STADT- UND LANDESPLANUNG: Viel Fantasie, wenig Geld

Das Bahnhofsareal in der Hauptstadt soll umgestaltet werden. Doch die Prioritätenliste für öffentliche Bauten ist bereits übervoll.

Statt Schienen und Kabel soll eine begrünte Überdachung das Bahnhofsareal überspannen und Bonneweg mit dem Garer Viertel verbinden. (Foto: woxx)

Knapp 15 Milliarden alter Luxemburger Franken sollte sie kosten, die 1997 von einer großen Chambermehrheit beschlossene Nordstraße zwischen Luxemburg und Ettelbrück. Im letzten Jahr musste der Bautenminister Claude Wiseler das hohe Haus um eine „rallonge budgétaire“ beten: 229 Millionen würden am Ende fehlen, um das Projekt bis zum Jahre 2011 oder 2012 fertig stellen zu können. Kleiner aber feiner Unterschied: bei der letztgenannten Summe handelt es sich um Euro – das ganze Nordstraßenvorhaben wird also um 9,3 Milliarden Franken – oder um mehr als 60 Prozent – teurer als geplant. Zum Vergleich: im Haushaltsjahr 2005 stehen dem gesamten „Fonds des Routes“ etwa 80 Millionen Euro für Investitionen zur Verfügung.

Am Ende wird das ökologisch fragwürdige Nordstraßen-Projekt nicht nur eine enorme Stange Geld gekostet haben, sondern auch während gut drei Legislaturperioden die Luxemburger Bautenpolitik dominiert haben. In Zeiten, in denen kaum noch mit Budgetüberschüssen zu rechnen ist, bleiben die Investitionsfonds des Luxemburger Staates auf ihre normale Budgetdotierungen beschränkt. Wird mehr geplant als Gelder zur Verfügung stehen, dann heißt es Prioritäten setzen: Das eine oder andere Projekt zurechtstutzen, zeitlich strecken oder auf den Sankt-Nimmerleinstag verlegen. So geschehen Anfang dieser Woche, als Lux und Wiseler den zuständigen parlamentarischen Kommissionen ihre Prioritätenliste vorlegten. Dass Luxemburg ein Problem mit seiner Planungskultur hat, gilt nicht nur im verkehrstechnischen Bereich. Auch im Städtebau herrscht ein gewisses „laisser aller“ vor, das zu urbanistischen Katastrophen führt. Gehandelt wird erst, wenn es zu spät ist. So etwa auf Kirchberg, wo der „Rückbau“ der ehemaligen Autobahn zu einem Dauerprovisorium wurde und von zehntausenden von PendlerInnen und AnwohnerInnen fast schon als normal hingenommen wird.

Mangelnde Planungskultur

Doch manchmal tun sich auch in der Luxemburger Wirklichkeit einige Hoffnungsschimmer auf. Letzte Woche wurden die Ergebnisse eines europaweit ausgeschriebenen Ideenwettbewerbs bekannt gegeben, bei dem es um die Neuamenagierung des Bahnhofsviertels ging. Die Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes und die Anpassung der Verkehrsführung sind zwar schon seit Jahrzehnten in der Diskussion, doch verhinderten unterschiedliche Interessen und politische Missklänge bislang ein beherztes Vorgehen der Verantwortlichen.

Der in seinem Amt bestätigte Bürgermeister Paul Helminger zeigte sich bei der Bekanntgabe der Wettbewerbsergebnisse mehr als optimistisch. Dem Ziel, aus dem Bahnhofsviertel eine Visitenkarte für die Hauptstadt zu machen, sei man näher gerückt: Der Vorschlag des deutsch-französischen Gewinnerkonsortiums „JSWD Architekten und Planer“ aus Köln, sowie des „Atelier d’Architecture Chaix et Morel“ aus Paris, biete dafür die richtigen Voraussetzungen.

Der Wiener Architekt Klaus Kada, Vorsitzender der Jury, die sich relativ einmütig auf einen Preisträger festlegte, lobte das eindeutige Konzept, das es zudem erlaube, phasenweise vorzugehen. Die Planer schlagen vor, das gesamte Eisenbahnareal mit einer Decke, die 6 bis 8 Meter über dem Schienenniveau liegt, zu versehen. Über der Bahn kann so eine weitgespannte Grünzone angelegt werden, die es erlaubt, das Viertel Bonneweg mit dem Bahnhofsvorplatz über mehrere Zugänge für den nicht-motorisierten Verkehr zu verbinden.

Auch für die Luxemburger Architektin Christine Muller, die als Vertreterin des „Ordre des Architectes“ in der Jury saß, ist das Konzept schlüssig. „Der phasenweise Ansatz ist im Städtebau sehr wichtig, weil wir es mit sehr komplexen Entscheidungsprozessen zu tun haben“, meint die in Köln und Luxemburg arbeitende Architektin. Allerdings bedauert sie, dass in Luxemburg nicht genug zwischen Architektur und Städtebau unterschieden wird: „Ein guter Urbanist ist eher ein Stratege, der Skizzen entwickelt – die visualisierten Konzepte sollten allerhöchstens Volumenangaben aufzeigen, nicht aber schon eine bestimmte Architektur andeuten.“

Das zurückbehaltene Ideenkonzept lässt sich zudem mit den kurzfristig zu treffenden Entscheidungen in Einklang bringen, auch wenn die Realisierung des Gesamtvorhabens sich über zehn, fünfzehn oder mehr Jahre erstrecken sollte. Ab 2007 sollen regelmäßig TGV-Züge Luxemburg anlaufen. Die Rotonden sollen im gleichen Jahr als Zentrum für die Aktivitäten des Kulturjahres fungieren. Bürgermeister Helminger zeigt sich optimistisch, dass die Überdachung zwischen den Rotonden und dem bestehenden Bahnhof bis dahin in Angriff genommen werden kann.

Doch wie sieht es mit der langfristigen Entwicklung aus? Neben der Stadt Luxemburg hat die Eisenbahngesellschaft CFL ein gewichtiges Wort mitzureden: Der größte Teil des Areals, das jetzt umgestaltet werden soll, liegt in ihrem Besitz. Und auch der Staat muss sich an der Umsetzung beteiligen: Straßenführung und Organisation des öffentlichen Verkehrs liegen im Kompetenzbereich des Bauten- und des Transportministers. Und die müssen schon jetzt, wie bereits erwähnt, laufende Projekte zurückstellen.

Es erweist sich als fatal, dass der planerische Aufbruch, der sich jetzt kundtut, in eine Zeit knapper öffentlicher Kassen fällt. Paul Helminger hofft auf private Investoren, die sich an der Ausgestaltung des Planes beteiligen: „Schließlich handelt es sich um attraktives und unkompliziertes Bauland“, meint Helminger, der damit wohl auch die Probleme beim Verkauf der verschiedenen „ilôts“, die nördlich des Bahnhofs liegen, vergessen machen will.

Christine Muller hegt allerdings die Hoffnung, dass diesmal der politische Wille besteht, Nägel mit Köpfen zu machen: „Es stimmt, dass die personelle Ausstattung des urbanistischen Dienstes der Hauptstadt, eigentlich nur eine Unterabteilung des ‚Service de l’architecte‘, unzureichend ist. Doch Helminger hat jetzt sechs Jahre Zeit, einen Strukturwandel innerhalb der Dienstelle zu verwirklichen“, so Christine Muller gegenüber der woxx. Im Unterschied zu früher bestünde aber das Bewusstsein, dass es ohne eine solche Umgestaltung nicht geht.


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