BÜCHERTAGE: Ausgebucht?

Die nationalen Büchertage sind eine willkommene Gelegenheit, nicht nur die Wohltaten des Lesens zu preisen, sondern auch einen Blick auf den Zustand des luxemburgischen Buchmarkts zu werfen.

E-Books mögen zwar praktisch sein, aber die Esthetik einer gut gefüllten Bücherwand können sie nicht ersetzen.

Immer am 23. April jähren sich die Todestage von William Shakespeare und Miguel Cervantes. Am selben Datum findet seit über 70 Jahren in Katalonien das „Fest der Rose und der Bücher“ statt, an dem man eben Bücher und Blumen verschenkt – für die Unesco im Jahre 2007 hinreichender Grund, einen internationalen Gedenk- und Aktionstag rund um das Buch ins Leben zu rufen. Das Großherzogtum war von Anfang an mit dabei und gründete eine parallele Veranstaltungsreihe, die „Journées du Livre“. Dass das Interesse zumindest auf Seiten der Organisatoren stetig gewachsen ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Ausgabe 2013 volle vier Tage in Anspruch nehmen wird (vom 20. bis zum 23. Mai).

Anders wäre es auch kaum möglich gewesen, die zahllosen Happenings rund ums Buch irgendwie unterzubringen. Hier nur ein paar Beispiele – die mitunter auch beweisen, dass man Lesegewohnheiten wohl in jeder Kulturgruppe finden kann: Das „Centre de documentation sur les migrations humaines“ in Düdelingen begibt sich auf eine China-Reise und versucht, die literarischen Zusammenhänge zwischen Luxemburg und dem Reich der Mitte zu beleuchten. Währenddessen kann man im „Casino-Forum d’art contemporain“, im Rahmen der aktuellen Ausstellung von Marco Godinho, an einem eigenen Artbook basteln. Eine Schriftstellerin zum Anfassen gibt es im Cercle Cité, wo die französische Autorin und Journalistin Colombe Schneck eine – mit SchülerInnen des Lycée Vauban vorbereitete – Konferenz abhalten wird. Gratis-Bücher verteilen auch dieses Jahr wieder die CFL („Buch am Zuch“) und verschiedene andere Buchhandlungen im ganzen Land, die ihre Kunden mit dem Band „Ich schenk dir eine Geschichte“ beglücken wollen.

Die Zukunft des Mediums Buch und die Probleme, die das digitale Zeitalter mit sich bringt, können am „Tage des Buchs“ natürlich nicht unerörtert bleiben. Zwei Veranstaltungen werden sich dieser Themen annehmen: Zum einen ein „Info-Nachmittag E-Book“ in der Librairie Ernster, zum anderen ein Rundtischgespräch über „La valeur du livre aujourd’hui et demain“ mit Autoren, Vertretern des Buchhandels und diverser Institutionen.

Doch diese sehr ernsten Themen wollen nicht so recht zu der Gutwetterlaune passen, die die Büchertage zu suggerieren suchen. Denn von der Zukunft des E-Books hängt die des Papierbuchs ab, und das Thema Autorenrechte ist weit mehr als der Kampf gegen Internetpiraterie. Der Stellenwert der Autorenrechte ist eine Zivilisationsfrage.

Bei seriösen Fragen herrscht Gutwetterlaune vor.

