PEDRO ALMODOVAR: Über den Wolken

Schrill und sexuell ungehemmt geht es in Pedro Almodóvar’s „Los Amantes Pasajeros“ zu. Ein Statement zur Krise?

Einfach eingeschläfert: Während die Business-Class auf Meskalin einen echten Höhenflug genießt, wird die Economy-Class mit Schlaftabletten ruhiggestellt.

„Über den Wolken, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …“ heißt es schon im Klassiker des deutschen Liedermachers Reinhard Mey. Der neue Film von Pedro Almodóvar, „Los Amantes Pasajeros“, interpretiert dies auf seine Weise. Der Film erscheint als Gangnam-Style am Firmament.

Und das nicht nur wegen der für Almodóvar typischen knalligen Farbgestaltung, bei der Frauenlippen blutrot und Hemden schreiend bunt sind und ein Flugzeuginneres hellblau gehalten ist. Nein, auch im Ganzen ist der Film – ein geradezu burleskes, kitschig überbordendes Musical – enthemmt: im lasziven Tanz des schwulen Bordpersonals, in der Nahaufnahme eines männlichen Schritts, in der Verabreichung des psychedelischen Rauschgifts Meskalin an die Fluggäste usw. Meskalin lockert aber auch ungemein auf: Heulkrämpfe sind die Folgen, Seelenstriptease schließlich wüste Orgien, ob homo- oder hetero. So treibt der Plot zum Höhepunkt. Durchaus unnötig, dass zu Anfang des Films ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass die gezeigten Gegebenheiten in keiner Weise der Realität entsprechen.

Im Mittelpunkt von „Los Amantes Pasajeros“ stehen die Crew und die Passagiere eines Flugzeugs. Auslöser für die ganze Exaltiertheit auf dem Flug von Spanien nach Mexiko ist ein nicht mehr ausfahrbares Fahrgestell. „Verehrte Fluggäste, aufgrund eines kleinen technischen Problems werden wir in Kürze notlanden“, sagt der Flugkapitän irgendwann an. Da ist die Economy-Class schon längst mit Schlaftabletten außer Gefecht gesetzt und die Business-Class hat sich einem letzten Rausch vor dem befürchteten Crash hingegeben.

Der Film ist jedoch nicht nur eine überdrehte Schnulze: Schlecht weg kommen auch die Banken, deren Misswirtschaft angeprangert wird und die schuld sind am Bankrott des Flughafens La Mancha, auf dem das Flugzeug notlanden muss. Aber auch der spanische König, dem sexuelle Ausschweifungen mit Callgirls unterstellt werden, bekommt sein Fett weg.

Vielleicht ist „Los Amantes Pasajeros“ auch als Statement zur Krise zu lesen: Ein letztes rauschhaftes Feiern der Wohlsituierten vor dem Niedergang, während das Volk – die Economy-Class – schon längst aus dem Spiel ist.

Pedro Almodóvar besetzte seinen neuesten Film mit bekannten Schauspielern, etwa Antonio Banderas, der seine Karriere bereits in den 1980er Jahren in Almodóvar-Filmen wie „Laberinto de Pasiones“, „Matador“ oder „La Ley del Deseo“ begonnen hat. Und auch die Almovodar-Muse Penélope Cruz hat einen Kurzauftritt.

Es ist erstaunlich, wie Almodóvar zwischen den verschiedenen Filmgenres hin- und herwechselt, war doch sein letzter Film „La piel que habito“ noch ein Thriller, in dem es um Schönheits-OPs und Transgenetik ging. Doch seit jeher alterniert der Meister zwischen Gothic Novel und schrill-witzigen Streifen, denen er mit seinen Diven in hochdramatischen Liebesverhältnissen neue, queere Facetten zu verleihen weiß. „Los Amantes Pasajeros“ ist ein Höhenflug in diesen Bereich, allerdings auch nicht mehr.

Im Utopia.


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