CARY JOJI FUKUNAGA: Gotisches Märchen

Die Neuverfilmung von Charlotte Brontës Klassiker „Jane Eyre“ ist modern und trotzdem sehr gelungen.

Erfährt sie sein düsteres Geheimnis, ist es vorbei mit der Harmonie …

Der Himmel über Thornfield Hall ist mit dunklen Wolken überzogen. Nicht weit vom alten Gemäuer kämpft sich eine schwarzgekleidete Frau keuchend durch das unebene Terrain. Es handelt sich um Jane Eyre (Mia Wasikowska), die gerade vom düsteren Geheimnis ihres Liebhabers erfahren hat und nun im Morgengrauen aus seinem Leben verschwinden will. Regisseur Cary Joji Fukunagas Verfilmung des legendären gotischen Romans von Charlotte Brontë bricht so die ursprüngliche, lineare Erzählung. Janes Geschichte wird durch Rückblicke und Flashbacks erzählt, die Handlung bleibt die gleiche: Jane kommt als Weise zu den Reeds, der Familie ihres Onkels, nachdem ihre verarmten Eltern an Typhus gestorben waren. Das intelligente und rechtschaffene Mädchen wird von ihren reichen Verwandten als Untertanin angesehen und die verwitwete Mrs Reed und ihre verzogene Kinder verpassen keine Gelegenheit, Jane dies spüren zu lassen. Im Film werden nur wenige Szenen vom täglichen Drangsalieren gezeigt, diese sind jedoch um so brutal. Die Einschulung ins Lowood Internat entfernt Jane zwar von der herzlosen Familie, doch ihre neue Umgebung ist alles andere als einladend. Jane leidet in der Institution unter Hunger und Kälte und wird des Lügens beschuldigt. All dies erträgt das fromme und nun auch gebildete Mädchen stoisch. Sie befreundet sich bald mit einer Schulleiterin, Mrs Temple (Edwina Elek), und einer älteren Schülerin (Freya Parks), die später jedoch von einer Typhus-Epidemie aus dem Leben gerissen wird. Als auch Frau Temple Lowood verlässt, entschließt sich Jane, das Internat zu verlassen. Sie findet Arbeit als Gouvernante für ein französisches Mädchen (Romy Settbon) auf Thornfield Hall, wo sie neben ihrer Schülerin auch die alte Haushälterin, Mrs Fairfax (Judi Dench) kennenlernt. Die Arbeit und das tägliche Leben im riesigen Anwesen gefallen Jane. Als Mr Rochester (Michael Fassbender), der mysteriöse Besitzer von Thornfield Hall jedoch auftaucht, nimmt die Ruhe ein Ende. In den alten Gemäuern spielen sich plötzlich vor allem in der Nacht unerklärliche Ereignisse ab, bei denen Rochester fast ums Leben kommt. Gleichzeitig spürt Jane, wie sie sich immer mehr zum Besitzer hingezogen fühlt. Mr Rochester gibt jedoch bekannt, dass er Blanche Ingram (Imogen Poots), eine schöne aber stumpfsinnige Aristokratin heiraten wird. Kurz darauf gibt er zu, dass er Jane damit eifersüchtig machen wollte und bittet um ihre Hand. Jane kann ihr Glück kaum fassen.

Doch bevor die beiden sich das Jawort geben können, holt Mr Rochesters geheimnisvolle Vergangenheit ihn ein. Jane findet heraus, was es mit den nächtlichen Geschehnissen in Thornfield Hall auf sich hatte, und dass Rochester ihr entscheidende Aspekte seines Lebens verschwiegen hat. Ihre unerschütterlichen moralischen Anschauungen treiben sie schweren Herzens dazu, das Anwesen und so auch ihren Liebhaber zu verlassen. Wo die junge Frau Unterkunft finden wird, und ob sie Mr Rochester jemals wieder sehen wird, erfährt der Zuschauer durch Zeitsprünge.

Obwohl diese Erzählweise der Geschichte ein wenig die Spannung nimmt und die wichtigsten Szenen ein wenig zu kurz erscheinen, ist die Verfilmung dieses viktorianischen Klassikers doch sehr gelungen. „Jane Eyre“ wird vor allem von den überragenden schauspielerischen Leistungen der Hauptdarsteller getragen. Mia Wasikowska, die bereits in „The Kids Are All Right“ auf sich aufmerksam machte, liefert mit ihrem melancholischem Blick eine perfekte Jane Eyre. Mit ihrem antrainierten nordenglischen Akzent und der frommen Zurückhaltung könnte man meinen, die junge Australierin hätte sich eigentlich schon immer mit Kiepenhut und Mieder in den wilden Moorregionen Nordenglands rumgetrieben. Die wilde Natur der Moore und Täler in Derbyshire und Yorkshire verleihen dem Film eine gespenstische Atmosphäre, die das Seelenleben von Jane Eyre und Mr Rochester nur zu gut widerspiegeln. Im Vergleich mit den leidenschaftlichen Ausbrüchen im Roman erscheinen die Hauptfiguren im Film allerdings manchmal ein wenig zu gefasst. Jane Eyre ist trotzdem nicht nur für Fans des Klassikers geeignet: Wer gotische Romanzen mit düsteren Überraschungen mag, wird von dieser Verfilmung auf keinen Fall enttäuscht werden.

Im Utopolis.


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