HAUS OMEGA 90: Bis zum Tod

Seit neun Monaten ist das Hospiz in Hamm nun in Betrieb, die Verantwortlichen können erste Bilanzen ziehen.

Das Haus Omega 90: Außen eine eher abweisende Architektur – erstrahlt das Gebäude im Innern in warmen Erdtönen.
55 Menschen wurden hier bisher auf ihrem letzten Lebensweg palliativ betreut.

Das Haus Omega 90 wirkt, als sei es nicht von dieser Welt – der minimalistische Flachbau des Architekten Claude Schmitz, in schlichtem Weiß und Beige gehalten, scheint wie ein Raumschiff über dem Hammer Plateau zu schweben. Auch das Logo am Eingang des Gebäudes – konzentrische Kreise – erinnert an die Ringe eines Planeten oder an das kontemplative Bild, das entsteht, wenn ein Stein in ein stilles Gewässer sinkt.

Todkranke Menschen finden hier ihre letzte Einkehr, das Haus ist die Endstation ihres Lebens. Seit nunmehr neun Monaten ist das „Centre d’accueil pour personnes en fin de vie“ in Betrieb und bietet jeweils 15 kranken Menschen palliative Pflege bis zum Tod. Betritt man das ätherische Gebäude, vergisst man schnell, dass hier unheilbar kranke Menschen leben, bei denen keine Heilungsbemühungen mehr unternommen, sondern nur noch die körperlichen Schmerzen gelindert und der letzte, schwere Lebensabschnitt, so weit es eben geht, durch Pflege und Zuwendung und eine angenehme Atmosphäre erleichtert werden soll. Die warmen Erdtöne im Innern des Gebäudes, der bepflanzte, offene Innenhof, der konvivial eingerichtete gemeinsame Patienten-Speiseraum mit Blick in die Küche, einer Kinderspielecke mit den vielen Fenstern, die nach draußen auf einen kleinen Tümpel gehen, auf dem ein Entenhaus schwimmt – alles ist auf dieses Ziel ausgerichtet. Die Anforderung an das Projekt, das über 6,5 Millionen Euro kostete, war, die Infrastruktur eines Krankenhauses zur Verfügung zu stellen, zugleich aber in dem Gebäude eine familiäre Atmosphäre zu schaffen. Licht und hell sind folglich die Flure und auch die Zimmer, die mit ihren 36 Quadratmetern geräumiger sind als im Krankenhaus. Angehörige können gratis und wann sie es wünschen bei ihren Nächsten übernachten; die Betten der Patienten können aus den Zimmern auf die jeweils eigene, sichtgeschützte Terrasse, die auf die Parkanlage geht, geschoben werden. Ein Kranker kann so, auch wenn er nicht mehr in der Lage ist, aufzustehen, vom Bett aus den Wind spüren und den Wolken zusehen.

Im Flur, vor dem Abschiedsraum, brennt an diesem Tag eine Kerze. Neben ihr liegt auf einem Ständer ein Buch, in das Angehörige letzte Grüsse und Wünsche schreiben können. Im Innern des Raumes steht ein Katafalk, eine holzverkleidete Kühltruhe mit geschlossenem, durchsichtigem Glasdeckel, in welcher sich der offene Sarg mit dem Leichnam befindet: Eine ältere Dame ist vor einigen Stunden verstorben.

