GROSSES MOBILITÄTS-PROBLEM: Kleine Schritte

von | 14.09.2012

Wenig Konkretes wurde für die diesjährige Mobilitätswoche angekündigt. Das Ministerium stellt interessante Zukunftsprojekte vor – und Dinge, die längst überfällig sind.

„Eines Tages sollten die Kinder wieder zu Fuß zur Schule gehen oder mit dem Fahrrad fahren, statt dass 150 Autos sich vor dem Gebäude drängeln.“ Der Appell von Pierre Wies, Mobilitäts-Verantwortlicher beim Gemeindesyndikat Syvicol, war das einzige einigermaßen Visionäre, was auf der Pressekonferenz zur diesjährigen Mobilitätswoche zu hören war. Und wo die anderen Teilnehmer von Sensibilisierung, Konzertierung und Marketing schwafelten, hatte er immerhin konkrete Forderungen: „Wenn das nationale Radwegenetz nicht nur für den Tourismus, sondern auch für die alltägliche Mobilität genutzt werden soll, dann müssen auch die Dorfzentren eingebunden werden.“

Die Mobilitätswoche ist eine europaweite Initiative, die vor über zehn Jahren als „Autofreier Tag“ gestartet wurde. Diesen Slogan hat sie längst fallenlassen – vermutlich zur großen Erleichterung des zuständigen Nachhaltigkeits- und Straßenbauministers Claude Wiseler. Seit seiner Amts-übernahme ist das, was die woxx jahrelang als Mobilitäts-Folklore verspottete – Radrennen und Fahrten in der Pferdekutsche – durch institutionelle Propaganda ersetzt worden: Nicht weniger als 13 Events wurden am vergangenen Montag angekündigt ? wobei die Initiativen auf Gemeindeebene noch gar nicht berücksichtigt sind. In den vergangenen Jahren hatte das Ministerium es nicht geschafft, die landesweiten Aktivitäten ordentlich zu koordinieren und im Internet aufzulisten, deshalb hat man es wohl diesmal gar nicht erst versucht.

Die Projekte, die das Ministerium in der Zeit vom 14. bis zum 20. September gebündelt vorstellen wird, sind aber nicht uninteressant. So wurde ein Katalog von Empfehlungen für die Gestaltung von Bushaltestellen erarbeitet, der dazu beitragen soll, die Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel angenehmer zu machen. Für die neuen, über das ganze Land verteilten Auffangparkings soll eine Broschüre mit dem Titel „Prenez votre P+R le plus proche“ werben. Manche Initiativen sind allerdings so überfällig, dass man sie nicht wirklich als Fortschritt bezeichnen kann. Die zur Erarbeitung verbesserter Busfahrpläne für den Aushang gehört sicher dazu. Die „mobiliteit.lu“-Seite könnte ebenfalls eine Überarbeitung vertragen, aber sie wird so umständlich und schwerfällig bleiben, wie sie ist ? zum Ausgleich veranstalten jetzt zwei Internet-Stuben Einführungskurse für den Gebrauch der Suchmaschine.

Als Highlight preisen die Veranstalter die Podiumsdiskussion zu Mobilitätsplänen auf Betriebsebene am kommenden Mittwoch an. „Unies, les entreprises ont le pouvoir et, d’une certaine façon, aussi le devoir d’influencer les flux de trafic que génèrent leurs employés par leurs trajets professionnels“, heißt es treuherzig in der Ankündigung. Der Ansatz, die Unternehmen einzubeziehen, ist sinnvoll, aber, anders als das Ministerium glaubt, keinesfalls „inédit“. Eine ähnliche Initiative der Stadt Luxemburg vor zehn Jahren war im Sande verlaufen – vermutlich aus mangelndem Interesse seitens der Betriebe.

Ebenfalls schwierig, aber sinnvoll, ist der Versuch, Mobilität auf der Ebene der Großregion anzugehen: Ein Interreg-Projekt für eine großregionale Mobilitätszentrale wird am 21. vorgestellt. Während der Pressekonferenz beantwortete Claude Wiseler auch die Frage, wie weit der Ausbau der Verkehrsinfrastrukturen von künftigen Sparmaßnahmen betroffen sei. Wenn sich die Wirtschaft schnell erhole, könne man auch den Ausbau beschleunigen. „Bei einer Verlangsamung des Wachstums verzögern wir auch die Umsetzung der Infrastrukturprojekte. Das Mobilitätsbedürfnis steigt ja auch langsamer.“ Diese Logik ist aber nicht so evident, wie sie sich gibt. Denn der Zustand der Verkehrsinfrastrukturen in und um Luxemburg ist auch ein Standortfaktor, und das derzeitige öffentliche Transportangebot ist größtenteils für Menschen und Unternehmen nicht attraktiv, sondern eher abschreckend.

Einen Hoffnungsschimmer stellt die Verteilaktion an Radfahrer am Rond-Point Schuman und an der alten Brücke am kommenden Dienstagmorgen dar. Der Proviantbeutel ist leuchtend gelb und trägt die Aufschrift: „Mam Velo op d’Schaff – minus 1 Auto“.

Dat kéint Iech och interesséieren

NEWS

Weiter Kritik an „Google“ in Bissen

Der „Mouvement écologique“ (Méco) kritisiert abermals das geplante Rechenzentrum von „Google“ in Bissen. Der US-Konzern firmiert in Luxemburg unter dem Namen „London Bridge“. Unter diesem Namen sind auch die Ergebnisse der Umweltverträglichkeitsprüfung auf der Website des Umweltministeriums veröffentlicht worden. Die NGO wertet das als Zeichen...

NEWS

Medien: Frauen bleiben unterrepräsentiert

In einer Pressekonferenz vergangenen Donnerstag stellten das CNFL, das Cid Fraen an Gender und das Liser die Ergebnisse des vierten „Global Media Monitoring Projects“ (GMMP) in Luxemburg vor. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Nur 30 Prozent der in Medien repräsentierten Personen waren Frauen, wobei dies eine Verbesserung von 20 Prozent im...

NEWS

EU-Asylrecht: Datum mit Symbolcharakter

Die am vergangenen Montag stattgefundene EU-Innenministerkonferenz in Brüssel hat mit den dort verabredeten Verschärfungen das Zeug, rückblickend die de-facto Abschaffung des Asylrechts in der EU zu markieren. Das ist insbesondere zwei Aspekten geschuldet. Erstens dem Konzept „sicherer Herkunftsländer“. Dazu sollen neben den...