DREW GODDARD: Horror auf zwei Ebenen

Was anmutet wie ein „normaler“ Horrorfilm, wird in „The Cabin in the Woods“ zu einem Festival genreübergreifender Erzählkunst.

Teenager kurz vor der Begegnung mit Hinterwäldlerzombies… Und trotzdem ist „The Cabin in the Woods“ ein sehenswerter Film.

„The Cabin in the Woods“ , der bereits 2009 gedreht wurde und der es aufgrund finanzieller Turbulenzen der Produktionsgesellschaft MGM erst im Frühjahr 2012 in die Kinos schaffte, ist das Regiedebüt von Drew Goddard, der zuvor das Skript zum Found-Footage-Kracher Cloverfield schrieb. Goddard verfasste das Drehbuch zu „The Cabin in the Woods“ zusammen mit Joss Whedon, dessen Superheldenfilm The Avengers im Moment ebenfalls im Kino zu sehen ist. Erklärtes Ziel beider Autoren war es, das Horrorgenre zu revitalisieren. Als Spielwiese haben sich Goddard und Whedon ein Untergenre des Slasherfilms ausgesucht, den sogenannten Campsite-Film, in dem sich eine Gruppe heftig pubertierender Teenager an eine entlegene, von der Zivilisation abgelegene Stelle in der Natur begibt, um es sich dort gut gehen zu lassen. Üblicherweise sieht sich die Gruppe dann kurz nach ihrer Ankunft den Angriffen von Serienmördern, Hinterwäldlern oder Zombies ausgesetzt, und ihre Mitglieder werden – obgleich sie um ihr Leben rennen – nacheinander dezimiert.

Dieses bis dato in unzähligen Variationen verarbeitete Grundschema wird in „The Cabin in the Woods“ so offensichtlich durchdekliniert, dass selbst ungeübte ZuschauerInnen die parodistischen Absichten schnell ausmachen. Die fünf Hauptfiguren verkörpern quasi die Archetypen des Genres: Curt der athletische Anführer, Holden der Streber, Jules die Freizügige, Marty der philosophierende Kiffer, sowie Dana die Tugendhafte. Während einer Partie Truth or Dare? – einem Spiel, das ebenso zum unvermeidlichen Inventar der Campsite-Horrorfilme gehört – öffnet sich plötzlich eine Falltür im Holzboden und die Gruppe stößt auf ein wahres Sammelsurium von mysteriösen Gegenständen. Dana, entschließt sich dazu, eine unheilvolle Passage aus einem zerfledderten Tagebuch vorzulesen – und beschwört prompt folternde Hinterwäldlerzombies herauf, die kurzen Prozess mit den Fünf machen wollen. Weder der Trailer noch die ersten Filmminuten verheimlichen dabei, dass es eine zweite Erzählebene gibt: Sowohl die titelgebende Hütte im Wald als auch deren Umgebung sind Teil eines hermetisch abgeriegelten Areals, das von einem Untergrundlabor aus überwacht und kontrolliert wird. Die Wissenschaftler Sitterson und Hadley schließen nicht nur Wetten auf das weitere Schicksal der Fünfergruppe ab, sondern greifen auch aktiv in dieses ein ?

Die Szenen im Untergrundlabor funktionieren dabei wie eine erzählerische Metaebene, in der die Ingredienzien und Konventionen des Genres intelligent reflektiert und kommentiert werden. Dadurch, dass die Komponenten des Campsite-Films – sei es der obligatorische Tankwart, der auf halber Strecke vor den Gefahren einer Weiterfahrt warnt, der abgelegene Handlungsort per se und seine unheilvolle Ausstattung, die haarsträubenden Verhaltensweisen der Protagonisten im Angesicht der Gefahr – Stück für Stück freigelegt werden, werden sich auch die Zuschauer ihrer eigenen Erwartungshaltungen bewusst. Im Folgenden können Goddard und Whedon mit diesen Erwartungen jonglieren, sie nach Belieben brechen oder bestätigen. All dies macht „The Cabin in the Woods“ zu einem ziemlich unberechenbaren Horrorfilm, der seine Spannung weniger aus den polternden Hinterwäldlerzombies oder einem Mitfiebern mit den formelhaften Charaktere zieht, sondern daraus, dass theoretisch eben alles möglich ist.

Im Utopolis.


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