LuxFilmFest: Atlantis

von | 10.03.2020

Mit „Atlantis“ zeigt Valentyn Vasyanovych einen beklemmenden Antikriegsfilm, der sich vor allem mit den ökologischen und sozialen Folgen des Krieges beschäftigt.

Im Jahr 2025 ist der Krieg zwischen Russland und der Ukraine vorbei. Die Ostukraine hat sich in eine postapokalyptische Wüste verwandelt: Flüsse sind versalzt, Luft und Wasser vergiftet, die Landschaft wird von braunen Schlammwüsten dominiert. Der ehemalige Soldat Sergiy (Andriy Rymaruk) versucht ein Jahr nach Ende des Krieges, sich mit seinem neuen Leben zurechtzufinden – trotz seiner posttraumatischen Belastungsstörung. Die Arbeit im Stahlwerk erfüllt ihn nicht, in seiner Freizeit übt er mit einem Kollegen weiterhin auf einem improvisierten Schießstand. Viel Zeit, um sich an sein bürgerlichen Leben zu gewöhnen, bleibt Sergiy jedoch nicht: Der amerikanische Besitzer kündigt vor versammelter Belegschaft an, das Werk zu schließen, um es zu renovieren.

Sergiy, der ohnehin bereits mit dem Gedanken spielte, als Söldner in den Krieg zu ziehen, heuert bei der Armee an. Mit einem Tankwagen bringt er Trinkwasser zu Soldat*innen, die Minen entschärfen. Zufällig stößt er dabei auf die Organisation Schwarze Tulpe, die Kriegsleichen exhumiert, identifiziert und würdig begräbt. Da er jede zweite Woche frei hat, schließt er sich der Organisation an.

Immer wieder werden ihm die Grausamkeiten des Krieges bewusst, denn jede gefundene Leiche wird akribisch untersucht, durch die statische Kamera fühlen sich die Zuschauer*innen wie unbeteiligte Spanner*innen, die trotzdem nicht wegschauen können. Bei einer seiner Fahrten rettet er eine Umweltwissenschaftlerin aus einem brennenden Fahrzeug, die ihm anschließend einen Job anbietet, der ihm einen Ausweg aus der desolaten Situation in der Ostukraine bieten würde.

Sergiy bleibt jedoch. Gemeinsam mit Katya (Liudmyla Bileka), durch die er zur Schwarzen Tulpe gefunden hat, transportiert er die Leichen von den ehemaligen Schlachtfeldern zu improvisierten Friedhöfen, die ebenso tot wirken wie der Rest der Landschaft. Und trotzdem wirkt nicht alles hoffnungslos, selbst wenn der Lastwagen mal wieder im strömenden Regen eine Panne hat.

Regisseur, Produzent und Kameramann Valentyn Vasyanovych zeigt die Handlung von „Atlantis“ vor allem in statischen Großaufnahmen. Die Menschen verschwinden beinahe in der großartigen und trostlosen Landschaft. Der Protagonist Sergiy wirkt oft wie ein verlorener Statist, wenn militärisches Gerät wie Lastwagen und Panzer an ihm vorbeirollt. Nur langsam entwickelt er sich von einem Ex-Soldaten ohne Perspektive, der in einem Wutanfall nicht nur sich selbst verletzt, sondern auch sein Zimmer verwüstet, zu einem ruhigeren Menschen, der inmitten der Wüste ein Bad in einer verlassenen Baggerschauffel nimmt.

Nach dem Krieg kommt nicht nur die Ruhe und der schwierige Wiederaufbau, sondern auch die Erkenntnis, dass es sich überhaupt nicht gelohnt hat, für ein Land zu kämpfen, das nun verschmutzt und lebensfeindlich ist. Vasyanovych zeigt – bis auf die Anfangsszene, die durch die Infrarotaufnahme verfremdet ist – nicht die Brutalität des Krieges, sondern seine Auswirkungen.

Manche Charakterentwicklungen kommen jedoch etwas rasch und unangekündigt. Warum die Beziehung zwischen Sergiy und Katya sich so rasch so entwickelt, wie sie es tut, ist nicht ganz nachvollziehbar. Trotzdem ist Atlantis ein sehenswertes Stück Kino – ein Antikriegsfilm ganz ohne Krieg.

„Atlantis“ läuft im Rahmen des Luxembourg City Film Festivals am Mittwoch, dem 11. März um 21 Uhr in urkainischer Originalfassung mit englischen Untertiteln und am Donnerstag, dem 12. März um  18 Uhr 30 mit französischen Untertiteln, beide Male im Ciné Utopia.

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