MAISON RELAIS: Flexibilität versus Organisierbarkeit

Kinderbetreuung wird als Standortfaktor der Zukunft vermarktet. Das Modell der Maison relais soll als kommunales Netzwerk in dieser Hinsicht Maßstäbe setzen.

Soll das alte Schwimmbad renoviert oder besser die Kinderbetreuung ausgebaut werden? Diese Frage könnte sich künftig in den Luxemburger Gemeinden stellen. Denn die Nachfrage nach Betreuungsplätzen wächst. Das liegt zum einen daran, dass beide Eltern berufstätig sein müssen oder wollen, zum anderen an der wachsenden Zahl der Alleinerziehenden. Die Kosten für die Gemeinden könnten also erheblich steigen, wenn das neue Modell der Maisons relais flächendeckend eingeführt wird. „Wir haben uns an einen fahrenden Zug angehängt“, so Mill Majerus, Conseiller de gouvernement im Familienministerium. Das Projekt der Maison relais, das mit dem großherzoglichen Reglement vom 20. Juli 2005 auf den Instanzenweg gebracht wurde, hat zu einer Erweiterung und Flexibilisierung der bestehenden Strukturen der Crèches für Kleinkinder, der Foyers de jour für eingeschulte Kinder und der Garderies geführt.

Zum Modell

Flexibilisierung bedeutet: Während im bisherigen Betreuungssektor Kinder entweder ganz- oder halbtags aufgenommen werden und die Eltern einen monatlichen Pauschalbetrag bezahlen, können die Eltern nun ihre Kinder je nach Bedarf bringen und pro Stunde bezahlen. Was die Finanzierung dieser Betreuungsstrukturen angeht, so beteiligt sich der Staat mit 50 Prozent an den Kosten. Die anderen 50 Prozent müssen die Gemeinden, Gemeindesyndikate oder gemeinnützigen Vereinigungen tragen. Diese werden vom Ministerium als Hauptpartner angesehen, um das Netz von Kinderbetreuungsstätten zu erweitern.“ Bei der Maison relais geht es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“, erklärt Majerus, „darüber hinaus soll es hier nicht nur um eine Aufsicht gehen, sondern auch um eine Freizeitgestaltung, indem die Maison relais zur Zusatzbildung einlädt.“ Gemeint sind damit die verpflichtenden Angebote wie Mittagstisch und Hausaufgabenbetreuung sowie optionale Leistungen wie Elternschule oder die Möglichkeit kranke Kinder zu betreuen.

Ein anderer wichtiger Aspekt der Maison relais ist die Schaffung eines regionalen Netzwerkes, das die Gemeinde, die Schule und die Eltern zusammenbringen soll. „Die Maison relais sollte eine Art Begegnungszentrum auf Gemeindeebene über den Weg der Kinderbetreuung sein. Dann könnten sich auch die Eltern kennenlernen“, so Manuel Achten von Caritas. Exemplarische Beispiele der Maisons relais sind nach Majerus in Luxemburg-Stadt zu finden. Auch die Zentralschule Parc Hosingen hat Vorbildcharakter, da hier eine interkommunale Einrichtung geschaffen wurde, die als Netzwerk funktioniert und eine Betreuung von Kindern mit sozialen, motorischen oder schulischen Problemen vorsieht.

Gemeinde als Träger

Insgesamt befindet sich die Maison relais erst in den Startlöchern. In vielen Gemeinden gibt es noch überhaupt keine Betreuungsstruktur, in anderen nur eine Kantine oder die eine oder andere Freizeitaktivität. „Die Gemeinden werden aufgefordert, ihr Angebot zu intensivieren“, so Mill Majerus. Das wird nicht einfach sein, denn gerade der Finanzierungsmodus der Maisons relais stellt die Gemeinden vor neue Herausforderungen. Jos Schmit, Präsident der Eechternoacher Kannerstuff klagt: „Während die Gemeinden bei den Foyers de jour nur die Räumlichkeiten zur Verfügung stellten, müssen sie nun bei der Maison relais sowohl für die Infrastrukturen als auch für die Hälfte aller Kosten aufkommen. Das sind sehr hohe Summen.“ Er gibt zu bedenken, dass viele Gemeinden finanzielle Probleme haben. Das könnte das Potenzial der Maisons relais einschränken. „Einige Gemeinden weigern sich schon jetzt da mitzumachen“, so Schmit. Befürchtet wird auch, dass weniger bemittelte Gemeinden schlechtere Betreuungsstrukturen anbieten und somit die Zielsetzung eines recht homogenen und qualitativ guten Betreuungsnetzwerkes nicht verwirklicht werden kann.

