ALKOHOLMISSBRAUCH: Die heimliche Droge

Nach dem Tabak wird jetzt der Alkohol enttabuisiert.

„Ich erkläre dem Alkohol nicht den Krieg“, so der Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo am letzten Mittwoch anlässlich einer Pressekonferenz im Alkoholtherapiezentrum in Useldingen, „aber ich will, dass wir den Alkoholkonsum auch mit Blick auf die junge Generation nicht weiter bagatellisieren“.

Das „Centre Thérapeutique d’Useldange“ (CTU) ist eigentlich eine Unterabteilung des „Centre de Neuro-Psychiatrie“ in Ettelbruck, es funktioniert allerdings seit seiner Gründung im Jahre 1978 autonom. Bei seiner Besichtigung unterstrich deshalb Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo den modellhaften Charakter des Useldinger Therapiezentrums. Dieses bietet jährlich etwa 140 Männern und 40 Frauen die Möglichkeit, sich einer Therapie zu unterziehen, um sich von der Alkohol- und spezifischer Arzneimittelabhängigkeiten zu befreien. Dabei übernimmt das CTU den Part der langfristigen Therapie, während der eigentliche Alkoholentzug vorher, in der Regel in Akutspitälern, stattfindet.

Mitbegründer und derzeitiger Direktor des CTU ist der Psychologe Paul Neuberg, der im Laufe der fast 30jährigen Geschichte des Zentrums nicht nur so manche Erweiterung, sondern auch eine Verlagerung der Therapieschwerpunkte erlebte. 3.576 Männer und 737 Frauen haben bislang in Useldingen eine Therapie absolviert.

Eine vor einigen Jahren durchgeführte Erhebung zeigte, dass von 769 betreuten PatientInnen 30 Prozent nach sieben Jahren vollkommen abstinent geblieben waren. Bei etwa einem Drittel war es zu einem Rückfall gekommen, der aber nicht dauerhaft war und ambulant aufgefangen werden konnte. Das letzte Drittel war dauerhaft rückfällig geworden war und musste sich in der Regel einer zweiten Kur unterziehen. „Glücklicherweise sind die meisten dieser Fälle nicht tragisch. Die Leute die rückfällig wurden, waren nicht soweit abgestürzt wie beim ersten Mal, bei dem die Alkoholkrankheit oft verbunden war mit dem Verlust der Arbeitsstelle oder sogar der Wohnung“, meint Paul Neuberg auf Nachfrage der woxx. Gerade die sozialen Probleme, die mit der Alkoholsucht einhergehen, haben sich aufgrund der wirtschaftlichen Umstände verschärft. „Früher war unser ‚Fallbeispiel‘ der Stahlarbeiter, der nach abgeschlossener Kur in sein gewohntes Arbeitsumfeld zurückkehrte. Heute reicht unsere Arbeit sehr viel weiter, weil wir den Leuten auch Hilfestellung geben müssen, sich in anderen Arbeits- und Wohnverhältnissen zurechtzufinden“, so der der CTU-Direktor.

Auch die Alterstruktur der PatientInnen hat sich gewandelt. Bei den Männern gibt es eine leichte Absenkung des Durchschnittsalters, das jetzt bei 40 Jahren liegt. Als Ursache hierfür nennt Paul Neuberg den Zuwachs an jüngeren Alkoholkranken, die zu großen Teilen aus der klassischen Drogenszene stammen und auf Alkohol als legale Ersatzdroge umsatteln. Bei den Frauen gibt es einerseits viele jüngere Patientinnen mit einem Durchschnittsalter von 35 Jahren. Daneben findet sich eine auffallend hohe Zahl älterer Frauen, um die 50. Nach dem Wegzug der Kinder oder dem Verlust des Ehepartners, geraten Frauen viel öfter als die Männer in eine Vereinsamung. Sie weisen auch die Tendenz auf, zu stärkeren Alkoholika zu greifen und sehr viel schneller vom Alkohol abhängig zu werden.

