schließen Freundschaft. Doch auch außerhalb der Schule begegnet ihnen Gewalt – als sie Zeuge werden, wie Vater Anton, der stets versucht, Gewaltlosigkeit vorzuleben, von einem Fremden geschlagen wird. Die beiden Jungen, zwischen dem Antrieb zur Rache und der Forderung nach Vergebung stehend, beschließen, sich gegen die erlebten Ungerechtigkeiten zur Wehr zu setzen.

Susanne Bier spricht ein Thema an, das nicht so oft behandelt wurde: den Platz der Kinder in der Gesellschaft und ihre Beziehung zu den Eltern. In realitätsnahen Aufnahmen entwickelt Bier ihr Thema auf einer ganzen Reihe von Ebenen: Sie kombiniert und kontrastiert Szenen in Afrika und Europa, zeichnet in feinsten Nuancen die Verlorenheit der Kinder und beleuchtet die emotionale Befindlichkeit der Eltern. Moralisch, aber nie moralisierend, zeigt sie eine Elterngeneration, die widerstandslos Ungerechtigkeiten hinnimmt und zugleich ihren Kindern ein Vorbild sein will. Sie führt Eltern vor, die von ihren Kindern alles wissen wollen, sich selbst jedoch kaum je mitteilen. Und sie schildert Jugendliche, Kinder noch fast, die sich gegen diese Ungerechtigkeiten und diese Sprachlosigkeit auflehnen. Hervorragend ist die schauspielerische Leistung von Elias (Markus Rygaard) und Christian (William Jøhnk Nielsen), die unaufgeregt und konsequent die unterschiedlichen Charaktere der beiden Hauptfiguren darstellen. Auch hat der Film, trotz seiner Länge, einen überzeugenden Rhythmus. So wirken etwa die Filmaufnahmen der afrikanischen und dänischen Landschaft in „Hævnen“ wie Ausblocker, die dem Zuschauer erlauben, gedanklichen Abstand zu gewinnen. Insgesamt ein schöner Film, der ohne großen Pomp daherkommt und die kleinen Katastrophen schildert, die zu ganz großen werden können.

Im Utopia.


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