Auf der Route der Befreiung

von | 11.09.2019

Wer sich auf die Spuren der Befreier von der Nazi-Herrschaft begeben will, kann das zum 75. JubilĂ€um mithilfe eines neuen ReisefĂŒhrers tun. BerĂŒcksichtigt werden nicht nur die Routen der westlichen Alliierten, sondern auch jene der Roten Armee.

Nicht nur dank Fotos in Erinnerung: Manche der Kinder von einst erzĂ€hlen noch heute begeistert von der Ankunft der „Amerikaner“. (Bilder und Bildrechte: Tony Krier/PhotothĂšque Ville de Luxembourg)

FĂŒr die Befreier konnte die Situation auf ihrem Vorstoß in Richtung Deutschland manchmal ganz schön verwirrend und unĂŒbersichtlich sein. So wussten auch manche US-Truppen bei der Befreiung Luxemburgs zunĂ€chst gar nicht, wie ihnen hier geschah.

„Wir erreichten die Stadt Luxemburg im frĂŒhen Herbst, als das Großherzogtum erst teilweise befreit war. Nur wenige Kilometer östlich der Hauptstadt wurde noch gekĂ€mpft, doch das schien die Leute kaltzulassen. Die kleine Stadt, die fröhlich ihre Befreiung feierte, sah aus wie eine romantische Filmkulisse. Sie machte einen netten, gepflegten und sehr deutschen Eindruck.“

Und das kam bei den US-Soldaten eher nicht gut an, wie sich einer von ihnen, Saul K. Padover, erinnert. Skepsis weckte vor allem, dass die Leute hierzulande „auch wie Deutsche“ aussahen: „untersetzte, gleichmĂŒtige, bĂ€uerliche Gestalten, denen die Lebhaftigkeit und der Witz ihrer französischen und belgischen Nachbarn fehlte“.

Doch dann merkten die GI‘s, dass dieses „germanische Erscheinungsbild tĂ€uschte“: „Bald stellte sich heraus, daß die Luxemburger zwar Nachbarn der Deutschen waren und einen deutschen Dialekt sprachen, im ĂŒbrigen aber nichts mit den Deutschen gemeinsam hatten. Sie feierten ihre Befreiung mit Landesfahnen, patriotischen SpruchbĂ€ndern und PortrĂ€ts des Herrscherpaars und der großherzoglichen Familie. Überall stand in roten Lettern: LETZEBUERG ASS FREI.“

Padover hat diese Episode in seinem auf Deutsch unter dem Titel „LĂŒgendetektor“ erschienenen Buch festgehalten. Als Mitglied der Abteilung fĂŒr psychologische KriegsfĂŒhrung immer an den vorderen Frontabschnitten unterwegs, um die „Moral des Feindes zu untergraben“ und die MentalitĂ€t der Deutschen hinsichtlich der anzustrebenden Nachkriegsordnung zu studieren, war Padover auf der Befreiungsroute manches Mal orientierungsbedĂŒrftig, wo genau er sich nun gerade wieder befand.

Handbuch zur Orientierung

Damit es historisch Interessierten heutzutage nicht genauso ergeht, hat der ReisefĂŒhrer-Verlag „Rough Guides“ nun einen Band herausgegeben, mit dessen Hilfe man sich auf den Spuren der „Liberation Route Europe“ zurechtfinden kann. Diese transnationale Erinnerungsroute verbindet die Orte und Geschichten, die fĂŒr die Befreiung Europas von der Naziherrschaft stehen. Deren Verlauf wird in dem Buch chronologisch und nach LĂ€ndern, StĂ€dten und Regionen aufgeteilt erzĂ€hlt. In eine knappe historische Darstellung eingebettet, werden die wichtigsten Museen und Erinnerungsorte aufgelistet und erlĂ€utert. Immer wieder finden sich allgemeine Artikel eingestreut, so zum Leben unter der deutschen Besatzung, zu den europĂ€ischen Widerstandsbewegungen und zum Holocaust.

