LUXEMBURG: Näischt ze räissen, näischt ze bäissen

„Armes Luxemburg?“ Mit dieser provokativen Frage lockt das hauptstädtische Geschichtsmuseum – pünktlich zur Krise – zu seiner neuen Ausstellung.

Bitterarm, aber pittoresk: Szene im Stadtgrund 1905/06. Der mitleiderzeugende Blick auf die Armut ist oft kein spontaner, die meisten Fotos sind gestellt.

„Familie mit 8 Kindern bewohnt 1 Zimmer und 2 kleine Räume unter dem Dach. Eltern und die 2 kleinsten Kinder, 4 Monate und 2 Jahre, schlafen in dem Zimmer, in welchem gekocht, Wäsche gemacht, gewohnt wird. Windeln liegen umher, ein Rabe wohnt mit im Zimmer. In dem einen Dachzimmer schlafen 3 Knaben in einem Bett, einer davon ist epileptisch. Fenster von 0,50 qm, Bewurf fällt ab, Kinder sammeln Hundeexkremente für Gerberei. Eimer davon im Zimmer, entsetzlicher Geruch. Im anderen Zimmer schlafen 3 Mädchen auf dem Boden, kein Bett, ein Loch ohne Fenster zum Hereinlassen von Luft und Licht, mit Lumpen verhängt, Dach durchlöchert.“

So beschreiben die bürgerlichen Damen des „Vereins für die Interessen der Frau“ 1907 die Zustände im Stadtgrund, und die deutsche Journalistin und Frauenrechtlerin Adele Schreiber, die die Luxemburger Frauen bei ihrer „Sozialenquête“ in den Unterstädten begleitet, berichtet, „dass man in dieser Unterwelt Dinge zu sehen bekommt, die sich getrost den traurigsten Bildern aus Ost-London an die Seite stellen lassen. [?] Von jeder Wanderung durch die armen Quartiere im Abgrund kommt man mit Grauen im Herzen zurück.“ (1)

Dies ist nicht das erste Mal, dass in Luxemburg Armut thematisiert wird. Aber vielleicht erst hier wird sie zu einem öffentlichen Thema. Und dass der erst 1904 entstandene „Verein für Volks- und Schulhygiene“ es übernimmt, die Enquete der Frauen zur veröffentlichen, spricht ebenfalls für sich. Die Anfänge des 20. Jahrhunderts sind durch einen Bewusstseinswandel gegenüber dem Phänomen der Armut gekennzeichnet. Nicht mehr als gottgebenes Schicksal erscheint sie nun, sondern als Ausdruck sozialer Missstände, die nach gesellschaftlichen bzw. staatlichen Lösungen verlangen.

Domestizierung der Bedürftigen

Doch was ist Armut? Ist Armut gleich Hunger oder Elend? Sind Phänomene wie Wohnungsmisere und Wohnungsnot, Kinderarbeit, Geldmangel und Verschuldung immer auch Armutsphänomene? Ist Armut ein Karma, eine Strafe oder das Ergebnis von Ungleichheit und Ungerechtigkeit? Die Ausstellung „Armes Luxemburg?“, kuratiert von der internen Projektleiterin Marie-Paule Jungblut und dem externen Berater Claude Wey, versucht sich nicht an einer Definition. Sie fragt einfach: „Fühlen Sie sich arm oder reich?“ und versucht zunächst, mit ganz konkreten Erscheinungsformen heutiger Armut den Blick der Satten einzufangen: mit nachgebauten Regalen einer „épicerie sociale“, mit O-Tönen von Häftlingen, Junkies, Flüchtlingen usw. Regelrechten Hunger leiden auch von diesen Armen nur wenige. Dass Armut relativ ist, das heißt, sich am jeweiligen Wohlstand einer Gesellschaft misst, wird am Beispiel Luxemburg sehr deutlich. Aber auch, dass Armsein häufig Katalysator sozialer Ausgrenzung ist. Die seit einigen Jahren auftauchenden Sozialläden künden, so der Ausstellungstext, von der „Rückkehr zu der antragsgebundenen Nahrungsmittelversorgung des 19. Jahrhunderts, die immer auch eine Domestizierung der Bedürftigen darstellte.“

In der Tat bewegt sich, nach den „Trente Glorieuses“ auch das Luxemburger Sozialsystem immer weiter weg vom egalitären Prinzip der gleichberechtigten Erfüllung der Grundbedürfnisse für alle. Dagegen setzt sich jenes der Aufteilung der Gesellschaft in Zahlfähige und Habenichtse weiter durch. „Preiswahrheit“ ist angesagt – wer den „wahren“ Preis für Wasser, Strom oder andere lebensnotwendige Güter nicht zahlen kann, muss dankbar sein für öffentliche Unterstützung. Und seit ein, zwei Jahrzehnten sind sie auch wieder da, die bettelnden Menschen auf den städtischen Bürgersteigen, die man lange für ein ausgestorbenes Phänomen hielt.

