SONGWRITER: Musikalische Selbsttherapie

Besonnen und introspektiv, so kannten ihn seine Fans noch nicht. Sonic Youth-Begründer Thurston Moore kann eben immer überraschen.

Der Meister der Schrammelgitarre kommt zur Ruhe…

2011 war ein bewegendes Jahr für den ehemaligen Sonic Youth Sänger und Gitarristen Thurston Moore. Er hat sich nicht nur von seiner Ehefrau und Bandkollegin Kim Gordon getrennt. Auch von der Musik seines Mutterschiffs Sonic Youth hat er sich entfernt – gerade weit genug, um dieses nicht vollkommen aus den Augen zu verlieren. Das Produkt dieser persönlichen Strapazen und musikalischen Entwicklung nennt sich „Demolished Thoughts“ und ist bereits sein drittes Soloalbum.

Wer allerdings den Songschreiber Moore aus seiner Sonic Youth Blütezeit erwartet, wird enttäuscht. Die sozialen, politischen und gesellschaftlichen Themen, die viele seiner bisherigen Songtexte ausmachen, fehlen auf „Demolished Thoughts“. Dieses Album beschreibt nicht die Zustände einer Gesellschaft, die der Welt wie auf einem schmutzigen Präsentierteller gezeigt werden. Ganz im Gegenteil hält sich Moore einen Spiegel vor, durch den er in seine eigene Gefühlswelt schaut. In den Flüssen dieser Welt sieht er die Zeit, das Glück und seine Beziehung dahin rinnen und sich in einen Morast aus Unsicherheit, Zweifel und Enttäuschung verwandeln. Gleichzeitig setzt er dieser deprimierenden Aussicht jedoch eine objektive Erzählweise entgegen, und die aus Lebenserfahrung gewonnene Weisheit lässt ein paar Sonnenstrahlen der Akzeptanz und Zuversicht durchscheinen.

Auch musikalisch ist vieles anders als zu No-Wave/Noise-Rock-Zeiten. „Demolished Thoughts“ ist ein Akustik-album mit Geige und Harfe, das vor allem von Moores Gitarren getragen wird, die zwischen sanften Harmonien und Disharmonien wechseln. Trotz der Zuckerguss-Elemente hat das Album eine Energie, die es vor dem Umkippen in belangloses Popgeschrammel rettet. In Songs wie „Circulation“ und „Mina Loy“ macht sich außerdem eine psychedelische Note bemerkbar, die sich in ein Wirrwarr aus Streichern und Gitarre verwandelt. Diese Dynamik scheint Moore seinen musikalischen Wurzeln zu verdanken.

Einen weiteren nicht zu unterschätzenden Einfluss auf den Klang des Albums hatte Produzent Beck Hansen. Die Zusammenarbeit der beiden Musiker entstammt einer langjährigen Freundschaft. Diese entstand in den 1990ern mit einem von Moore geführten nahezu inhaltslosen Interview Becks „im Fluxus-Stil“ – damals als MTV noch so etwas wie Kulturfernsehen war. Der junge Beck ging in den darauffolgenden Jahren mehrmals mit Sonic Youth auf Europatournee und wurde zu einem geschätzten Kritiker von Moores Musik. Nachdem Beck sein Album „Sea Change“ sowie Charlotte Gainsbourgs „IRM“ in seinem, neben der Küche eingerichteten, Studio produziert hatte, entschied Moore, auch „Demolished Thoughts“ seiner Führung zu übergeben.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Moore noch keine klare Vorstellung davon, wie das Album klingen sollte. Der exzentrische Produzent jedoch arbeitete akribisch an jedem Detail und überraschte ihn nicht zuletzt damit, dass er bereits das Album mischte, als Moore anfing sich über einen möglichen Kandidaten hierfür Gedanken zu machen. Beck stellte sich somit als der visionäre Gegenpart heraus, den Moore brauchte, um dem Album Leben und einen Hauch von Optimismus zu verleihen.

Der Prozess, den Moore mit der Entstehung von „Demolished Thoughts“ durchlaufen hat, scheint zur Verarbeitung seiner persönlichen Probleme beigetragen zu haben. Für den Herbst dieses Jahres haben er und Kim Gordon jedenfalls ein Minialbum in Zusammenarbeit mit Yoko Ono angekündigt, auf den selbstbewussten Namen Yokokimthurston getauft wurde.

Am 31. Juli im Atelier.


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