Robert Altman: Gosford Park

Mord in einem englischen Landhaus, das riecht etwas nach altertümlichem britischen Stoff. Doch Robert Altmans „Gosford Park“ ist kein gewöhnlicher Krimi, sondern eine clevere Gesellschaftsstudie.

Er schnüffelt sehr britisch herum. Sie bleibt klassisch gelangweilt.

Zwei Welten

(rw) – Der Mörder war immer der Gärtner doch im Unterschied zu anderen klassischen englischen Kriminalgeschichten tritt ein solcher in Robert Altmans „Gosford Park“ nicht auf. Dafür wimmelt es nur so von Butlern, Zofen, kleinem und großem Adel, und alle könnten’s gewesen sein. Aber auch das ist anders: Statt zu Anfang geschieht der erwartete Mord von William McCordle irgendwann im letzten Drittel des Films, quasi nebenbei. Und der Kommissar entledigt sich seiner Aufgabe so dilettantisch wie sonst kaum.

McCordle, betuchter englischer Lord, hat Familie und Freunde zur Jagd auf seinen Landsitz eingeladen. Hinter der Kulisse mondänen Gesellschaftslebens spielen sich Intrigen, wenig standesgemäße sexuelle Abenteuer und finanzielle Transaktionen ab. Und vom Untergeschoss aus beobachtet die Dienerschaft die Machenschaften ihrer Arbeitgeber – wenn sie nicht gerade Teil davon ist.

Soziale Hackordnung

Für Altman ist der Blick auf diesen englischen Mikrokosmos der Dreißigerjahre natürlich wieder eine willkommene Gelegenheit, Gesellschaftskritik zu platzieren. Und das gelingt ihm auch auf unterhaltsame Art und Weise. Dafür sorgt zuallererst die bis ins Detail nachgestellten Dekors und und eine präzise Darstellung der Gesellschaftsregeln jener Zeit. Vor allem die Beziehungen der snobistischen Lords und Ladies mit den Bediensteten sind überzeugend geschildert: Zwei Welten, die größtenteils getrennt sind, sich aber an konkreten Punkten berühren: in den Schlafzimmern, auf den Treppen und Fluren oder beim Rauchen einer Zigarette. Zwei Welten auch, die sich an analogen Vorstellungen von Hierarchie und sozialer Hackordnung orientieren – mit dem feinen Unterschied, dass sich das Leben der Bediensteten vorrangig im Keller abspielt. Dass man diese Regeln nicht ungestraft bricht, erfährt denn auch ein amerikanischer Schauspieler, der sich, als Butler verkleidet, eingeschmuggelt hat, um sich mit diesem ungemein britischen Beruf vertraut zu machen. Nach seiner Entlarvung rächen sich die Bediensteten an ihm: „You can’t be on both teams at once,“ lautet die Erklärung.

Der Standesdünkel, die für Frauen fatalen Geschlechterverhältnisse, die Absurdität eingefahrener Rituale: Bestandteile eines Gerüstes, das schon ins Wanken geraten ist, aber mit dem Mord definitiv kippt. Deshalb kann Altmans neuestes Produkt auch kaum als spannender Thriller bezeichnet werden. Es ist vielmehr eine clevere, zuweilen bissige sozialgeschichtliche Studie, in der die Ablösung des Ständesystems durch die von den USA inspirierte Massenkultur nicht pauschal als Demokratisierung dargestellt wird, sondern vielmehr als subtile Weiterführung von Ausbeutungsstrukturen mit anderen Mitteln angedeutet wird. Die Figur des Schauspielers Ivor Novello (gespielt von Jeremy Philip Northam) ist dafür ein Beispiel: In den USA entdeckt, wird er nun bei einer kurzen Rückkehr in die Heimat von der feinen Gesellschaft zum Singen und Klavierspielen abkommandiert – was die Snobs langweilt, begeistert jedoch die Dienerschaft. Und die, das lässt der Film am Ende erkennen, hat das Ticket für die Zukunft gewonnen.

Die Vielschichtigkeit des Films ist vielleicht einer der Gründe, weshalb Altman mit „Gosford Park“ doch nicht der große Wurf gelungen ist. So ist es bei der Masse an Haupt- und Nebenfiguren fürs Publikum nicht immer leicht, den Überblick zu behalten, und es braucht etwas Zeit, sich an Hektik und Stimmengewirr zu gewöhnen. Auch die Leistung der zahlreichen bekannten Schauspielerinnen und Schauspieler ist sehr unterschiedlich. Kristin Scott Thomas und Maggie Smith spielen ihre Rollen routiniert, Jeremy Philip Northam, bekannt aus britischen Filmen wie „The Winslow Boy“, „The Golden Bowl“, oder „An Ideal Husband“ kann diesmal nicht überzeugen. Beeindruckend dagegen Clive Owen als Butler in einer kleinen, aber nicht unwichtigen Nebenrolle.

Wer sich Spannung bis zum Zähneklappern erwartet, kommt bei „Gosford Park“ genau so wenig auf seine Kosten wie jene, die sich ein romantisches Drama im Stil von „The Remains of the Day“ erwarten. Genießen werden ihn aber all jene, die Zeit und Lust auf zwei Stunden intelligente Unterhaltung mit sozialkritischem Unterton haben.


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