Qualitätskriterien

Ein weiterer Knackpunkt sind die Bestimmungen, die die Qualifikation des Personals betreffen. Das Reglement sieht ein Minimum von vierzig Prozent an Leuten mit sozial-pädagogischer Berufsausbildung vor. Die restlichen BetreuerInnen der Maisons relais können sich aus gering Qualifizierten zusammensetzen. Das sind zum Beispiel Personen, die eine Weiterbildung gemacht haben oder die über ein CATP verfügen. Hier besteht die Gefahr, dass die Qualität der Betreuung verloren geht, falls die Gemeinden aus finanziellen Engpässen heraus und um Personalkosten zu sparen zu wenig qualifiziertes Personal engagieren. Alexandra Mertens vom LCGB bestreitet nicht, dass eine Mutter auch als beruflich Unqualifizierte im Bereich der Kinderbetreuung erfahren sein kann. Allerdings könne diese Erfahrung wie auch eine pädagogische Weiterbildung von hundert Stunden mittelfristig nicht den Anforderungen einer guten Betreuung gerecht werden – gerade im Vergleich zu der dreijährigen Berufsausbildung von ErzieherInnen. „Erzieher und Diplomierte schlagen eher gewisse fördernde Zielsetzungen in der Betreuung eines Kindes vor. Leute ohne Qualifikation bewähren sich eher im Bereich der Pflege“, so Manuel Achten von Caritas. Auch die ungenauen Tätigkeitsprofile im Reglement könnten zu ungünstigen Situationen führen: „Es kann doch nicht sein, dass jemand, der nur eine Neuvième hat, Hausaufgabenhilfe für einen Schüler aus dem Gymnasium leistet“, so Marc Pletsch von der Entente des professions éducatives et sociales. Diese fehlende „Jobdescription“ könnte dazu führen, dass die ErzieherInnen mit Fremdaufgaben überfrachtet wird: „Sie müssen die Eltern- und Koordinationsarbeit leisten und sie sollen administrative Dinge erledigen. Dies erfordert viel Zeit und wenn nur 40 Prozent qualifizierte Erzieher vorhanden sind, dann frage ich mich, wo die praxisbezogene Arbeit innerhalb der Maison relais bleibt“, sagt Pletsch. Dazu kommt das Problem, dass in der Maison relais insbesondere zu Spitzenzeiten der Personalschlüssel recht hoch ist, dass also ein einzelner Erzieher viele Kinder betreuen muss. Auch das könnte die Qualität mindern. Manuel Achten von Caritas vertraut auf die Eltern als Regulativ: „Wenn die Eltern feststellen, dass ihre Kinder in einer Maison relais schlecht betreut werden, dann bin ich überzeugt, dass es nur eine Woche dauert, bis es kracht.“ Somit stehen die Gemeinden in punkto Qualität unter Druck, weil sie unmittelbar mit den Eltern konfrontiert sind, die ihre Kinder einer qualitätsorientierten Betreuung anvertrauen wollen.

Flexibilität

Als großer Pluspunkt der Maison relais gilt ihre Flexibilität. Eltern können ihre Kinder je nach Bedarf in die Betreuungsstrukturen bringen. Allerdings stellt sich die Frage wie Flexibilität und Personalschlüssel zu vereinbaren sind. „Vom erzieherischen Standpunkt her ist Flexibilität kein Wundermittel. Wenn die Eltern ihre Kinder jederzeit bringen und abholen können, dann sind gewisse Aktivitäten nicht mehr machbar. Dann sind die Kinder nur noch in einem Service de garde, wo sie lediglich beaufsichtigt werden können“, so Yves Österreicher, Vorsteher der Entente des Foyers de jour. Die Flexibilisierung, die eine hohe Kinderfluktuation bedingt, hat auch Folgen für das Personal. So gibt es in den Maisons relais Spitzenstunden, zum Beispiel während der Mittagspausen, in denen viele Kinder zu betreuen sind. Andererseits gibt es Zeiten, in denen sehr wenige Kinder vor Ort sind. Dementsprechend wird eine durchgängige Vollzeitarbeit für alle schwierig. Halbtagsarbeit ist jedoch ebenfalls ungünstig, da die Koordination leidet und der Arbeitsaufwand größer wird. Auch kann hohe Flexibilität zu einem großen Kostenpunkt für die Gemeinden werden.

Verantwortung abgeben

Insgesamt wird am neuen Reglement zur Maison relais bemängelt, dass die Prinzipien zu lasch und ungenau sind – gerade was die Koordinationsstruktur betrifft. „Hier werden wir auf ein Feld geschickt, wo es viele Unbekannte gibt, wo viel Flexibilität verlangt wird und viel Teamarbeit und Supervision garantiert sein muss“, so Tessy Didier von der Association professionnelle des éducateur/trices luxembourgeois(es) (Apel). Das Nachsehen in diesem Konzept der Maisons relais haben die Jugendlichen ab zwölf Jahre. Für diese Altersstruktur scheint sich niemand so recht zuständig zu fühlen. Was die Verantworlichkeit betrifft, scheint gerade im Betreuungsbereich ohnehin jeder seine Suppe zu kochen: Der Netzwerkgedanke ist nicht besonders ausgeprägt. Wünschenswert wäre es wenn Familien- und Erziehungsministerium stärker zusammenarbeiten würden. So gibt es gerade im Schulbereich viele leerstehende Gebäude, die auch für den Betreuungsbedarf interessant sein könnten.

Mill Majerus verteidigt das jetzige Reglement als gutes Arbeitsinstrument, das jederzeit erweitert oder enger gefasst werden kann. Allerdings räumt er auch ein, dass diese Regelung keine Qualitätssicherung sei, sondern nur nötige Impulse und Mittel an die Hand geben würde. Der Staat scheint die Verantwortung an die Gemeinden abzugeben, in denen notwendige Infrastrukturen größtenteils nicht vorhanden sind. Die Gemeinden sind nun gefordert, nicht nur das gesetzliche Minimum umzusetzen, sondern aus dem Minimum ein Maximum zu machen – im Interesse des Kindes.


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