Krankheit oft nicht erkannt

Trotz der Therapiererfolge scheint im Vergleich zur Dunkelziffer von rund 15.000 Alkoholkranken in ganz Luxemburg die Aufnahmekapazität in Useldingen eher bescheiden. Für Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo ist es dennoch nicht verwunderlich, dass die Wartezeit für PatientInnen, die sich im CTU einer freiwilligen Therapie unterziehen wollen, in der Regel nur 10 Tage beträgt: „Wir dürfen das Problem nicht nur über feste Strukturen angehen. Die Dezentralisierungsstudie zeigt, wie wichtig es ist, ein Netzwerk aufzubauen, das die Hausärzte, die Psychotherapeuten und die Akutspitäler mit einbezieht.“ Der Minister weist auch den Vorwurf von sich, er sehe zu, wie sich die Inanspruchnahme von Therapien teilweise ins Ausland verlagert. Es mache wenig Sinn, bestimmte erfolgreiche Therapieformen, die es im Ausland gibt, auf Luxemburg zu übertragen, wenn es dafür nicht genügend PatientInnen gibt.

Für Paul Neuberg ist das Problem auch weniger der Gang ins Ausland, als die falsche Vorgabe, wegen derer einige AlkoholpatientInnen sich dort behandeln lassen: „Da wird oft das Deckmäntelchen einer psychosomatischen Krankheit benutzt, um in eine Therapie hineinzufinden, die sich für die Alkoholkrankheit überhaupt nicht eignet.“

Das CTU plant jetzt einen zusätzlichen Pavillon, der zwölf Therapieplätze für sogenannte „Combi“-PatientInnen schafft. Eine kombinierte Therapie wird es erlauben, PatientInnen zu betreuen, die ansonsten ihrer normalen Beschäftigung in Beruf oder Familie nachgehen können und entsprechend einem individualisierten Zeitplan ins Therapiezentrum kommen.

Neben diesem neuen Angebot sieht der Gesundheitsminister noch zwei weitere Mittel, wie in Zukunft mit dem tabuisierten Problem der Alkoholkrankheit umgegangen werden soll: Einerseits soll im Bereich der Arbeitsmedizin ein stärkeres Bewusstsein für die Krankheit Alkoholabhängigkeit geschaffen werden. Auch wenn es keine rezenten und detaillierten Zahlen hierzu für Luxemburg gebe, so sei auch der volkswirtschaftliche Schaden, zum Beispiel was die Ausfallzeiten anbelangt, beträchtlich.

Eine weitere wichtige Etappe in der Bekämpfung der Alkoholsucht sieht Mars di Bartolomeo im Bereich der Jugendlichen. Genau wie beim Tabak soll der Verkauf von alkoholischen Getränken an unter 16-jährige generell verboten werden. Bislang ist es nur in Gaststätten verboten, Alkohol an Jugendliche auszuschenken. Der Verkauf in Lebensmittelläden oder Tankstellen unterliegt keinerlei Beschränkungen.

Besonders ärgerlich für den Gesundheitspolitiker Di Bartolomeo sind die so genannten „Alcopops“ oder Alkoholmischgetränke, die in den letzten Jahren auf den Markt gekommen sind: „Bis jetzt konnte mir noch kein Produzent von solchen Getränken plausibel machen, dass sie nicht gezielt für Jugendliche hergestellt werden“, verteidigt Mars di Bartolomeo das Vorhaben der Regierung, die Alcopops stark zu taxieren, damit diese für gefährdete Jugendliche weniger erschwinglich werden.

In Deutschland ist ein solches Unterfangen bislang am Widerstand der Produzentenlobby gescheitert. Glück für den Gesundheitsminister: In Luxemburg wird zwar oft zu den Getränken, „die wie Limonade schmecken“, gegriffen – produziert werden sie aber in der Regel jenseits der Grenze.


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