ANDREW NICCOL: Zeit für Schmalz

In Time basiert auf einer interessanten und kritischen Sci-Fi Idee, die jedoch schnell in Kitsch und Belanglosigkeit versinkt.

In Time basiert auf einer interessanten und kritischen Sci-Fi Idee, die jedoch schnell in Kitsch und Belanglosigkeit versinkt.

Wir schreiben das Jahr 2161. Geldprobleme hat niemand mehr. Dies heißt jedoch nicht, dass jeder reich ist. Denn anders als Banknoten und Münzen sind nun Stunden und Minuten die Währung mit der Dienste und Produkte gekauft werden. Wer älter als 25 Jahre alt werden will, muss sich die restliche Zeit mit Arbeit verdienen. Ein Countdown aus 13 grün-leuchtenden Zahlen am Arm der Menschen verrät, wie lange sie noch zu leben haben. Wenn 13 Nullen unter der Haut leuchten, fällt man tot um. Der 28-jährige Will Salas (Justin Timberlake) steht jeden Tag einige Minuten vor seinem Tod, er kämpft um jede Sekunde. Seine Arbeit in einer Fabrik wird nur spärlich bezahlt, die Ausgaben für Nahrung und Transport steigen hingegen ständig. Als er eines Tages mit seinem besten Freund Borel (Johnny Galecki) auf den steinreichen und sehr betrunkenen 105-jährigen Henry Hamilton (Matt Bomer) trifft, wendet sich sein Schicksal. Hamilton, unter dessen Haut am Arm ein Countdown von mehr als einem Jahrhundert leuchtet, spendiert leichtsinnig der ganzen Bar Getränke. Fortis (Alex Pettyfer), Anführer der Gangsterbande Minutemen, wird auf ihn aufmerksam und beschließt, ihn seiner Zeit zu berauben.

Will kommt ihm allerdings in die Quere und flüchtet mit Hamilton vor den brutalen Zeiträubern. Als die beiden in Sicherheit sind, erklärt Hamilton Will vom eigentlichen Vorhaben der Superreichen: Die vorhandene Zeit ist ausreichend um jedem ein normales, langes Leben zu gewähren, doch eine Minderheit will unsterblich sein. „Damit wenige für immer leben, müssen viele sterben“, erklärt Hamilton. In der kommenden Nacht schenkt er dem schlafenden Will seine ganze Zeit bis auf 5 Minuten: Diese reichen aus um auf einer nahgelegenen Brücke auf den Tod zu warten. Will trifft sich mit seiner Mutter Rachel (Olivia Wilde), um ihr von der gewonnenen Zeit zu erzählen. Doch sie konnte sich die teuere Busfahrt nach Hause nicht mehr leisten und musste zum Treffen laufen. Sie sackt anschließend tot, weil zeitlos, vor ihrem Sohn zusammen, Sekunden bevor er sie mit einem erlösenden Händedruck hätte retten können. Will, der nun steinreich ist, trachtet nach Rache. Er begibt sich nach New Greenwich und mischt sich unter die ein Prozent Superzeitreichen. Dort lernt er Sylvia, die Tochter eines Zeitkredit-Gebers kennen und macht sich mit ihr als mehr oder weniger freiwilligen Geisel auf eine Bonnie und Clyde Tour durch die Zeit-Banken.

Die Weltbevölkerung ist dieses Jahr auf sieben Milliarden gestiegen, die Wirtschaftskrise fängt gerade erst richtig an und in Städten rund um die Welt gehen Tausende gegen die Habgier der „1 Prozent“ auf die Straße. Zu Beginn des Films sind die Darstellungen der Welt im Jahr 2161 und die Parallelen, die man mit der Aktualität ziehen könnte, sehr interessant. Nachdem die radikale Lösung der Übervölkerung und die Aufteilung in Klassen jedoch erklärt sind, bleibt kein Raum mehr für Tiefgehendes, denn von nun an besteht die Handlung ausschließlich aus atemberaubenden Verfolgungsjagden, vorhersehbaren Wortspielen und Racheposen. Als Zuschauer schaut man dann plötzlich, genau wie die Schauspieler, jede paar Minuten auf die Uhr. Sylvia erkennt von einer Sekunde auf die andere die Ungerechtigkeit des Systems, das unter anderem vom Unternehmen ihres Vaters aufrecht erhalten wird. Dann verliebt sie sich in Will. Ihr plötzlicher Sinn für soziale Gerechtigkeit ist wohl eher als persönlicher Rachezug gegen ihren Vater und Liebesbeweis für Will zu verstehen und wirkt demnach oberflächlich und falsch. Für die obligatorischen Liebeleien – Justin Timberlakes Oberkörper hat wieder einmal eine eigene Rolle – bleibt trotz der Eile noch reichlich Zeit, und Silva rennt auch zwei Minuten vor ihrem Todes-countdown am Liebsten auf hohen Hacken um ihr Leben. Aber Fashion und Schmalz sind wohl voraussehbar bei Produktionen wie dieser. Schade jedoch um die verpasste Tiefe, die durch solch eine interessante Dystopie möglich gewesen wäre.

Im Utopolis, Starlight, Sura und CinéBelval.


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