PHYLLIDA LLOYD: Mitleid für Maggie

Margaret Thatcher spaltet die Briten so sehr, dass ihr Biopic „Iron Lady“ sogar mehr als 20 Jahre nach ihrem Rücktritt für Boykottaufrufe sorgte. Gerade deswegen scheint es überraschend, dass das Politische in Iron Lady nebensächlich ist.

„We Love You Maggie“? – Das stand wohl nicht auf jedem Plakat.

Für die Konservativen ist Margaret Thatcher die Retterin der Nation und gilt als größter Stolz der Tories. Linksliberale sehen in ihr jedoch eine herzlose und gesellschaftsspaltende Premierministerin. Diese gegensätzlichen Meinungen werden in „Iron Lady“ jedoch wenig bearbeitet, denn im Mittelpunkt steht Thatchers Erkrankung an Alzheimer. So sieht man die verwirrte 86-Jährige wie sie aus dem Haus schleicht und im Laden an der Ecke unerkannt Milch kauft, sich mit ihrem verstorbenen Ehemann unterhält, Pressemitteilungen über längst vergangene Ereignisse in Auftrag gibt, und sich generell zerstreut und zerbrechlich durch den Tag kämpft. Über den Lebenslauf erfährt der Zuschauer nur durch Rückblicke. Vor allem Thatchers politische Anfänge werden geschildert: Wie sie sich als Krämerstochter in Grantham nicht nur gegen wohlhabende Altersgenossinnen durchsetzen musste, sondern auch den Blicken und Kommentaren in der von Männern dominierten Tory-Partei trotzte. Mit ihrer eisernen Willenskraft und ein wenig Sprach- und Imagetraining steigt sie die Karriereleiter hoch und findet sich bald an der Spitze der Konservativen Partei wieder. Als die Regierung des damaligen Premiers James Callaghan scheiterte und die Tories gewählt wurden, ging Thatcher 1979 als erste weibliche Premierministerin Großbritanniens in die Geschichte ein.

Doch auf der Insel gab es zu dem Zeitpunkt wenig Grund zum feiern: Die Wirtschaft stagnierte, die Arbeitslosenrate war hoch. Zudem gab es auch noch unzählige Streiks und Rassenunruhen. Thatcher führte Einschnitte im Bildungswesen durch, kürzte Sozialhilfen und erhöhte Steuerabgaben. Gleichzeitig zerschmetterte sie Gewerkschaften und privatisierte etliche Staatsunternehmen, Bergwerke und Sozialwohnungen. Sie mag die Wirtschaft somit angekurbelt haben, vor allem hat sie jedoch die Gesellschaft gespalten. Die Arbeitslosenzahl war 1982 höher als in den Dreißigern, die Zahl der Kinder unter der Armutsgrenze stieg ebenfalls. Städte wie Liverpool wurden nach dem industriellen Niedergang zu trostlosen und heruntergekommenen Orten. Von dem großen Minenarbeiterstreik von 1984 und den Unruhen gegen die Kopfsteuer erfährt der Zuschauer wenig. Demonstranten und Strassenschlachten werden in „Iron Lady“ nur kurz gezeigt um sich dann wieder dem senilen oder sturen Verhalten der ehemaligen Premierministerin zu widmen. Vom politischen Kontext des so bewegten Jahrzehntes weiß man am Ende des Filmes nicht viel. Schlimmer noch: Der Film vermittelt den Eindruck einer Frau als hilfloses Opfer ihres eigenen unerschütterlichen ideologischen Antriebs, obwohl sie eigentlich nur das Beste für alle wollte. „Iron Lady“ verlangt Mitleid für eine Frau, die sich nie viel um die Schwachen und Mittellosen scherte und soziale Ungleichheit sogar zu ihrem Zweck nutzte. Genau wie „The King`s Speech“ konzentriert sich auch „Iron Lady“ auf die persönlichen Eigenschaften einer wichtigen Figur, während der eigentlich interessante historische Kontext eines Lebenslaufes neben der Seifenoper auf der Strecke bleibt. Viele Menschen kommen vor Millionenpublikum ins Stottern und leiden mit 86 an Gedankenschwäche, doch nicht jeder hat eine Arbeitslosenzahl von 3,6 Millionen verursacht. Gegen Meryl Streeps Darbietung ist jedoch nichts auszusetzen, mit reichlich Makeup und perfekt imitierter Körpersprache verschmilzt sie regelrecht mit der ehemalige Premierministerin. Dies vielleicht ein wenig zu sehr, denn in einem rezenten Interview fand sie sogar, Thatcher sei eine Feministin. Ob die Regisseurin Phyllida Lloyd auch ihrer Meinung ist, ist ungewiss, es zeigt jedoch wieder einmal, dass Hollywood die Geschichte fest im Griff hat.

Im Utopolis.


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