IMMIGRATIONSPOLITIK: Immer flexibel bleiben

von | 20.10.2006

Im europäischen Multi-Kulti-Musterland fehlen immer noch Konzepte fĂĽr eine gezielte Immigrationspolitik. Der Conseil Ă©conomique et social machte diese Woche zaghafte Vorschläge – jedoch ohne neue Visionen zu entwickeln.

„Betruechte mer also wann ech gelift, haut wĂ©i gĂ«schter, d’Migratioun als eppes fundamental Positives, als eng Beräicherung an net nemmen als eng NoutlĂ©isung, wann et mol zoufällesch net genuch Letzebuerger mĂ©i gĂ©if“. FĂĽr den LSAP-Abgeordneten Ben Fayot war der Bericht, den die Spezialkommission „Immigration“ vor zwei Jahren in der Chamber vorstellte, „am Fong gehol e bĂ«ssen enk gerĂ«ppt“. Die darin beschriebene Immigrationspolitik zentriere sich nahezu ausschlieĂźlich auf die BedĂĽrfnisse der Wirtschaft.

Zwei Jahre später sehen die Luxemburger Visionen fĂĽr eine moderne Immigrationspolitik nicht viel anders aus. Und dafĂĽr, dass Fayots Parteikollege, der fĂĽr die Immigration zuständige Minister Nicolas Schmit, die anstehende Reform des Immigrationsgesetzes von 1972 anders angehen wird, gibt es bislang wenig Anhaltspunkte. Ăśberzeugen konnte man sich davon am Mittwoch, als der von ihm angefragte Avis des „Conseil Ă©conomique et social“ (CES) vorgestellt wurde. In der Immigration sehe man in erster Linie einen „apport de main dÂşoeuvre“ fĂĽr Luxemburg, stellte Raymond Hencks, Präsident des CES gleich am Anfang klar, als er der Presse den Bericht im Beisein des delegierten AuĂźenministers Nicolas Schmit präsentierte. Ein Apport, der deswegen notwendig ist, weil es nicht genug LuxemburgerInnen gibt. Also doch: Migration als Notlösung fĂĽr die bedĂĽrftige Luxemburger Wirtschaft.

Ăśber 30 Seiten lang spricht sich das Gremium, in dem neben dem Patronat auch Gewerkschaften und öffentliche Hand vertreten sind, deshalb fĂĽr eine aktive Immigrations- und Integrationspolitik aus – und beschränkt seine konkreten Vorschläge dabei vor allem auf eine Vereinfachung der Prozeduren bei der Vergabe der Arbeitserlaubnisse.

Bevorzugt gesucht: kulturell Nahestehende

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigen unter anderem die demografischen Projektionen des Statec. „In Luxemburg verläuft die Entwicklung im Vergleich zu den Nachbarstaaten bislang umgekehrt“, sagt Jean Langers, Conseiller Ă©conomique beim Statec gegenĂĽber der woxx. Während die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter in diesen Ländern abnimmt, ist bei den Arbeitnehmern in Luxemburg das Gegenteil der Fall. Schuld daran ist die in den vergangenen Jahren ständig steigende Zahl der GrenzgängerInnen. Dem CES präsentierte Langers seine in diesem Monat veröffentlichte Studie ĂĽber den „demografischen Wandel in Luxemburg und Europa“. Darin rechnet er verschiedene Zukunfts-Szenarien vor. Im Jahr 2055 könnten demnach bei einem Wirtschaftswachstum von drei Prozent in Luxemburg nahezu 320.000 ausländische Arbeitskräfte gebraucht werden.

Angesichts der zu erwartenden Entwicklungen in der GroĂźregion und in der Europäischen Union mĂĽsse sich Luxemburg darauf vorbereiten, mehr und mehr nicht-europäische Immigranten aufzunehmen, die zunehmend von weiter weg kommen und deren Ethnie, Religion und Kultur „très diffĂ©rentes de celles de la population autochtone“ sein werden, so der CES in seinem Avis. Luxemburg sei bekannt als eine offene und tolerante Gesellschaft – allerdings setzt der CES, so Raymond Hencks, hier einen „bĂ©mol“ drauf: In der Bevölkerung habe das positive Bild des Migranten in den vergangenen Jahren gelitten. Illegale Immigration und Angst vor Kriminalität hätten unter anderem dazu beigetragen. Im Avis spricht der CES gar von einer „peur de la ‚Ăśberfremdung‘ par d’autres cultures“. Zweifelhaftes Fazit des CES: Luxemburg sollte „dans lÂşintĂ©rĂŞt dÂşune intĂ©gration plus facile“ eine Immigration fördern, „en provenance de pays culturellement proches du nĂ´tre“.

Ob nun die ebenfalls von der CES erwähnte „peur de ne plus ĂŞtre compris dans leur langue“ der LuxemburgerInnen tatsächlich in den vergangenen Jahren zugenommen hat, lieĂźe sich kaum messen, sagt Fernand Fehlen, ChargĂ© de Cours an der Uni Luxemburg, der vom CES zum Thema soziale Kohäsion gehört worden war. Trotz des wirtschaftlichen Booms gebe es LuxemburgerInnen, die nicht vom Wohlstand profitieren wĂĽrden und fĂĽr die der RĂĽckzug auf die Luxemburger Identität einen gewissen Reiz darstelle. „Die Sprache wird dann als Barriere gegen ausländische Konkurrenz benutzt“, so Fehlen. In den vergangenen 20 Jahren habe sich die Sprachensituation in Luxemburg stark verändert. Fehlen plädiert deshalb fĂĽr eine offensive Sprachenpolitik, die sich sowohl das Erlernen des Luxemburgischen fĂĽr AusländerInnen wie auch die Förderung der Mehrsprachlichkeit der LuxemburgerInnen zum Ziel setzt. „Die Reform des Sprachenregimes in der Schule ist ein guter Anfang“, sagt Fehlen, „das Angebot der Sprachkurse fĂĽr Ausländer mĂĽsste jedoch ebenfalls verbessert werden.“

Eine Forderung, die der CES im letzten Kapitel „pour une politique d’intĂ©gration active“ zurĂĽckbehält. Konkret werden neben einer Reform des Sprachenregimes in den Schulen unter anderem die EinfĂĽhrung eines Integrations-Kits mit praktischen Infos fĂĽr den Einwanderer vorgeschlagen.