Dadurch, dass das Internet die Welt – wie es heißt – zu einem globalen Dorf gemacht hat, haben sich Grenzen verschoben, neue Ausdrucksformen sind hinzugekommen, und auch der Text als linguistisches Konstrukt ist dabei, sich zu verändern. Hyperlinks in Blogs zum Beispiel ersetzen tendenziell den guten alten Subtext – man muss sich ja unmissverständlich verständlich machen im Internet. Die Folge könnte sein, dass der Sprache die Dimension der Ironie ganz verlorengeht. Doch nicht nur die linguistische Komponente ist wichtig, auch die finanzielle ist es. Und wenn man sich die Panels ansieht, die im Rahmen der Büchertage organisiert werden, muss man leider feststellen, dass diese doch etwas einseitig besetzt sind. So wurden beim Rundtischgespräch im Cercle Cité keine RepräsentantInnen der Piratenpartei eingeladen, obwohl diese sicher etwas zur Diskussion hätten beitragen können. Stattdessen wurde die ehemalige Literaturhausdirektorin und Mitglied des Veraltungsrates der luxorr, Germaine Goetzinger, gebeten – keine schlechte Wahl sicherlich, aber doch etwas einseitig, da die Ansichten von luxorr eben nicht von jeder Person hier im Land geteilt werden, die etwas mit Literatur am Hut hat.

Auf dieses Manko angesprochen, meinte die Direktorin der Nationalbibliothek, Monique Kieffer, bei der Vorstellungs-Pressekonferenz der Büchertage: „Natürlich sind Autorenrechte eine wichtige Frage, die sich nicht nur in der Zukunft, sondern auch im Hier und Jetzt stellt. Und vonseiten der Nationalbibliothek und ähnlichen Instituten machen wir uns schon stark, um in der Frage voranzukommen. So wurde kürzlich zum Beispiel verhindert, dass Bibliographien kommerziell genutzt werden können. Von unserer Seite aus gesehen, sind die Autorenrechte eine zweideutige Sache, denn einerseits müssen wir sie beschützen, auf der anderen Seite sind wir jedoch der staatliche Garant dafür, dass Literatur der Allgemeinheit zugänglich ist und das auch so bleibt“. So kann man wenigstens feststellen, dass eine Diskussion nicht gänzlich ausgeschlossen wird, auch wenn wir noch weit entfernt von einem Zustand sind, in dem alle Akteure am gleichen Strang ziehen.

Ein weiteres Element, das ziemlich unkritisch behandelt wird, ist das E-Book. Sicherlich kann man von einem Bücherhändler nicht erwarten, dass er seine Ware bei der Präsentation schlechtredet. Trotzdem ist gerade in Luxemburg die Situation der E-Books irgendwie paradox: Einerseits steckt ihr lokaler Verkauf noch in den Kinderschuhen, und auch die Luxemburger Verleger – mit Ausnahme von Op der Lay – zieren sich noch, ins digitale Zeitalter einzutreten. Andererseits ist das Großherzogtum als Handelsplattform für E-Books ausländischer Firmen ein großer Fisch im Tank. Und zwar dank einer Mehrwertsteuer von knapp drei Prozent. Dass dies nicht jedem gefällt, zeigt der Prozess, der gegen Luxemburg – und Frankreich, das eine Mehrwertsteuer von sieben Prozent erhebt – von der europäischen Kommission Ende Februar vor dem EU-Gerichtshof angestrengt wurde. Auch wenn sich Finanzminister Frieden und sein französischer Kollege Jacques Toubon, der Delegierte für die Fiskalität kultureller Güter, ostentativ gelassen geben, weil auch die guten alten Papierbücher von einer reduzierten Mehrwertsteuer profitieren, könnte der Ausgang des Prozesses ausschlaggebend für die lokale Zukunft des E-Books sein. Zumal sich die Frage stellt, wieso die hiesige Verlegerbranche nicht stärker von der fiskalen Nische vor der Haustür profitieren will.

Die Verlegerbranche ist sowieso ein anderes, viel zu kontroverses Thema, das eigentlich auch nicht in die Büchertage gehört. Dort liegt bekanntlich der Kamm bei der Butter. Man darf deshalb gespannt sein, wie Kulturministerin Octavie Modert, die am 29. April von der DP vor die Kulturkommission des Parlaments zitiert wird, erklären wird, weshalb Luxemburg bei einigen der großen europäischen Buchmessen der letzten Zeit mit Abwesenheit glänzte.

Das ganze Programm der Journées du livre et du droit d’auteur finden Sie unter:
www.liesen.lu


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