ULRICH SEIDL: Postkoloniales Paradies

In intimen Bildern spürt Ulrich Seidl dem Phänomen des Sextourismus in Ostafrika nach. Mit seiner Filmheldin hält er den westlichen Wohlstandsnationen den Spiegel vor.

Regisseur Seidl zeigt das vermeintliche Exotik-Paradies als Neuauflage kolonialer Abhängigkeit. „Paradies: Liebe“, neu im Utopia.

Nehmen wir mal an, du bist weiblich, heterosexuell, um die 60, die Haut hängt, und du bist so dick, fühlst dich so unansehnlich, dass es dir schwerfällt, einen Mann nach deinem Geschmack zu finden, der sich mit dir sexuell vergnügt, oder aber du hast schlicht keinen Bock auf westliche Männer mit Bierbauch ? Zu dem, was bei europäischen, „weißen“ Männern gang und gäbe und etwa als Phänomen des Sextourismus in Thailand allgemein bekannt ist, existiert natürlich auch ein weibliches Pendant: zum Beispiel in Kenia, wohin der Film „Paradies: Liebe“ führt. Geplant hat ihn der Österreicher Ulrich Seidl als ersten Teil einer Trilogie über drei Frauen, die auf unterschiedliche Weise nach ihrem Glück suchen. Selbst ein Strip ist am Ende des Films drin, wenn sich Teresa und ihre Freundinnen einen schwarzen Boy aufs Zimmer holen, ihn „wild“ tanzen lassen und sein Genital mit einer rosafarbenen Schleife garnieren.

Doch Seidls starke Filmfigur Teresa (Margarethe Tiesel), bodenständige Erzieherin, sucht mehr als nur (käuflichen) Sex. Sie will noch einmal Zärtlichkeit erfahren, wissen, wie sich das anfühlt, richtig gestreichelt zu werden. Dankbar läuft sie den schwarzen Männern hinterher, die ihr ihre Liebesdienste anbieten, um deren Bewegungen beim Sex dann jedoch mit „tatschi, taschi!“ oder „don’t zwick, please!“ selbstbewusst zu dirigieren. Mit mehreren Kenianern probiert sie es, um schließlich daran zu verzweifeln, dass Geld allein nicht ausreicht, um „echte Liebe“ zu erfahren. In den Augen ihrer gekauften Lover ist sie eben nichts anderes als eine weiße Kundin mit Geld, eine „Sugarmama“.

Seidl hat die Lebensumstände in Kenia, das Geschäft der Beachboys mit den Weißen, zwei Jahre lang eingehend studiert, bevor er den Film drehte. Die Logik sei einfach: je länger man eine weiße Frau um den Finger wickle, desto länger fließe das Geld, machte er im Zeit-Online-Interview klar. Die Schwarzen hätten den Kolonialismus gewissermaßen internalisiert. Aber ist es nicht legitim, ein Tauschgeschäft mit reichen, weißen Frauen einzugehen? Seine Filmheldin Teresa allerdings braucht lange, um das Spiel „Sex gegen Geld“, Geld für angeblich erkrankte Brüder, Kinder und Tanten, zu durchschauen, will nicht wahrhaben, dass sie der auf die Beachboys projizierten Hoffnung auf wahre Liebe aufgesessen ist. Das Resultat sind intensive Einstellungen mit viel nackter Haut. ? Hier ein weißer Fleischberg, der nach Liebe lechzt, dort athletisch-jugendliche, dunkle Körper. Und dennoch schafft es Regisseur Seidl, Teresa ihre Würde zu belassen. Oder ist es Margarethe Tiesel selbst, die so souverän spielt, als hätte sie im Leben nichts anderes gemacht?

Afrikanische Hotel-Bedienstete, die den Pool säubern, schwarze Beachboys, die lethargisch vor den sich in der Sonne grillenden weißen Frauen aufgereiht stehen, eine Hotelband, die in Zebrakostümen „Hakuna matata“ singt. Viele dieser Stereotype reproduzierenden Szenen wirken grotesk und weisen einen hohen Fremdschämfaktor auf, wenngleich sie einen unentwegt schmunzeln lassen. Am Ende erweist sich „Paradies: Liebe“ dann doch als nuanciert durchkomponierter Film: Es sind provozierende Einstellungen, die sich aneinanderfügen wie ein schrilles Puzzle des Postkolonialismus. Dialoge, die wehtun: „Weißt, wie sich des anfühlt, die Haut von denen? ? Riecht nach Kokosnuss. Ist der Wahnsinn!“ erklärt eine Freundin Teresa, während die beiden sich an der Strandbar einen antrinken und den schwarzen Barkeeper das Wort „Speckschwarterl“ aussprechen lassen. „Der glänzt doch wie ein Speckschwarterl!“ Dann zoomt die Kamera zurück und man sieht nur noch die Speckschwarten der fülligen Leiber der beiden Frauen.

Neu im Utopia.


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