Armut als Skandal

Sichtbare Armut – die Ausstellung zeigt sie in einer historischen Perspektive, beginnend mit dem 19. Jahrhundert. Etwa als Folge der Industrialisierung: Die Bilder der Arbeit in der Handschuhfabrikation und der Champagnerverpackung, übrigens zum allergrößten Teil von Frauen verrichtet, zeigen, dass auch in Luxemburg die untersten Schichten der Gesellschaft den Prozess der Proletarisierung durchmachten. Zur Armut auf dem Land, die die Menschen erst in die Fabriken bzw. in die industrielle Heimarbeit gedrängt hatte, existieren dagegen nur wenige fotografische Quellen.

Bei der Darstellung der Industriearbeit werden allerdings manchmal konservative Geschlechtermodelle unhinterfragt übernommen. So heißt es im Begleittext zum Thema Kinderarbeit: „1852 braucht eine vierköpfige Tagelöhnerfamilie elf Hektoliter Weizen zum Überleben und muss dafür 2000 bis 3000 Arbeitsstunden bzw. 200-300 Tage arbeiten. Sie kann ihren Lebensunterhalt nur bestreiten, wenn Frauen und Kinder mitarbeiten [?].“ Frauenarbeit als Zubrot, als Zeichen mangelnden Wohlstands – diese Darstellung folgt der im 20. Jahrhundert gängigen Aufteilung der Geschlechterrollen, die ignorierte, dass Frauenerwerbsarbeit im 19. Jahrhundert so normal wie Männerarbeit war, nur eben schlechter bezahlt.

Nach dem Exkurs zu den historischen Formen der Armut kehrt die Ausstellung zurück in die Gegenwart. Am Beispiel der Junkies wird auf einfache, aber anschauliche Weise der Alltag zwischen Drogenbeschaffung, Drogenkonsum und Betreuungsmaßnahmen der diversen öffentlichen Institutionen dargestellt. Gezeigt werden aber auch „Reaktionen auf Armut“, in der Form der Emigration (von Personen, die sie sich leisten konnten) oder privater, gesellschaftlicher und staatlicher sozialer Wohlfahrtspflege.

Gestützt auf zahlreiche Foto- und Filmdokumente wird die Subjektivität des Blicks auf die Armut beschrieben, der sich zwischen Skandalisierung, Voyeurismus und Gesellschaftskritik bewegt. Auch die eingangs zitierte Sozialenquête fungiert in der Ausstellung als Zeugnis der Sichtweise der Oberschicht gegenüber der städtischen Armut.

Der Blick der Ausstellung selbst ist dabei größtenteils ein Blick von außen. Dass die Armen selbst wenig zu Wort kommen, erklärt sich zumindest in den historischen Kapiteln aus der Quellenlage. Dennoch ist auffallend, dass zum Beispiel die Kriegsarmut ausschließlich am Beispiel des Ersten Weltkriegs mit seinen Geschäftsstürmereien, Hungerpolonaisen und Lebensmitteldemonstrationen dargestellt wird. Für den Zweiten Weltkrieg gibt es noch ZeitzeugInnen, die von Lebensmittelkarten, Kaffeeersatz, Kunsthonig usw. hätten berichten können.

Arm und Reich

Kaum angesprochen wird zudem, dass die Darstellung der Armut und ihres Pendants, der Armutsbekämpfung, immer den jeweiligen gesellschaftlichen Interessen entspricht. Die Selbstlegitimierung des jungen Luxemburger Staates oder die gesellschaftliche Machtposition der Kirche, die auf einem Netz von Einrichtungen für Hilfsbedürftige fußte, werden wenig problematisiert. Eine theoretische Analyse der Wohltätigkeit – etwa anhand von Foucaults Konzept der Disziplinierung – fehlt völlig.