Seit Anfang Februar lebt auch der Vater von Juliane Gallion im Haus Omega. Bei dem Achtzigjährigen wurde vor einem Jahr ein bösartiger Tumor an der Leber festgestellt, der sich über die Jahre hinweg unentdeckt entwickelt hatte. Als Zwangsrekrutierter war Gallion in russischer Gefangenschaft geraten; dort wurde das Essen mit Maschinenöl zubereitet. Das habe, erklärt die Tochter, zur Zersetzung seiner Leber geführt. Chemotherapien blieben wirkungslos. Der Vater wurde nach Hamm verlegt, da er nicht länger im Krankenhaus bleiben wollte und die Pflege zu Hause nicht mehr gewährleistet war. „Das Haus Omega war der beste Platz, den wir finden konnten“, versichert Gallion mit leiser Stimme. „Es herrscht eine ganz menschliche Atmosphäre.“ Die Ärzte versuchten nicht, weiterhin Experimente am Patienten zu machen. Es seien immer Freiwillige da, die sich liebevoll um Patienten kümmern, und zwischen den betroffenen Familien entstünden häufig Freundschaften. Auch könnten Angehörige beim Trägerverein Omega 90 Hilfe finden, da der Verein nicht nur Weiterbildungen in „palliative care“ für Berufstätige aus dem Gesundheitswesen und Ehrenamtliche anbiete, sondern auch über Fachkräfte verfüge, die sich um trauernde Familienmitglieder kümmern. „Ich dachte, mein Vater müsste 100 Jahre alt werden“, so Juliane Gallion. „Er hat immer viel Power gehabt, war in der Gemeindepolitik aktiv und hat historische Bücher verfasst. Doch nun geht es zum Ende …“

Wartelisten von zwei Wochen

Seit neun Monaten ist die Einrichtung nun in Betrieb und hat seither 55 Menschen betreut. Der Altersdurchschnitt liegt bei 71 Jahren, die durchschnittliche Verweildauer bei 35 Tagen. Die meisten Patienten sind Frauen. „Das ist ganz einfach: Frauen werden älter, und oft ist es so, dass Frauen zwar ihre Männer pflegen, die Männer jedoch nicht ihre Frauen.“ Laut Michel Keilen, Leiter des Hauses und seit rund 20 Jahren beim Trägerverein Omega 90 aktiv, zeigen die Zahlen, dass es einen großen Bedarf an palliativer Pflege in Luxemburg gibt und dass es gelungen ist, die Philosophie des Hauses in der Öffentlichkeit zu vermitteln. „Wir sind vollbelegt und haben eine Warteliste“, erklärt Keilen.

Die durchschnittliche Wartezeit beträgt zurzeit zwei Wochen. Vorrang hätten Patienten, die zu Hause nicht mehr gut oder nicht lückenlos versorgt werden können, oder deren Angehörige von den Anforderungen der Pflege erschöpft seien. „Letztlich wird von Fall zu Fall entschieden. Wir besuchen auch mal die Patienten zu Hause, im Spital oder im Rehazentrum, um uns ein Bild zu machen“, erläutert Keilen. Im Januar 2011 erhielt das Haus endlich den Status eines Krankenhauses. Der Vorteil davon ist, dass die Bewohner gleich behandelt werden: Sie müssen nicht, wie in einem Pflegeheim, erst einmal 2.000 Euro vorschießen, sondern haben während dreißig Tagen einen Eigenbetrag von rund 20 Euro pro Tag zu entrichten; danach ist der Aufenthalt kostenlos. Bedingung für die Aufnahme im Hospiz ist, dass die Patienten über ihre Situation aufgeklärt worden sind. „Es können nicht Menschen auf eine Palliativstation verlegt werden, die noch Hoffnung auf Heilung haben“, so der Leiter. Wichtig ist auch, dass die Betroffenen schon vorher in einer Patientenverfügung ihre Wünsche bezüglich der medizinischen Betreuung und der Bestattungsart dargelegt haben.

Sterbehilfe wird im Haus Omega nicht durchgeführt. Zwar habe es schon entsprechende Wünsche gegeben, doch seien diese nicht bis zum Schluss aufrechterhalten worden. „In Holland werden Hospiz-Bewohner, die die Euthanasie wollen, in ein angegliedertes Krankenhaus überführt, wo die Maßnahme gemäß den Vorgaben des Gesetzes vollzogen wird“, erläutert Keilen. Das sei der Weg, den man sich auch für Hamm vorstellen könnte.

Die Vermittlung von Patienten an das Haus Omega geschieht in der Regel durch einen Arzt aus dem Krankenhaus, so Keilen. Die steigende Bekanntheit der Einrichtung bewirke jedoch, dass sich zunehmend Familien direkt an das Haus wendeten. In der Mehrheit sind die Betreuten Krebskranke, Menschen die einen Gehirnschlag erlitten haben, Komafälle oder Personen, die an degenerativen Krankheiten leiden.

