POLANSKI: Elternnachmittag mit Egomanen

Die Verfilmung von Yasmina Rezas Bühnenstück „Der Gott des Gemetzels“ vermischt Dogmafilm, Hollywood-Salonkomödie und zweitklassige Fernsehunterhaltung.

Da ist die Fassade
bereits zertrümmert…

Mit Theaterverfilmungen in Hollywood ist das so eine Sache. Klassiker geraten zuweilen zu opulenten Schinken. Ausstaffierte barocke Kulissen und teure Kostüme verschleiern den Blick auf Details, die nur auf der Bühne wirken. An das, was Theater bieten kann, kommt der Film nicht heran, selbst wenn sich ein Meister wie Roman Polanski mit erstklassigen Schauspielern wie Jodie Foster und Christoph Waltz in Designerkostümen von Milena Canonero daran versucht. Kein Wunder, dass Polanskis „Gott des Gemetzels“ bei dieser Besetzung prompt eine Einladung zu den 68. Filmfestspielen in Venedig erhielt. Man erwartet eine bissige Komödie und erhält klischeeüberfrachtetes Salongezanke, in der vier Hollywoodgrößen um den Oscar buhlen.

Nur die erste und letzte Kameraeinstellung richtet sich aus der Ferne auf das East River in Brooklyn. Der Rest spielt in ein und demselben Appartement, angeblich in New York. Doch angesichts der Tatsache, dass sich Polanski, seit 1977 in den USA wegen Missbrauchs einer Minderjährigen angeklagt dort nicht mehr blicken lassen kann, wurde in einem Pariser Studio gedreht. So wie es auch die ursprüngliche Fassung von Yasmina Rezas Stück vorsah. Dieses direkte Reinfilmen ins Wohnzimmer ist auch schon die größte Schwäche des Films. Ausgerechnet Polanski, berühmt für seine klaustrophobische Filmgestaltung – wie 1968 in Rosemaries Baby – versucht sich an der Demaskierung des Bürgertums und spart just an den Einstellungen, indem er die Kamera einfach ins Wohnzimmer hält. So als hätte es Chabrol nie gegeben. Dabei müsste doch gerade Polanski, als Kind der Lodzer Filmhochschule, es besser wissen. Sein „Chinatown“ (1974) trägt noch deutliche Züge des Film Noir. Schlicht unglaubwürdig ist außerdem, dass das Ehepaar Cowen zweimal genervt gehen will und sich dann dazu entschließt, doch zu bleiben und das auch noch, nur weil die Nachbarn gucken. Das mutet wirklich an wie Lindenstraße.

Und irgendwie ist das auch kein Wunder bei Rezas ohnehin schon reduzierter Handlung. Das bildungsbürgerliche Ehepaar Penelope und Michael Longstreet (Jodie Foster und John C. Reilly) und das neureiche Ehepaar Nancy und Alan Cowen (Kate Winslet und Christoph Waltz) treffen sich zum Schlichtungsgespräch, weil der Sohn der Cowens dem Sohn der Longstreets zwei Schneidezähne ausgeschlagen hat. Ob er nun mit einem Stock „bewaffnet“ oder „ausgestattet“ war und seinen Klassenkameraden „mutwillig entstellt“ hat, darüber lässt sich diskutieren, mitunter einen ganzen Nachmittag. Denn hinter den semantischen Fassaden verbergen sich die Kleingeister. Was mit angespannten Höflichkeitsfloskeln beginnt, artet in einem Stellvertreterkrieg der Eltern für ihre Kinder aus und endet damit, dass jeder jeden verbal zerfleischt. Die Figurenkonstellation ist so geschickt gewählt, dass vor allem die beiden Frauen in ihren Rollen brillieren. Jodie Foster, als moralisierende Akademikerzicke und verkniffene Weltverbessererin, der bisweilen vor Anspannung fast die Halsschlagader platzt, Kate Winslet als überkandidelte Oberschichtstussi mit verachtendem Blick. John C. Reilly gibt den bodenständigen Teddybär-Typen, Christoph Waltz den glatten Geschäftsmann, dessen Mobiltelefon fortlaufend vibriert. Parallel bahnt sich ein Skandal an: So erfährt man, dass der Pharmakonzern, für den er tätig ist, ein noch nicht erprobtes Medikament auf den Markt geworfen hat. Das Geschäft bestimmt sein Leben. Dieser pädagogische Elternabend im Wohnzimmer der Longstreets interessiert ihn am allerwenigsten. Waltz ist denn auch der einzige, der unterfordert scheint in seiner Rolle. Irgendwann lehnt er sich einfach nur entspannt zurück und genießt das vordergründige Zerfleischen. Er hat es immer gewusst, der einzige Gott, der etwas taugt, ist der Gott des Gemetzels.

Am Ende bleibt nur noch der Griff zur Whiskeyflasche. Alle sind besoffen und jeder hackt auf jeden ein. Wie öde! Das Handy landet in der Blumenvase, der Kuchen ausgekotzt auf dem Kokoschka-Kunstband. Als dann auch noch die Handtasche von Kate Winslet durch die Luft fliegt und die Tulpen zerfetzt werden, ist es genug. Vorhang zu! And the winner is?

„Carnage“, neu im Utopolis.


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