Auch im Ausstellungskatalog ist diese kritische Analyse nicht zen-tral. Der Katalog reproduziert nicht nur – eine lobenswerte Idee – den Begleittext selbst mitsamt zahlreichen Illustrationen (unter denen die Fotos von Christoph Weber besonders hervorstechen). Er präsentiert vor allem eine entsprechend den Blöcken der Ausstellung gegliederte Sammlung von historiografischen und sozialwissenschaftlichen Beiträgen zum Thema Armut. Auch hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Gruppe der Forscher und (wenigen) Forscherinnen wie die Katze um den heißen Brei schleicht, nämlich um die Frage, wie Armut entsteht und wie sie strukturiert ist. Wir müssen uns bis Seite 267 hindurchlesen, um von Claude Haas und Helmut Willems zu erfahren, dass der Soziologe Serge Paugam zwischen drei verschiedenen Typen der Armut differenziert: der integrierten Armut, die so große Teile der Bevölkerung trifft, dass sie nicht stigmatisierend wirkt, der marginalen, bei der Arme als Sozialfälle ausgegrenzt werden, und der ausschließenden, mit der die seit einiger Zeit um sich greifende Prekarität von Einkommen und Lebensverhältnissen gemeint ist. Auch hier wird allerdings nicht davon gesprochen, wie die gesellschaftliche Verteilung des Reichtums – und der Armut – zustande kommt.

Der Katalog präsentiert sich also eher als ein Kaleidoskop von Deklinationen des Themas Armut. Kurator Claude Wey untersucht den Diskurs des wirtschaftlichen Erfolgs als Legitimationsstrategie für den Nationalstaat Luxemburg, mehrere Beiträge behandeln Kinder- bzw. Jugendarmut, Guy Schmit liefert eine interessante Sammlung von Interviews mit Häftlingen, Nadia Miny beschreibt am Beispiel der Waisenkinder die Entwicklung der staatlichen Wohltätigkeit. Während historische Fälle bewussten materiellen Verzichts, etwa aus religiösen Gründen, nur am Rande zur Sprache kommen, tauchen Verzichtstheorien – Klassiker der Ökologiebewegung – in mehreren Texten in
Form von Aufrufen zur Konsummäßigung auf.

Manchmal schwingen auch hier konservative Töne mit – etwa, wenn der Pädagoge Michael-Sebastian Honig in einem Beitrag zur Kinderarmut unter dem Stichwort „soziale Risiken“ festhält: „Denn der Abschied der Sozialpolitik vom männlichen Ernährer ist auch ein Abschied von der Hausfrau und der von Erwerbsarbeit freigestellten Mutter, und damit beinhaltet sie einen Abschied vom Modell einer Kindheit im Schoß der Familie.“ Und einzelne Beiträge fallen qualitativ merklich ab: So ist der Beitrag von Alfred Bové zur oben erwähnten Sozialenquête nicht viel mehr als ein Resümee älterer Arbeiten von Germaine Goetzinger. Zur Studie der Sozialarbeiter Jean-Marie Barnich, Roger Faber und André Reuter von 1977 über die Lebensbedingungen im Stadtgrund hätte man sich eine historische Analyse gewünscht statt eines einfachen Textauszugs.

Die Ausstellung „Armes Luxemburg?“ lässt, wie sollte es anders sein, am Ende viele Fragen offen. Sie ist trotzdem in dem Maß gelungen, wie sie zum Fragen anregt. Dass die Darstellung des Phänomens Armut sowohl in der Ausstellung als auch im Katalog seltsam verschwommen bleibt, liegt sicher an dem Grundansatz der Verantwortlichen, Armut als isolierte Erscheinung darzustellen. Die ist aber nur die eine der beiden Schneiden der gesellschaftlichen Wohlstandsschere: Ohne die Beachtung der anderen und der Ursachen des Auseinanderklaffens kann man wohl kaum einen angemessenen Begriff von ihr gewinnen.

(1) Zit. nach Goetzinger, Germaine: Der Verein für die Interessen der Frau. In: „Wenn nun wir Frauen auch das Wort ergreifen?“. Luxembourg, 1997, S. 63-79.

Armes Luxemburg? Ausstellung im Geschichtsmuseum der Stadt Luxemburgs. Bis zum 29/04/2012, Texte Dt. / Fr. / Engl. Öffnungszeiten unter www.mhvl.lu.

Ausstellungskatalog : Armes Luxemburg? / Pauvre Luxembourg ? Hg. von Marie-Paule JUNGBLUT / Claude WEY. Publications scientifiques du Musée d’Histoire de la Ville de Luxembourg, XV. Luxemburg 2011, 365 S., Texte Dt. / Fr., Ill., 29,80 EUR, ISBN 978-3-943157-09-3.


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