SCHULE: „Stillstand heißt Rückschritt“

Luxemburgs Schulpolitik braucht dringend einen Kurswechsel, so das Fazit von Pisa-Chef Andreas Schleicher. Tatsächlich entdeckt das Bildungsministerium allmählich die professionelle Schulentwicklung.

Sie macht ihre Hausaufgaben. Luxemburgs Bildungsverantwortliche auch? (Foto: Archiv)

Mehr als 20 Projekte habe er schon mitgemacht. Keines sei konsequent evaluiert worden. Nun habe er keine Lust mehr. Die wahre Geschichte eines frustrierten Lehrers, die Bildungsministerin Mady Delvaux-Stehres auf einer LSAP-Veranstaltung am vergangenen Dienstag erzählte, ist kein Einzelfall. So dürfte es vielen engagierten Lehrkräften ergehen.

Und noch einen Vorfall wusste die Ministerin in ihrem Vortrag „Was gibt es Neues in der Schulpolitik?“ zu berichten: Auf einer Visite im Régime préparatoire traf sie auf einen ausländischen Schüler, der vor der siebten Klasse lediglich die erste und zweite Klasse der Primärschule besucht hatte – der Neuankömmling war zudem noch sitzengeblieben.

Auf die „hohe Zahl von Klassenwiederholungen“ wies auch Pisa-Chefkoordinator Andreas Schleicher am vergangenen Montag hin. Der OECD-Bildungsexperte war gekommen, um Luxemburgs Ergebnisse bei Pisa II zu erläutern. Seine Analyse fiel eindeutig aus: Das luxemburgische Schulsystem verstärkt soziale Unterschiede statt sie zu mindern. Und: „Das Potenzial vieler junger Menschen geht verloren.“ Eine Sichtweise, die zunehmend auch im Ministerium geteilt wird.

„Wir können uns diese Verschwendung nicht mehr leisten“, mahnte Delvaux-Stehres angesichts rund eines Fünftels aller Jugendlichen, die Luxemburgs Schulen ohne jeglichen Abschluss verlassen.

Dass dies nicht nur schöne Worte einer LSAP-Ministerin sind, die sich das Vertrauen der hiesigen Lehrerschaft erst noch verdienen muss, sondern allmählich ein echtes Umdenken in der Bildungspolitik stattfindet, dafür spricht einiges.

So wurden, anders als noch bei Pisa I, die Ergebnisse der zweiten Pisa-Studie im Ministerium gründlich diskutiert. Neben Schleicher halfen dabei ausländische Schulexperten wie Jürgen Baumert vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und Olaf Köller vom Berliner Institut für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, die Luxemburgs schlechtes Abschneiden bereits Ende Januar vor der parlamentarischen Unterrichtskommission analysierten.

Die neue Informations- und Diskussionskultur ist gewollt: „Herr Schleicher hat vieles gesagt, was wir ganz ähnlich meinen“, sagt Michel Lanners, Leiter des „Service de coordination de la recherche et de l’innovation pédagogiques et technologiques“ (Script). Es habe aber „mehr Impakt“, wenn bestimmte Feststellungen von außen kämen.

Debatte um Bildungsstandards

Tatsächlich sind viele der Experten-Empfehlungen für Luxemburg absolutes Neuland. Während andere Pisa-Verliererländer längst über neue Bildungsstandards diskutieren, sie teilweise sogar eingeführt haben, lernen hiesige Ministerialbeamte erst, was es damit überhaupt auf sich hat. Fachwissen über Schulentwicklung und Schulreformen ist rar. Die BeamtInnen müssen es mit ausländischer Hilfe und entsprechender Fachliteratur mühsam entwickeln – schließlich ist die luxemburgische Situation gerade wegen der besonderen Sprachsituation und der hohen Anzahl ausländischer SchülerInnen nicht ohne Weiteres mit denen anderer Pisa-Länder vergleichbar.

Immerhin sind verschiedene Arbeitsgruppen im Ministerium und auf Ebene der Programmkommissionen bereits dabei, so genannte Kompetenzstandards für die vierten, sechsten und neunten Klassen zu bestimmen. Bis Sommer 2006 sollen so für alle Schulen verbindliche Lernziele entstehen, die Luxemburgs Jugendliche in den verschiedenen Fächern erreichen müssen. Ob das gelingt, bleibt angesichts der chronisch knapper und nicht adäquat ausgebildeter Personalressourcen aber abzuwarten.

Einen Konsens über Lernziele zu finden, dürfte zudem nicht einfach sein. Denn nicht nur, dass die Meinungen über notwendige Lerninhalte oft weit auseinander liegen – in den verschiedenen Pisa-Siegerländern werden Bildungsstandards ganz unterschiedlich definiert: Finnlands Schulen arbeiten mit eher allgemein gehaltenen Lernzielen (die derzeit allerdings überprüft werden). Großbritannien hingegen, das bei Pisa I auf Platz sieben lag, hat seine Ziele sehr viel strenger und präziser definiert.

Kein Wunder also, dass es bei der Diskussion um das Konzept fürs „Neie Lycée“ zu einem regelrechten Streit kam zwischen BefürworterInnen eher allgemeiner Standards und solchen, die möglichst konkrete, gut messbare Kompetenzniveaus vorgeben wollten. Die Bildungsministerin tendiert nach eigenen Aussagen „zu beiden Seiten“.