Viele Patienten sind am Anfang noch mobil. Ihr Zustand kann sich sogar dank der ganzheitlichen Betreuung noch für eine Weile verbessern. Diese Betreuung wird von einer 17-köpfigen professionellen Mannschaft aus Krankenpflegern, einer Psychologin sowie einer Kinesitherapeutin gewährleistet. Vier Ärzte, die viel Erfahrung in der Schmerztherapie haben, kommen abwechselnd ins Hospiz. So sind schmerzlindernde Therapien vorgesehen: Mit Musik-, Balneo-, Lichttherapie und Hypnose können Ängste abgebaut und Sinne angeregt werden.

Rund-um-Versorgung und große Autonomie

Die Rund-um-Versorgung soll, so weit es eben geht, die Autonomie der Patienten intakt lassen. „Wir haben keine festgelegten Aktivitäten zu festen Zeiten. Die Bewohner stehen auf, wann sie wollen. Die Hygiene ist ihrem eigenen Lebensrhytmus angepasst, und auch die Essenszeiten, die in der Regel in der Gruppe eingenommen werden, sind sehr großzügig ausgelegt. Es gibt keine festen Besuchszeiten“, erklärt Keilen den Tagesablauf. Die personenbezogene Betreuung macht denn auch den Unterschied zum Krankenhausaufenthalt aus. „Im Krankenhaus wird mehr mit Standards gearbeitet, und der Patient ist eher Gast. Hier ist er mehr der Bewohner, der entscheidet, was oder wieviel gemacht wird“, verdeutlicht Michael Weker, Pfleger im Haus Omega den Unterschied. „Der Bewohner darf auch einmal sagen, heute will ich meine Ruhe haben. Dann hängen wir ein Schild vor das Zimmer: Bitte nicht stören.“ Auch ist der Umgang mit den Betroffenen ein anderer als im Krankenhaus. „Es ist ein offenerer Umgang. Wir arbeiten mit vielen Infos von unseren Bewohnern und ihren Familien. Der Patient wird als Ganzes betrachtet und nicht auf den Krebs von Zimmer 7 reduziert“, veranschaulicht Weker. Präsenz sei wichtig, auch wenn es auf viele Fragen keine Antwort gebe.

Die Angehörigen werden in die Pflege einbezogen; das reicht von der Essensausgabe bis zu therapieunterstützenden Relaxationsmaßnahmen. „Sie fühlen sich so gebraucht, und auf diesem Wege erfahren wir häufig auch, wie es zu Hause gelaufen ist“, erklärt Weker. Auch die Totenwaschung können Familienmitglieder, zusammen mit der Krankenschwester, übernehmen. „Für uns ist die Totenwaschung kein pflegerischer Akt – es ist ein Abschiedsritual“, erklärt der Leiter des Hospizes.

Wichtig für eine gute Betreuung sind auch in Hamm regelmäßige Supervisionen und interdisziplinäre Zusammenkünfte und Fallbesprechungen. „In der Endphase artikulieren die Betroffenen oft Dinge, die sie bedrücken. Das machen sie nur einmal. Und das sind Geschichten, die wir weitergeben müssen“, erläutert Weker. Jedoch nicht nur die Krankenfleger müssen in der Palliativmedizin gute Zuhörer sein, auch die von Omega 90 ausgebildeten Ehrenamtlichen haben ein Kommunikationstraining absolviert, bevor sie eingesetzt werden.

Gerade für Patienten, die keine Familie mehr haben und sich einsam fühlen, können die Freiwilligen von Omega eine große Hilfe sein – sofern die Betroffenen eine solche wünschen. „Ich denke oft an die Bewohner, die gestorben sind – aber nie mit Trauer“, meint eine Freiwillige von Omega 90, die ihre Besuchsschicht in leuchtendem Rosa antritt. „Oft habe ich sehr schöne Momente mit den Bewohnern erlebt. Wir lachen viel, wir machen Musik, tanzen oder lesen. Es finden regelmäßig Konzerte statt.“ Zwar sei das Hospiz ein Haus, dessen Zweck das Sterben ist – doch werde in ihm auch sehr intensiv gelebt.


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