CARGOLUX GOES CHINA: Wie Kolumbus

Ist der HNCA-Deal für Cargolux der Schlüssel zu den asiatischen Märkten? Oder der Anfang vom Ende? Weder die Lobpreisungen noch die harschen Vorwürfe können überzeugen.

Als Ende des 15. Jahrhunderts Christoph Kolumbus den Plan verfolgte, einen neuen Seeweg für den lukrativen Asienhandel zu suchen, traf er nicht auf ungeteilte Unterstützung für sein Vorhaben. Manche Kritiker hielten ihm entgegen, die Erde sei eine Scheibe, andere warfen ihm vor, die Distanz bis nach Asien in westlicher Richtung zu unterschätzen – womit sie Recht behielten. Dennoch wurde Kolumbus` Expedition – zumindest aus westlicher Sicht – zu einer der größten success stories der Weltgeschichte.

Erfolg im Asienhandel erhoffen sich auch die Befürworter des China-Deals der Luftfracht-Firma Cargolux. Seit 2009 sucht der Luxemburger Staat nach einem neuen Teilhaber. Nach dem Scheitern der Partnerschaft mit Qatar Airways versucht man es nun mit HNCA, der Entwicklungsgesellschaft für den chinesischen Flughafen Zhengzhou (woxx 1246). Dass aus Ostasien große Warenströme nach Europa fließen, ist kein Geheimnis, und ein Teil dieser Menge wird in Frachtflugzeugen transportiert. Ob aber die Provinz Henan, Eigentümerin von HNCA, es schafft, ihre Hauptstadt Zhengzhou zu einem neuen Drehkreuz des Frachtflugverkehrs zu machen, ist unsicher.

Für einen Erfolg der China-Strategie von Cargolux spricht, dass die Zentralregierung in Peking den Strukturwandel der inneren Provinzen unterstützt und Premierminister Li Keqiang früher Gouverneur von Henan war. Außerdem ist China ein schnell wachsender Markt für westliche Produkte, so dass idealerweise die Cargolux-Boeings in beiden Richtungen mit gut gefülltem Frachtraum fliegen könnten. Allein die Provinz Henan hat 100 Millionen EinwohnerInnen, denen man die hoch im Kurs stehenden westlichen Waren verkaufen kann, so die Befürworter der China-Strategie.

Ob die Rechnung aufgeht, hängt davon ab, wie viele dieser potenziellen KundInnen wirklich zahlungskräftig sind – in Henan dürfte der Anteil der unteren Mittelschicht unter zehn Prozent liegen, einen regelmäßigen Konsum von Luxusgütern kann sich nur eine kleine Minderheit leisten. Unsicher sind auch die künftigen sozialen und politischen Entwicklungen im Reich der Mitte, im Guten wie im Schlechten.

Eine weitere Unsicherkeit, die von den Kritikern des HNCA-Deals im Management und bei den Gewerkschaften angeführt wird, betrifft den rechtlichen Rahmen des Abkommens. Unklar ist, welche Konsequenzen das haben könnte: Mit chinesischen Partnern kann man grundsätzlich immer Arrangements finden – vorausgesetzt, der Begriff Partnerschaft wird von beiden Seiten ernstgenommen und gepflegt. Dass die Zusammenarbeit – insbesondere der Aufbau eines Frachtzentrums in Zhengzhou – kurzfristig dazu führt, dass HNCA das Cargolux-Know-how abschaut und dann dem Partner Konkurrenz macht, ist unwahrscheinlich. Längerfristig dürften allerdings sämtliche chinesischen Fluggesellschaften – mit oder ohne Cargolux – zu ernstzunehmenden Konkurrenten auf dem Weltmarkt werden.

Captain Henri?

Das ausschlaggebende Argument für den HNCA-Deal war, dass andere potenzielle Partner noch weniger attraktiv waren und es wohl nur eine Alternative gab: Die Fluggesellschaft unter weitgehend staatlicher Kontrolle zu belassen. Diese Option wird allerdings nicht von den Kritikern innerhalb des Cargolux-Managements befürwortet, sondern nur von linken Akteuren wie dem OGBL oder Déi Lénk – die dem chinesischen Staatskapitalismus offenbar misstrauen. Doch selbst Anhänger einer Verstaatlichung lokaler Energie- und Transportunternehmen finden es nicht unbedingt sinnvoll, einen weltweit aktiven Global Player unter großherzogliche Aufsicht zu stellen.

Alles in allem erscheint die Partnerschaft mit HNCA als eine etwas risikobehaftete Lösung für die Weiterentwicklung von Cargolux, die durchaus Potenzial hat, zur Erfolgsgeschichte zu werden. Freilich wenn, und nur wenn, die politisch Verantwortlichen es schaffen, die Konflikte im Management der Firma zu entschärfen. Denn Kolumbus` Expedition war nicht nur erfolgreich, weil die Erde rund ist – er schaffte es auch, Offiziere und Mannschaften seiner Schiffe von den Erfolgschancen zu überzeugen.


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