Permis unique als konkreteste Vision

Abseits davon ĂĽberwiegen beim CES Reformvorschläge, die vor allem auf eine Erleichterung der langwierigen und nicht sehr transparenten Prozeduren bei der Vergabe der Permis de Travail fĂĽr diejenigen, die nicht aus den 15 alten EU-Staaten kommen, abzielen. Zwar betreffen diese Erlaubnisse nicht einmal zehn Prozent der arbeitenden Bevölkerung – dennoch sind sie je nach Branche ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Laut Rapport dÂşactivitĂ© des Arbeitsministeriums wurden im Jahr 2004 ĂĽber 4.000 Arbeitserlaubnisse ausgegeben. Die meisten der Antragsteller kamen aus Afrika oder Osteuropa. Dass insgesamt nur 545 Anträge abgelehnt wurden, liegt vor allem daran, dass nur der Arbeitgeber einen Permis beantragen kann und somit eine vorhandene Arbeitsstelle garantiert ist. Die Vergabe des ebenfalls notwendigen Permis de sĂ©jour hängt vom Erhalt des Permis de travail ab – beide Prozeduren sollten laut CES zusammengelegt und schneller als bisher abgewickelt werden. Zudem sollte eine Verlängerung des dann geltenden Permis unique auch vom Arbeitssuchenden und nicht einzig und allein vom Arbeitgeber beantragt werden können.

Die Vergabe der Permis sollte transparenter werden, so der CES, der entsprechende Vorgaben im reformierten Immigrationgesetz eingefĂĽgt wissen will. Vor allem die Gewerkschaften, die ebenfalls im CES vertreten sind, pochen auf diesen Punkt. Bei der Vorstellung des Avis war im Ăśbrigen kein Syndikatsvertreter präsent. „Aus ZeitgrĂĽnden“, sagt AndrĂ© Roeltgen vom OGBL, „wir stehen jedoch voll und ganz hinter dem Avis und haben konkrete Kriterien ausgearbeitet, um die Vergabe der Permis einzugrenzen.“ Vor allem der RĂĽckgriff auf billige Arbeitskräfte statt der Schaffung langfristiger Arbeitsplätze sollte verhindert werden, so Roeltgen. Die im Text zurĂĽckbehaltenen Kriterien lesen sich jedoch eher wie eine Wunschliste der Arbeitgeber auf der Suche nach spezialisierten Arbeitskräften fĂĽr bestimmte Projekte.

DafĂĽr, dass vor allem Flexibilität und weniger Transparenz im reformierten Immigrationsgesetz groĂź geschrieben wird, sprechen auch die Reaktionen des Ministers auf den Avis des CES. Besonders die Anmerkungen zum permis de travail habe er sehr aufmerksam gelesen. Man werde sehen, was davon fĂĽr die Reform, die laut Schmit bis 2008 vollzogen sein soll, zurĂĽckbehalten wird. Permis unique? – „Dat schengt mer eng gudd Piste ze sin“, war die konkreteste Ă„uĂźerung, die dem Minister zu entlocken war.

Wirtschaft definiert Immigration

Zwischen den Zeilen war jedoch eine StoĂźrichtung herauszuhören, die auf eine gewisse Kontinuität der Luxemburger Immigrationspolitik deutet: Wer nach Luxemburg kommen will, muss zunächst eine Basis fĂĽr seinen Lebensunterhalt haben. Mit anderen Worten – nur wer Arbeit hat, darf bleiben. Das entspricht dem aktuellen Konzept. Ob permis de travail oder de sĂ©jour – auch kĂĽnftig werde dieses kostbare Dokument an die Aussicht auf einen Arbeitsplatz gebunden sein. Die Flexibilität richte sich nach den BedĂĽrfnissen der Wirtschaft. „Daraus ergibt sich dann die Definition der Immigrationspolitik“, stellt Schmit klar. Die Idee von Quoten befĂĽrworte er nicht unbedingt, allerdings mĂĽsse man ĂĽberlegen, ob man nicht privilegierte Beziehungen mit bestimmten Ländern aufnehmen soll. Als Beispiel könne er sich den Balkan vorstellen.

Zudem versprach Schmit einmal mehr, was schon seit Jahrzehnten im Gespräch ist: KĂĽnftig wolle man eine gezieltere Integrationspolitik machen. Auf diese Notwendigkeit weist unter anderem die ASTI seit Jahren hin. „Die Permis de travail betreffen nur einen Bruchteil der ausländischen Arbeitnehmer“, sagt Serge Kollwelter von der ASTI. „Wir mĂĽssen uns verstärkt um die Integration der EU-Ausländer kĂĽmmern, die längst hier leben.“ Im Immigrationsministerium scheint dieses Feld jedoch noch Neuland zu sein. FĂĽr Integration ist in der Regierung bislang die Familienministerin zuständig. In der von ihr einberufenen informellen Arbeitsgruppe ist kein Mitglied des Immigrationsministeriums vertreten.

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