DEI LENK: Ungewisse Zukunft

von | 22.04.2005

Nach der Wahlniederlage im Juni 2004 sucht déi Lénk neue Wege, um linke Inhalte jenseits der Chamber unters Volk zu bringen. Das EU-Referendum könnte dabei helfen.

„Lasst uns den Franzosen nacheifern“, rief ein dĂ©i-LĂ©nk-Mitglied auf dem Kongress. Kommende Woche schon will dĂ©i LĂ©nk ihre Non-Kampagne zur EU-Verfassung starten.

„Mama, mir spille Krich“, so der begeisterte Ausruf eines kleinen Jungen im voll besetzten Konferenzsaal des Centser Kulturzentrum am vergangenen Sonntag. FĂĽr den Bruchteil einer Sekunde ist es still. Dann brechen die etwa 70 BesucherInnen in schallendes Gelächter aus. Viel mehr zu lachen, hatten die TeilnehmerInnen des vierten dĂ©i-LĂ©nk-Kongresses aber nicht. Fast ein Jahr nach der Wahlniederlage steht der 1999 gegrĂĽndeten linken Sammelbewegung, wie sich die Partei selbst nennt, eine weitere Nagelprobe bevor: die Gemeindewahlen im Herbst. Die Wahlkampagne war es auch, die neben zwei Tätigkeitsberichten den Schwerpunkt der Veranstaltung bildete.

„Statt Resignation und Demotivierung ist eine neue Dynamik entstanden“, freut sich David Wagner von dĂ©i LĂ©nk bei seiner Vorstellung des Tätigkeitsberichtes fĂĽr die Jahre 2003 und 2004. Seit dem Sommer hätten sich neue, auch junge Leute bei dĂ©i LĂ©nk engagiert; wohl prominentestes Beispiel ist ClĂ©o Thoma, Radiomoderatorin beim 100,7, und neuerdings Kandidatin und Mitglied der Nationalen Koordination.

Diese gute Nachricht kann aber nicht darĂĽber hinwegtäuschen, dass sich Luxemburgs Linke in einer Krise befindet. FĂĽr die Spaltung mit der Kommunistischen Partei (KP) bezahlte dĂ©i LĂ©nk einen hohen Preis: von fĂĽnf Prozent im Juni 1999 (mit der KP) rutschte dĂ©i LĂ©nk im vergangenen Jahr auf unter zwei Prozent. Der Chambersitz ist futsch – und mit ihm das Parteilokal sowie dringend benötigte Finanzmittel. Die ĂĽberwiegende Mehrheit der Linken teilt deshalb die Einschätzung von Janine Frisch von der Nationalen Koordination: „Die Trennung hat uns sehr geschadet.“ Die Aufarbeitung der Ereignisse vom FrĂĽhjahr 2004 fällt offensichtlich immer noch schwer. Schuld daran ist ein taktisches Fehlverhalten der in PR eher ungeĂĽbten Organisation: Statt offensiv die GrĂĽnde fĂĽr den Bruch mit den Kommunisten zu benennen, wich dĂ©i LĂ©nk Presse-Nachfragen aus. Man habe damals „keine schmutzige Wäsche waschen wollen“, versucht Guy W. Stoos, linkes Gemeinderatsmitglied der Stadt Luxemburg, eine Erklärung. „Ein schwerer Fehler“, weiĂź er heute. Wie tief die Kluft zwischen den einstigen Weggefährten mittlerweile ist, hat die von dĂ©i LĂ©nk organisierte, kritische Informationsveranstaltung zur EU-Verfassung Ende Januar dieses Jahres gezeigt. Trotz illustrer Gäste – der deutsche Europaabgeordnete Tobias PflĂĽger sowie der Franzose Francis Wurtz, Vorsitzender der Vereinigten Linken im Europaparlament – weigerte sich das KP-Presseorgan „Zeitung vum LĂ«tzebuerger Vollek“, eine bezahlte Werbung abzudrucken.

Das Wegfallen der „Zeitung“ trifft die Bewegung nicht unerheblich. Auch wenn die Mitglieder nicht mĂĽde werden, ein entspanntes Verhältnis zu den heimischen Medien zu beschwören, Fakt ist: Linke Themen und Veranstaltungen finden weiterhin nur schwer den Weg in die groĂźen Tageszeitungen.

Linke Erfolge

Dabei hat die Bewegung ihr GespĂĽr und ihren Einsatz fĂĽr gesellschaftlich wichtige Themen schon mehrfach unter Beweis gestellt. Es war der ehemalige dĂ©i-LĂ©nk-Abgeordnete Serge Urbany, der im RTL-Fernsehen als erster die drastischen sozialen Folgen der „Bolkestein“-Dienstleistungsrichtlinie thematisierte und den Premierminister zu einer öffentlichen Stellungnahme zwang. Und es war die Internetzeitung goosch.lu, die als erstes Medium ĂĽber die geplante, arbeitnehmerfeindliche Neufassung der EU-Arbeitszeitdirektive (woxx Nr. 792) informierte.

Auch auf nationaler Ebene konnte die Bewegung Akzente setzen. Die „Lex Greenpeace“ von Justizminister Luc Frieden (CSV), welche die Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit einschränken sollte, kam dank eines breiten BĂĽndnisses zwischen dĂ©i LĂ©nk, DĂ©i GrĂ©ng und den Jungsozialisten vom Tisch.

