VOLKER SCHLÖNDORFF: Paris in Trümmern?

Einmal mehr bringt Volker Schlöndorff historischen Stoff bedeutungsschwer auf die Kinoleinwand. Sein Remake ist mehr Theaterstück als Kinofilm, überzeugt aber dank der beiden Hauptdarsteller.

Kein fanatischer Nazi, sondern fast menschlich: Niels Arestrup in der Rolle des Generals von Choltitz.

Was wäre, wenn Paris brennen würde? Was, wenn die weltberühmten Wahrzeichen der Stadt plötzlich verschwänden? Der Eiffelturm, der Louvre, Notre Dame von einem Augenblick auf den anderen gesprengt und dem Erdboden gleichgemacht …

Ein solches Bedrohungs-Szenario entwirft Volker Schlöndorff, der französischste unter den deutschen Regisseuren mit einem Faible für die Verfilmung von historischen Stoffen und Literaturklassikern („Die Blechtrommel“, 1976), in seinem neuen Film „Diplomatie“. Die Handlung spielt in der Nacht vom 24. auf den 25. August 1944. Das Schicksal der Stadt scheint in den Händen eines einzigen Mannes zu liegen, des Stadtkommandanten General von Choltitz (Niels Arestrup). Die Brücken über die Seine und die berühmtesten Bauwerke der Stadt, wie der Louvre, die Kathedrale Notre-Dame und der Eiffel-Turm, sind bereits vermint – es fehlt nur noch das Signal zur Sprengung. Hier, im letzten Moment, tritt Raoul Nordling (André Dussolier), ein schwedischer Diplomat, dem nur noch schwach zaudernden General entgegen: Unter Aufbietung seines gesamten rhetorischen Geschicks versucht er ihn davon abzuhalten, die Stadt in die Luft zu jagen. Was sich dann entwickelt, ist ein subtiler Dialog zwischen den beiden, der mehr an ein Kammerspiel erinnert als an Hollywood. Kulisse ist das prunkvolle Hotel Meurice, einstige Sommerresidenz Napoleons III. Die Treppe, über die Nordling zur Suite des Generals hinaufsteigt, soll Napoleons Maitressen einst als geheimer Zugang gedient haben.

Der Stoff wurde bereits zu einem Roman (Dominique Lapierre: „Paris, brûle-t-il?“, 1966) und zum Drehbuch für den gleichnamigen Film (René Clemént, 1966) verarbeitet. Neben deutlichen Rückgriffen auf diese beiden Werke hält sich Schlöndorff zum Teil an wahre Begebenheiten, verkürzt diese oder spitzt sie nach seinem Gusto zu. Den „Trümmerbefehl“ zur Zerstörung von Paris hatte Adolf Hitler tatsächlich am 23. August 1944 erlassen. Die Stadt dürfe „nicht oder nur als Trümmerfeld in die Hand des Feindes fallen“, hatte er verfügt. Auch Verhandlungen zwischen den beiden Protagonisten (1944 war General von Choltitz Stadtkommandant von „Groß-Paris“ und widersetzte sich Hitlers Befehlen) und Kontakte zur Résistance hat es offenbar gegeben – die allerdings politische Häftlinge betrafen und sich über mehrere Wochen hinzogen. Schlöndorff verkürzt die Dauer der Handlung, des dramatischen Effekts wegen, auf eine einzige Nacht, in der das Fortbestehen der Stadt am seidenen Faden hängt. Am Ende scheint es wie ein ausgemachter Deal zwischen den beiden: Nordling versichert von Choltitz, dass seine Frau und seine Kinder in Sicherheit gebracht werden, wenn dieser seinerseits zusagt, Paris zu verschonen. Der Beginn einer „wunderbaren Freundschaft“? An einen Filmklassiker wie Casablanca kommt Schlöndorffs „Diplomatie“ kaum heran, dafür ist die Handlung denn doch zu verkürzt, die Moral streckenweise zu dick aufgetragen, für Romantik bleibt keinerlei Raum. Mit den beiden Hauptdarstellern hat Schlöndorff jedoch auf die Richtigen gesetzt. Arestrup und Dussolier spielen herausragend, ihrem Dialog fehlt es in keinem Moment an Spannung. Kaum verwunderlich, spielten die beiden doch bereits 2011 in derselben Figurenkonstellation in dem gleichnamigen Theaterstück von Cyril Gély. Arestrup in der Rolle des NS-Generals ist insofern ein großer Wurf, als er nirgendwo in das billige Klischee des Nazi-Besatzers abgleitet. Es ist ein Mann, der fast (zu) menschlich gezeichnet wird, der zum Beispiel auf die Meldung hin, dass die Alliierten bereits in der Stadt sind, allen Soldaten unter 18 die Flucht befiehlt. Ein autoritärer Charakter, aber eben kein verblendeter Fanatiker. Beide sprechen im Film ein akzentfreies, kultiviertes Französisch. Deutsch hingegen wird durchweg gebellt – in den Telefonhörer wie auch von den Soldaten in ihren Unterhaltungen.

Ein bedeutungsschweres Ende hat Schlöndorff, ähnlich wie beim Filmbeginn, den er mit Beethovens 7. Symphonie untermalt, sich natürlich nicht nehmen lassen. Von Choltitz kapitulierte am 25. August und wurde Kriegsgefangener in britischem Gewahrsam. Im Abspann erfährt man, dass er bereits 1947 freigelassen wurde und seiner Frau und seinen Kindern nichts geschah. Für die Deportationen von Juden wurde Choltitz, der in einem Abhörprotokoll vom 29. August 1944 zugab „Der schwerste Auftrag, den ich je durchgeführt habe – allerdings dann mit größter Konsequenz durchgeführt habe – war die Liquidation der Juden“ nicht zur Rechenschaft gezogen. De Gaulle ehrte ihn als Retter von Paris. Als solcher ist er in die Geschichte Frankreichs eingegangen. Der Film nährt diesen Mythos.

Im Utopia


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