DAVID FINCHER: Dein Image ist dein Leben

Mit „Gone Girl“ liefert David Fincher einen als vielschichtiges Puzzle angelegten, spannenden Thriller, der als bissig-ironischer Kommentar auf die US-amerikanische Medienwelt interpretiert werden kann.

Wahrt er als Mörder bloß den Schein, oder will er seine wunderbare Amy wirklich zurück?

Wir wußten es immer schon: Die Grenzen zwischen Paradies und Hölle sind fließend. Amy (Rosamund Pike) und Nick Dunne (Ben Affleck), beide Schriftsteller, sind nach außen hin ein perfektes Paar – smart und gutaussehend, zwei Menschen, die in jeder Gesellschaft durch Charme und kluge Witze bestechen. Die wunderbare Amy wurde von klein auf von ihren Eltern zur Erfolgsautorin und perfekten Medienfigur getrimmt und zieht alle, die ihr über den Weg laufen, in ihren Bann. Ein bisschen wie eine amerikanische Version der „fabelhaften“ Amélie. Kein Wunder, dass Nick der fabulösen Amy im Nu verfallen ist. Verliebt ziehen die beiden in eine US-amerikanische Kleinstadt in Missouri, wo der Rasen gemäht ist und die Sozialkontrolle durch die Nachbarn mitinbegriffen. David Lynch läßt grüßen! Gone Girl schafft ästhetisch eine ähnliche Atmosphäre der Beklemmung, wie Lynch es in seinen Filmen vermag. Bis dem Paar die Decke auf den Kopf fällt und der anfangs so verliebte Nick zum faulen, gewalttätigen Macker mutiert – oder ist es Amy, die sich in eine enervierende Zicke verwandelt? Oder ist einer der beiden am Ende paranoid? Das Eheglück wird zur Hölle, und an ihrem
fünften. Hochzeitstag ist Amy plötzlich spurlos verschwunden.

David Fincher, Meister im Legen falscher Fährten, hat den Bestseller von Gillian Flynn als Grundlage für seinen Thriller genommen, führt den Zuschauer an der Nase herum und treibt das Verwechslungs- und das Spiel mit den Finten auf die Spitze. Mal lenkt er den Verdacht auf Ben Affleck, der als „Nick“ in der Tat mehr zu bieten hat als den für ihn typischen treuen Hundeblick, mal ist es Amy, die ihrem Ehemann eins auswischen will. Mittels Rückblenden, polizeilicher Fahndungsmaßnahmen, tratschender Nachbarn und reißerischer Fernsehnachrichten, die wilde Gerüchte über das Verschwinden der beliebten Medienfigur Amy Dunne in die Welt setzen und die Beziehung der beiden als öffentliche Soap-Opera inszenieren, wird der Zuschauer vollends in Verwirrung gebracht.

Am Ende ist die Macht der öffentlichen Medien so stark, dass das Vorzeigepaar ganz zum Produkt der Medienwelt wird. Ihr Leben ist irgendwann das, was die Medien über sie berichten. Sind öffentliche Figuren im Internetzeitalter etwa nur noch das, was die Medienwelt propagiert? Werden sie zu medialen Abziehbildern, deren Identität(en) austauschbar sind?

„Gone Girl“ kreist um Identität, Macht und Kontrolle – David Finchers Sujets, die er bereits in „Fight Club“ (1999) und zuletzt in „The Social Network“ (2010) angeschnitten hatte. Seine Kritik an der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie kann man als ironischen Kommentar deuten. Fincher, von dem es heißt, er sei ein Kontrollfreak und Perfektionist, der Szenen x-mal dreht, bis jede Nuance stimmt, und Flynn haben mit Amy eine Kunstfigur geschaffen, die wie das Alter Ego wirkt Finchers wirkt. Bis zuletzt versucht sie, die Unergründliche, die Kontrolle über das Geschehen zu behalten, und erweist sich damit als schillernde und zugleich maliziöse, vielschichtige Figur. Wer ergründen will, wer Amy Dunne, phantastisch gespielt von Rosamunde Pike, wirklich ist, wird scheitern. Wenngleich Finchers Frauenbild recht schwarz-weiß wirkt, ist „Gone Girl“ ein durch und durch gelungener Thriller und ein bitterböser Kommentar auf die US-amerikanische Gesellschaft.

Im Utopolis Belval und Kirchberg


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