NICOLAS WINDING REFN: Von null auf hundert

In „Drive“ sind die Film-Noir Bildgestaltung und der Soundtrack mitreißender als die unglaubwürdige Handlung.

In weniger als zehn Sekunden vom Kleinganoven zum blutrünstigen Racheengel:
Dieser Fahrer hat kein leichtes Leben.

Der „Fahrer“, der Hauptprotagonist dessen Name der Zuschauer nie erfährt, verdient seinen Lebensunterhalt mit schnellen Autos: Tagsüber schraubt er in einer Garage an ihnen herum oder fährt sie in Filmstunts zu Schrott. Bei Nacht ist er der beste Fluchtplan für die kalifornische Unterwelt: Während fünf Minuten steht er Einbrechern zu Diensten, nach Ablauf der Zeit rast er in die Nacht, ob seine Kunden ihre krummen Dinge rechtzeitig erledigt haben oder nicht. Falls sie es ins Auto geschafft haben, ist ihnen die Flucht gesichert, denn der Fahrer kennt alle Unterführungen und Gassen in Los Angeles. Shannon (Bryan Cranston), der Besitzer der Autowerkstatt und Kleinganove, kennt das Talent des gelassenen Lenkradakrobaten und will ihn hinter das Steuer eines NASCAR Wagens setzen.

Schlussendlich ist es die Begegnung mit Irene (Carey Mulligan), seiner Nachbarin in der Hochhauswohnung und ihres Sohnes Benicios (Kaden Leos) die das recht monotone und einsame Leben des Fahrers aus den Fugen geraten lässt. Denn er scheint sich langsam in Irene zu verlieben. Diese Liebe bleibt unerfüllt, weil Irenes Ehemann Standard (Oscar Isaac) aus dem Gefängniss entlassen wird. So muss der Fahrer wieder die Rolle als Freund der Familie übernehmen. Ein Freund dessen Hilfe dringend benötigt wird: Standard schuldet nämlich seinen Gefängnis-Beschützern Geld. Falls er dieses nicht aufbringt, werden sie sich an Irene und Benicio rächen. Ein Überfall auf einen Pfandladen soll die nötige Summe einbringen und der Fahrer stellt der Familie seine Dienste sofort zur Verfügung. Doch der Raubüberfall endet – wie es bereits der Trailer verriet – in einem Blutbad. Die Haupfiguren geraten schließlich ungewollt zwischen die Fronten eines landesweiten Bandenkrieges und der Fahrer ist auf einmal einziger Schutz für Irene und ihren kleinen Sohn. Der sonst so teilnahmslose Raser, der still liebte und sich immer weigerte eine Waffe zu tragen, rastet nun aus und tötet jeden der Irene und Benicio in die Quere kommt.

Nicolas Winding Refn hat mit „Drive“ ein düsteres und auch recht brutales Werk geschaffen, das ohne viel Dialog auskommt. Das Schweigen der Hauptfiguren, die spärlich beleuchteten Motelzimmer und Hausflure sowie die nächtlichen Fahrszenen lassen eine bedrückende Grundstimmung entstehen, die vor allem gegen Ende des Films von blutigen Gewaltausbrüchen und wilden Verfolgungsjagden jäh unterbrochen wird. Die Teilnahmslosigkeit des Fahrers steht im starken Gegensatz zu den emotionalen Beziehungen in seinem Umfeld und Ryan Gosling, zur Zeit gleich in mehreren größeren Produktionen zu sehen, stellt diese Ruhe meisterhaft dar. Weniger glaubwürdig ist allerdings das Temperament der Hauptfigur, das genau wie die schnellen Autos in wenigen Sekunden von null auf hundert hochschießt. Reagiert der Fahrer anfangs erst nach sehr langen Pausen auf seine Mitmenschen und erscheint total ungerührt, tritt er nachher spontan einem seiner Gegner den Schädel ein. Von dieser Unglaubwürdigkeit vermag die makellose Ästhetik des Filmes gekonnt abzulenken. Da ist zum Beispiel die weiße Motorradjacke, die der Fahrer nur selten ablegt, ein makabrer Psychopathen-Pegel. Das anfangs weißglänzende Leder verfärbt sich nach und nach mit braunen Ölflecken und Blutspritzern und dokumentiert so den tragischen Fall des Helden. Auch der bittersüße Soundtrack verleitet einen dazu, die mangelnde Tiefe der Protagonisten zu vergessen und sich der Stimmung hinzugeben. Und wem das gelingt, wird „Drive“ mögen.

Im Utopolis.


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