In kurzen biografischen Abrissen werden die wichtigsten Akteure der damaligen Zeit prĂ€sentiert, wie etwa Winston Churchill oder Dwight D. Eisenhower. Auch die Befreiung vom Osten her durch die Rote Armee wird berĂŒcksichtigt, um ein Bild zu korrigieren, das meist sehr stark auf den angloamerikanischen Kriegsbeitrag fokussiert. Die Beteiligung von Soldaten aus den Kolonialgebieten findet ebenfalls kurz ErwĂ€hnung.

Das Kapitel zu Luxemburg und Belgien und umfasst leider nur 14 von insgesamt knapp vierhundert Seiten, wenig ĂŒberraschend werden hier die Ardennenoffensive und die „battle of the bulge“ um Bastogne betont. Als Erinnerungsorte hierzulande werden Schumann‘s Eck, das Diekircher MilitĂ€rmuseum, sowie der amerikanische und der deutsche Soldatenfriedhof in Hamm beziehungsweise Sandweiler genannt.

Der Band kann sicherlich manche Informationen und Hinweise vermitteln, als Handbuch liefert es einen breitgefĂ€cherten ersten Überblick. DarĂŒber hinaus ist sein Gebrauchswert aber vermutlich beschrĂ€nkt. Hingegen ist Saul K. Padovers Dokumentarbericht, Ă€hnlich wie Stefan Heyms großartiger Roman „Der bittere Lorbeer – Kreuzfahrer von heute“, nach wie vor empfehlenswert, um auch literarisch auf den Spuren der Befreiungsroute zu wandeln. Und das nicht nur, weil in beiden BĂŒchern auch Episoden aus Luxemburg enthalten sind.

Nick Inman, Joe Staines: Travel The Liberation Route Europe. Rough Guides 2019.
Saul K. Padover: LĂŒgendetektor – Vernehmungen im besiegten Deutschland 1944/1945. Die Andere Bibliothek 2016.
Stefan Heym: Der bittere Lorbeer – Kreuzfahrer von heute. Derzeit nur antiquarisch, verschiedene Ausgaben.

Dat kéint Iech och interesséieren

PODCAST

Am Bistro mat der woxx #405 – Exklusiv woxx-Recherche zur russescher Kueleminn mat Lien op LĂ«tzebuerg

All Woch bitt d’woxx Iech an hirem Podcast en AblĂ©ck an hir journalistesch Aarbecht. Als lĂ«tzebuergesch Journalistin zu enger russescher Kueleminn recherchĂ©ieren, dat ass net esou alldeeglech. D'Minn vun Arshanovsky, eng vun deene grĂ©isste Kueleminnen a Russland an als „carbon bomb” klassifizĂ©iert, huet ee Lien mat LĂ«tzebuerg. Zanter 2022 gĂ«tt...

KULTURTIPPLITERATUR

Buchtipp: Orca

Cora besuchte ein Elitegymnasium und trĂ€umte von einem Studium in Oxford. Jetzt arbeitet sie an der Fleischtheke in einem Supermarkt. Wie es dazu gekommen ist, erfahren die Leser*innen von Franziska GĂ€nslers drittem Roman „Orca“ erst allmĂ€hlich.

PODCAST

Am Bistro mat der woxx #404 – Wisou d’KI net wĂ€ert d’Weltherrschaft iwwerhuelen

All Woch bitt d’woxx Iech an hirem Podcast en AblĂ©ck an hir journalistesch Aarbecht. An deene leschte Wochen a MĂ©int gouf et vill Schlagzeilen an Diskussioune ronderĂ«m „rogue AI“, dĂ©i angeblech deemnĂ€chst schonn sech zu enger „Superintelligenz“ entwĂ©ckelen an d'Weltherrschaft iwwerhuele kĂ©int. TatsĂ€chlech huet sech Software, dĂ©i op engem...

KULTURTIPPLITERATUR

Roman : Léa ou la théorie des systÚmes complexes

La forme du texte – des colonnes de phrases courtes, mais denses en informations – peut d’abord dĂ©router. C’est pourtant Ă  ce rythme saccadĂ© que Ian De Toffoli nous entraĂźne dans deux histoires qui s’entrecroisent : celle de LĂ©a, jeune femme nĂ©e Ă  Luxembourg qui, prenant soudainement conscience de l’urgence Ă©cologique, en vient Ă  se radicaliser contre Koch Industries, et celle de l’entreprise, dont la naissance et l’expansion nous sont contĂ©es en parallĂšle.