GRENZÜBERSCHREITEND STUDIEREN: Der moderne fahrende Student

von | 27.04.2012

Seit über fünf Jahren schmieden sechs Universitäten der Großregion am Projekt eines grenzüberschreitenden Hochschulraums, der ein Paradebeispiel der regionalen Kooperation in Europa werden soll. Vergangene Woche wurde Bilanz gezogen.

Eigentlich gehört die Figur des fahrenden Studenten, des sogenannten Scholaren, dem Mittelalter an. Doch die Universität der Großregion (UniGR) entwirft auf ihre ganz eigene Art ein neues Bild des wandernden Akademikers. Während er im Mittelalter zu den „Heimatlosen“ zählte, ist der moderne „Scholar“ überall zu Hause. Leichtfüßig und frei reist er von Stadt zu Stadt ? was aber für das Mittelalter nur eine verklärende Darstellung ist, soll heute zur Normalität werden.

So jedenfalls hat man sich die Lage in etwa vorzustellen, wenn die Universität der Großregion einmal ihr Ziel erreicht haben wird und die Einschreibung an einer der sechs Universitäten (Kaiserslautern, Lothringen, Lüttich, Luxemburg, Saarbrücken, Trier) das gleichzeitige Studieren und Forschen an den jeweiligen fünf Partneruniversitäten möglich macht (woxx 1109 und 1083). Dies ist, wie die Universitätspräsidenten vergangene Woche in Saarbrücken erneut gemeinsam betonten, das erklärte Ziel der UniGR. Studenten sollen problemlos Vorlesungen an Partneruniversitäten besuchen und Forscher und Lehrende gemeinsame, grenzüberschreitende Projekte umsetzen können.

Auch wenn das Ideal des pendelnden Studenten, der in allen vier „Universitätskulturen“ der Großregion zu Hause ist, noch lange nicht der Realität entspricht, nimmt die UniGR nun in vielen Bereichen doch konkrete Formen an. So wurden laut dem Präsidenten der Universität des Saarlandes, Prof. Dr. Volker Linneweber, in den vergangenen drei Jahren 470 Akteure aus Forschung und Lehre in rund sechzehn Pilotprojekten miteinander vernetzt. Neben grenzüberschreitenden Blockseminaren, Konferenzen und einer Herbstakademie gehört die Einrichtung eines grenzüberschreitenden Masterprogramms in der Krebsforschung zu den wichtigsten Errungenschaften. Um Ressourcen effizienter und gemeinschaftlich zu nutzen, wurden zudem alle Forschungsgroßgeräte der Partneruniversitäten erfasst.

„Nicht mehr ohne den anderen auskommen können“ – so umschreibt der Saarbrücker Hochschulpräsident das Ziel der Kooperation. Er betont ebenfalls, dass sich die UniGR trotz ihres zarten Alters bereits von der European University Association hat evaluieren lassen. Viel wurde von den Ergebnissen bisher noch nicht bekannt, nur, dass die Projektpartner sich „noch stärker als Motor für die Region“ betrachten sollen, so Linneweber. Die Hoffnungen, die hier auf die Verbundsuniversität gesetzt werden, sind groß: eine Anschubhilfe bei der Herausbildung einer „echten“ Großregion sein, neue Arbeitsmarktdynamiken entstehen lassen, zu einem Magneten für „exzellente“ internationale Studenten werden und anderes mehr. Tatsächlich aber steht und fällt der von dem UniGR-Projekt erhoffte Zuwachs an Dynamik mit der Lösung des Mobilitätsproblems. Die Errungenschaft, die hier jüngst erzielt wurde, besteht darin, dass Studierende nahezu umsonst zwischen Luxemburg und Saarbrücken pendeln (die Jumbo-Kaart kostet fünfzig Euro jährlich) und völlig kostenlos von Trier nach Saarbrücken fahren können. Für Fahrten zwischen anderen Partneruniversitäten sind sie bislang jedoch auf – eigens zu beantragende und nicht komplett kostendeckende – Gelder aus einem Mobilitätsfonds angewiesen. Dieser Teil ihres Vagierens wäre also für die Studenten mit einem organisatorischen und finanziellen Mehraufwand verbunden. Die Projektbetreuer der UniGR betonen denn auch, dass das langfristige Ziel ein einheitlicher, grenzüberschreitender Studierendentarif ist und bleibt.

Bis April 2013 soll ein nachhaltiger Universitätsverbund entstehen, dann nämlich läuft das Projekt aus. Die Kooperation geht natürlich weiter, doch das zentrale Mobilitäts-Problem erfordert dann erst recht das Engagement der politischen Vertreter der Partnerregionen.

Was es an weiteren Projekten gibt, behielten die Herren Universitätspräsidenten noch für sich. Nur, dass hochspannende Ideen in den material-, lebens- und europawissenschaftlichen Bereichen auf die Umsetzung warten, wurde angedeutet. An Ideen, wie man die UniGR-Studenten künftig auf den Geschmack des „Wanderns“ bringen könnte, scheint es also nicht zu mangeln.

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