So oder so, „An Bildungsstandards führt kein Weg vorbei“, weiß Andreas Schleicher, der zudem auf die Notwendigkeit von „Unterstützungssystemen“ hinweist. Was sich dahinter verbirgt: eine umfassende Evaluationskultur.

Neue Evaluationskultur

„Wir bauen eine solche gerade erst auf“, sagt Script-Chef Lanners. Schon unter der Ex-Ministerin Anne Brasseur (DP) habe seine Dienststelle damit begonnen, Daten zusammenzufassen und neues Zahlenmaterial über die Schulen zu erheben. Ein kleiner Meilenstein war die „Votre école et vous“- Studie, in der sich Luxemburgs Schulakteure erstmals selbst über ihre Schulen äußern durften.

Die Script-Daten können aber noch mehr. Weil Schulresultate und andere Studienergebnisse zentral gesammelt werden, entsteht allmählich ein immer genaueres Bild über Erfolge und Mängel des Schulwesens.

„Viele Länder wissen zu wenig über ihr Bildungssystem“, hatte Schleicher kritisiert. Luxemburgs Bildungsverantwortliche scheinen gewillt, endlich Licht ins neblige Schuldossier zu bringen: Noch in diesem Monat sollen erste Schulen ihre jeweiligen Pisa-Resultate erfahren und zudem die Gelegenheit bekommen, sie mit dem Ministerium gemeinsam zu analysieren. Zwischen den Schulen gibt es große Leistungsunterschiede. Die Ergebnisse veröffentlichen wollen die Verantwortlichen gleichwohl nicht; es ist aber ein offenes Geheimnis, dass Schulen mit einem hohen Anteil ausländischer SchülerInnen eher schlechter abschnitten. Man sei nicht so weit, erklärt Lanners vage.

Dass der Umgang mit Evaluation in Luxemburg erst noch gelernt werden will, zeigt nicht nur die Zurückhaltung vieler Direktionen und LehrerInnen gegenüber Pisa. Evaluation bedeutete hier zu Lande lange Zeit nicht viel mehr als rudimentäre quantitative Erhebungen oder simple Schülertests. Eine Rechenschaftspflicht, wie sie in anderen Ländern längst zum Schulalltag gehört, existiert in Luxemburg bisher nicht. Dabei kann eine professionelle Schulevaluation ausdrücklich „als Chance zur Weiterentwicklung der Schulen“ wahrgenommen werden, so der gemeinsame Befund internationaler Bildungsexperten*. In einem 270-seitigen Vergleich der Schulsysteme ausgewählter Pisa-Länder haben deutsche, englische, finnische, französische, kanadische, niederländische und schwedische WissenschaftlerInnen versucht, Erklärungen für das Abschneiden bei Pisa zu identifizieren.

Ihre Ansatzpunkte für Reformen und Innovationen dürften auch Luxemburgs Bildungsverantwortliche interessieren: Neben vorgegebenen Bildungsstandards und regelmäßigen Evaluationen schlagen sie vor, die Autonomie der Schulen zu stärken und die Lehrer(weiter)bildung zu forcieren.

So könnte Bildungsministerin Delvaux-Stehres auf Änderungen aufbauen, die bereits ihre Vorgängerin eingeleitet hatte: In dem noch in der vergangenen Legislaturperiode gestimmten Gesetz zur Neuorganisation der Lyzeen ist bereits mehr Eigenverantwortung für die Schulen vorgesehen.

Ähnliches plant Delvaux-Stehres auch für die Grundschule. Dafür muss die bereits unter Brasseur begonnene Reform des Gesetzes von 1912 weiter geführt werden. Zunächst bleibt aber auch dort noch vieles zu klären. Im Primärunterricht existiert bisher keinerlei externe Evaluation. Das soll sich ändern: Luxemburgs Grundschulen kommen im Rahmen der internationalen Pirls-Lesestudie im Sommer 2006 auf den Prüfstand.

„Es nützt nichts, die Augen zu verschließen“, sagt Delvaux-Stehres, die auch Veränderungen im Primärunterricht plant. Dort sollen ebenfalls Lernziele definiert werden, Lehrer und Eltern in den Schulen mehr Verantwortung bekommen. Ähnliches geschieht derzeit im Rahmen eines Reformversuchs des Régime préparatoire. Wie beim Pilotprojekt im Cycle inférieur des technischen Sekundarunterrichts (woxx Nr. 784) sollen entschlackte Programme sowie neue Lehr- und Benotungsmethoden wieder Lust auf Lernen machen und Lehrkräfte verstärkt die Kooperation mit den Eltern suchen.

Wer dann noch weiß, dass auch die verpflichtende Weiterbildung kein Tabuthema mehr ist und dass die Ministerin entlang einer Studie vom Europäischen Rat zur Sprachsituation bisherige Inhalte im Sprachenunterricht überdenken will – der wird die jüngsten Proteste einiger LehrerInnen und ihrer Gewerkschaften gegen die geplanten Reformvorhaben vielleicht in einem anderen Lichte sehen.

„Stillstand bedeutet Rückschritt“, hat Bildungsexperte Schleicher gewarnt. Den Satz zumindest scheint sich Luxemburgs Bildungsministerium endlich zu Herzen genommen zu haben.

* Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung: „Vertiefender Vergleich der Schulsysteme ausgewählter Pisa-Teilnehmerstaaten“.

www.bmbf.de/pub/pisa-vergleichsstudie.pdf


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