STATEC: Soziales Gefüge in Zahlen

256 Seiten umfasst der jüngste „rapport travail et cohésion sociale“ des Statec. Neben einer Reihe von Basisdaten über die Luxemburger Arbeitswelt liefert er auch Informationen über Armut und Reichtum in der Luxemburger Bevölkerung.

Spätestens seit Juli dieses Jahres ist es auch offiziell: Das Luxemburger statistische Amt Statec ist nicht mehr nur für die reinen harten Wirtschaftsdaten zuständig, etwa der Menge des produzierten Stahls oder der Gesamtbilanzsumme der hiesigen Finanz-institute. Die von Serge Allegrezza geführte Institution ist neuerdings qua Gesetz gehalten, auch die soziale und ökologische Entwicklung des Landes zu dokumentieren.

Insofern stellte die diesjährige Vorstellung des „rapport travail et cohésion sociale“ eine Premiere dar, obwohl der Bericht keineswegs zum ersten Mal erscheint. Aber das von Armand Frising, Guillaume Osier, Paul Reiff, Jean Ries und Paul Zahlen verfasste Dokument präsentiert sich nun mit einer neuen Struktur, die das Zahlenmaterial in zwei Kapitel aufteilt. Das erste behandelt Aspekte des Arbeitsmarktes, das zweite ist den Einkommen und dem Lebensstandard gewidmet. Dieses zweite Kapital erfüllt, so Serge Allegrezza, die Aufgabe eines so genannten „Armutsberichtes“, wie er in schöner Regelmäßigkeit vor allem von „déi Lénk“ eingefordert wird. Tatsächlich hinterlässt die neue Zusammenstellung den Eindruck, dass man relativ schnell Zugang zu einer Reihe von Informationen zum sozialen Gefüge in unserem Lande erhält – allerdings meist begrenzt auf so genannte „résidents“, das heißt ohne die in Luxemburg tätigen GrenzgängerInnen.

Das hat methodologische Gründe: Eine Reihe der für das Zahlenmaterial notwendigen Erhebungen bestehen aus Umfragen in den Haushalten und sind auf das Territorium Luxemburgs begrenzt. Außerdem befinden sich einige der im zweiten Teil behandel-

ten Fragestellungen noch ziemlich im Anfangsstadium. Es gibt viele Momentaufnahmen, etwa über die Verteilung des Besitzes in der nach Einkommen in Dezilen gruppierten Bevölkerung. Doch wie die hier festgestellte Ungleichheit sich entwickelt, und ob

etwa die Verteuerung des Wohnraums eine größere Zahl von Menschen von diesem Reichtum ganz ausschließt, verrät die Statistik zur Zeit noch nicht.

Interessant ist allerdings die sehr starke Diskrepanz zwischen dem Dezil der Reichsten im Lande und jenem, das unmittelbar unter ihm rangiert: Deren Angehörige sind nur etwa halb so wohlhabend wie die Superreichen. Ferner entfällt bei den Immobilien abzüglich des Hauptwohnsitzes auf diese beiden Gruppen fast doppelt so viel Immobilien-Vermögen wie auf die restlichen 80 Prozent der Bevölkerung.

Das erste Kapitel ist nicht nur umfangreicher, es entspricht auch eher dem, was wir bislang vom Statec gewohnt waren: In Sachen Arbeitsmarkt kann auf absolute Wirtschaftsdaten zurückgegriffen werden, die nicht unbedingt durch aufwendige, zum Teil qualitative Studien erhoben werden müssen. Ein im europäischen Vergleich gern genutzter Indikator ist zum Beispiel der Beschäftigungsgrad der 20 bis 64-Jährigen. Noch Mitte der 1990er Jahre wies Luxemburg hier den recht niedrigen Wert von etwas über 60 Prozent aus. Im Rahmen der europäischen Kompetitivitäts-Strategie hat Luxemburg sich für 2020 einen Wert von 73 Prozent zum Ziel gesetzt. Dieses dürfte auch erreicht werden, denn der schlechte Ausgangswert hat seinen Grund vor allem in der Tatsache, dass noch 1995 nur knapp 45 Prozent der Frauen der besagten Altersklasse einen Beruf ausübten ? gegenüber gut 80 Prozent bei den Männern.

Kaufkrafterhalt dank Sozialtransfers

Bis 2010 stieg der Beschäftigungsgrad der Frauen kontinuierlich auf

62 Prozent an, während der der Männer sich auf einem recht kons-tanten Niveau von zum Schluss 79,2 Prozent hielt. Der Grad der Gesamtbe-schäftigung belief sich 2010 auf 70,6 Prozent (siehe Grafik oben).

Interessant ist auch die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die

ja in den ver-

gangenen Monaten stark angestiegen ist. Sie folgt einem auch über längere Zeit verfolgbaren Trend, der allerdings unterschiedlich ausgeprägt ist, je nachdem welche Definition der Arbeitslosigkeit zugrunde gelegt wird. Nach den Vorgaben des Bureau international du Travail, der die Verfügbarkeit und die aktive Suche nach Arbeit als Hauptkriterien ansetzt, wäre in jüngster Zeit die Arbeitslosigkeit sogar rückläufig. Folgt man der Adem, die sich am Rechtsstatus der bei ihr gemeldeten Personen orientiert, hat sie dagegen laufend zugenommen. Die Erklärung der Diskrepanz sieht der Statec in der Entmutigung vor allem der Langzeitarbeitslosen, die gar nicht mehr versuchen, auf dem Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen.

Hinsichtlich der Armutsentwicklung gibt sich der Statec verhalten optimistisch: Trotz der Krise sei das Luxemburger Sozialmodell noch nicht ins Trudeln geraten. Das relative Armutsrisiko (bei dem Personen mit weniger als 60 Prozent des medianen Einkommens erfasst werden) war 2010 mit 14,5 Prozent sogar leicht rückläufig. Dass es trotzdem recht hoch ist, hat auch mit dem insgesamt hohen Einkommen der Luxemburger zu tun, denn der Indikator betrifft alle Personen, denen im Monat weniger als 1610 Euro zur Verfügung stehen. Voraussetzung für dieses Ergebnis sind allerdings die hohen Sozialtransfers in Luxemburg. Ohne Ausgleich über Sozialleistungen und Mindestpensionen wären in Luxemburg 45 Prozent der Bevölkerung – statistisch gesehen – dem Armutsrisiko ausgesetzt, Tendenz steigend (siehe Grafik unten).

Der gesamte Bericht ist in französischer Sprache als PDF-Dokument verfügbar unter: http://www.statistiques.public.lu/fr/publications/series/cahiers-economiques/2011/ 112-cohesion-sociale/index.html


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