Auf kommunaler und regionaler Ebene sind linke Erfolge allerdings nicht so offensichtlich. Mit AndrĂ© Hoffmann sitzt zwar ein dĂ©i-LĂ©nk-Mitglied im Escher Schöffenrat. Doch das Kräfteverhältnis in der rot-rosa-grĂĽnen-Koalition macht linke Akzentsetzungen schwierig. Erfolge werden erfahrungsgemäß zudem eher dem stärksten Koalitionspartner zugerechnet. Misserfolge hingegen können, das hat auch die Diskussion um die von CSV und DP eingefĂĽhrten ParkgebĂĽhren in der Hauptstadt gezeigt, auf den schwächeren oder medial weniger geschickt agierenden Partner abgewälzt werden. Die Liberalisierung des Escher Stromnetzes etwa hat dĂ©i LĂ©nk nicht verhindern, sondern nur abmildern können – und damit einige WählerInnen vor den Kopf gestoĂźen. Gleichwohl wirbt die Organisation unter dem Motto „Esch bewegt sich“ fĂĽr ihre Erfolge in der Koalition: die EinfĂĽhrung des City-Busses und der Chancengleichstellungsstelle etwa, den behindertenfreundlichen Ausbau der Stadt oder den landesweit ersten kommunalen Sozialbericht. Ăśber die Stromliberalisierung freilich schweigt sich dĂ©i LĂ©nk aus.

Ob eine verbesserte Selbstdarstellung allein aber ausreichen wird, um an alte Wahlerfolge im Süden anzuknüpfen, ist fraglich. Immerhin stimmten im Jahr 2000 fast 13 Prozent der wahlberechtigten EscherInnen für die damals noch vereinigte Linke. Laut sagt es zwar keiner, aber damit, beide Sitze im Escher Gemeinderat halten zu können, rechnet in der Partei eigentlich niemand. Und auch um den Platz in Luxemburg-Stadt bangt so mancher.

„Wir mĂĽssen klare, erkennbare Themen setzen“, betont Stoos und verweist auf Partizipation, Gemeindefinanzen, Transportpolitik und Wohnungsnot. Dass dĂ©i LĂ©nk auf diesen Feldern etwas zu sagen hat, zeigt ihr vorläufiges Rahmenprogramm fĂĽr die Gemeindewahlen. Darin stehen so konkrete Vorstellungen wie die (Selbst-)Verpflichtung, einen bestimmten Prozentsatz an Sozialwohnungen fĂĽr Einkommensschwache bereitzustellen oder die Anhebung der Gemeindesteuern. Angesichts chronisch klammer Gemeindekassen wird Letzteres längst nicht mehr nur auf linker Seite diskutiert. Auch die verstärkte Einbindung von BĂĽrgerInnen in kommunale Entscheidungen, wie sie in der linken Vorzeigestadt Porto Alegre (Brasilien) praktiziert wird, steht in dem von AndrĂ© Hoffmann entworfenen Neun-Punkte-Papier. Allerdings: Von der portugiesischen Sprache einmal abgesehen ist von Porto Alegre in Esch nichts zu spĂĽren.

Identitätssuche

Allen realpolitischen Zugeständnissen zum Trotz bleibt eine Grundschwierigkeit: Weil sich dĂ©i LĂ©nk als „basisdemokratische linke Sammelbewegung“ versteht, scheint das eigene Profil eher unscharf. Zudem wirken linke Slogans von auĂźen häufig etwas verstaubt, manchmal gar beliebig. Was sagt der berĂĽhmte Porto-Alegre-Spruch „Eine andere Welt ist möglich“ Menschen, die nicht aus der globalisierungskritischen Ecke kommen? Und wie unterscheidet sich das linke Nein zur Europäischen Verfassung von dem Nein von ADRlern oder, noch schlimmer, der extremen Rechten?

„Unser ‚Nein‘ ist ein ‚Nein‘ zur undemokratischen und unsozialen EU-Verfassung, keinesfalls zu Europa“, präzisiert Justin Turpel. Dass zwischen rechtem und linkem Nein-Sagen Welten liegen, beweise die Ablehnung von dĂ©i LĂ©nk gegenĂĽber antidemokratischen, nationalistischen und rassistischen Ideen eindeutig.

FĂĽr ihn und seine GenossInnen ist klar: Die zukĂĽnftige Herausforderung fĂĽr die Linke liegt darin, europäische Gesetze und ihre Auswirkungen fĂĽr den Einzelnen präzise benennen zu können – und realistische Alternativen aufzuzeigen. „Das wird sicherlich nicht einfach“, sagt auch Guy W. Stoos.

Den Kopf in den Sand stecken, wollen dĂ©i LĂ©nk trotzdem nicht. Frankreichs Linke habe es schlieĂźlich vorgemacht, wie sich ĂĽber eine kritische Analyse der Lissabon-Agenda viele Menschen fĂĽr linke Ideen mobilisieren lassen. Während der Diskussion um die „Bolkestein“-Dienstleistungsdirektive im Februar dieses Jahres protestierten Hunderttausende Franzosen fĂĽr klassisch linke Forderungen wie soziale Gerechtigkeit, Umverteilung, ArbeitszeitverkĂĽrzung. Dank „Bolkestein“ scheint auch ein „Nein“ beim französischen Referendum im Mai nicht mehr ausgeschlossen.

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