USA vor den Wahlen: Demokratischer Wiederaufbau

von | 13.09.2020

Die US-Demokraten wollen die Wirtschaft mit einem weiteren Konjunkturprogramm stÀrken. Die Stromerzeugung des Landes soll bis 2035 dekarbonisiert werden. Unklar ist, wie mit den PlÀnen die ökonomische Ungleichheit in der US-Gesellschaft verringert werden kann.

Noch fĂŒhrt er in den Umfragen: PrĂ€sidentschaftskandidat Joe Biden beim virtuellen Parteitag der Demokraten auf einem Bildschirm vor einer leeren BĂŒhne Mitte August. (Foto: EPA-EFE/Tannen Maury/Pool)

Knapp zwei Monate vor der PrĂ€sidentschaftswahl trauen die US-BĂŒrger Umfragen zufolge dem demokratischen Kandidaten Joe Biden bei fast allen Themen mehr zu als dem Amtsinhaber Donald Trump. Einzige Ausnahme: die Wirtschaftskompetenz.

Unter dem etwas kryptischen Titel „Build Back Better“ (Besser wiederaufbauen) hat Biden kĂŒrzlich ein Konzept vorgestellt, wie er im Falle eines Wahlsieges die grĂ¶ĂŸte ökonomische Krise in der jĂŒngeren US-Geschichte ĂŒberwinden will. Mit einem „Green New Deal“ möchte er die Wirtschaft ankurbeln und die industrielle Basis des Landes transformieren. Der linke FlĂŒgel der Demokratischen Partei um den Senator Bernie Sanders und die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez sowie die einflussreiche Basisbewegung „Sunrise Movement“ fordern seit langem eine ökologische Neuausrichtung der Partei.

Im Kern handelt es sich dabei um ein klassisches Konjunkturprogramm, mit dessen Hilfe die USA bis spĂ€testens 2050 ökologisch umgebaut werden. Die Stromerzeugung der USA soll bis 2035 dekarbonisiert werden. DafĂŒr sollen ĂŒber vier Jahre mehr als 400 Milliarden US-Dollar in staatliche AuftrĂ€ge fĂŒr Infrastrukturprojekte an US-amerikanische Unternehmen fließen. Weitere 300 Milliarden Dollar sollen im selben Zeitraum Forschungs- und Entwicklungsprojekten zugutekommen, vornehmlich in den Bereichen Biotechnologie, Telekommunikation, kĂŒnstliche Intelligenz und ElektromobilitĂ€t. Biden verspricht, damit fĂŒnf Millionen neue ArbeitsplĂ€tze zu schaffen. Er plant zudem, den Kauf von Elektroautos oder energieeffizienten HaushaltsgerĂ€ten zu subventionieren. Insgesamt sind rund zwei Billionen Dollar fĂŒr das Programm vorgesehen.

Biden weiß, dass die Demokraten die letzte PrĂ€sidentschaftswahl vorwiegend in den wirtschaftlich schwachen Bundesstaaten des „rust belt“ im Nordwesten des Landes verloren haben, einer Region, die von veralteter Schwerindustrie und einer wenig innovativen Automobilbranche geprĂ€gt ist. So hatte Trump vor vier Jahren in Pennsylvania unter anderem deshalb gesiegt, weil er versprach, den Bergbau wieder zu subventionieren. Angebote wie ein „Green New Deal“ sind dort fĂŒr potenzielle WĂ€hlerinnen und WĂ€hler nur attraktiv, wenn sie auch kurzfristige Verbesserungen garantierten.

Biden greift Trumps nationalistische „America First“-Rhetorik auf und verbindet sie mit seinem Wirtschaftsprogramm.

Biden greift daher Trumps nationalistische „America First“-Rhetorik auf und verbindet sie mit seinem Wirtschaftsprogramm. „Wenn die Regierung Geld des Steuerzahlers ausgibt, sollten wir es nutzen, um amerikanische Produkte zu kaufen und amerikanische ArbeitsplĂ€tze zu unterstĂŒtzen“, sagte Biden vor einigen Wochen in einer Wahlkampfrede, die er vor einem Stahlwerk in Pennsylvania hielt. Zugleich versprach er, den Mindestlohn auf 15 Dollar anzuheben und gesellschaftlich benachteiligte Gruppe zu unterstĂŒtzen. „Wir haben eine Gesundheitskrise, eine Wirtschaftskrise, eine Krise der Rassengerechtigkeit, eine Klimakrise“, erklĂ€rte der PrĂ€sidentschaftskandidat. „Wir mĂŒssen zusammenkommen, um diese Krisen zu lösen, um sie als Amerikaner zu lösen.“

Aus der Kombination von staatlichem Interventionismus und wirtschaftlichem Nationalismus lĂ€sst sich allerdings schwerlich ein kohĂ€rentes Programm ableiten. Der US-Ökonom Paul Krugman verglich Bidens Konzept in der „New York Times“ mit einem Weihnachtsbaum, unter dem allerlei Geschenke fĂŒr divergierende WĂ€hlergruppen liegen. Unklar sei vor allem, wie die ambitionierten Vorhaben finanziert werden sollen.

Biden kĂŒndigte an, die Unternehmenssteuer auf 28 Prozent zu erhöhen; Trump hatte diese vor zwei Jahren von 35 auf 21 Prozent gesenkt. Außerdem will er eine Mindeststeuer fĂŒr Konzerne einfĂŒhren, die Abgaben auf im Ausland erzielte Gewinne verdoppeln und den Spitzensteuersatz um zwei Prozentpunkte anheben. Die moderaten Erhöhungen werden jedoch nicht ausreichen, um das aufwendige Konjunkturprogramm zu finanzieren. Seit Trumps radikalen Steuersenkungen sind die staatlichen Einnahmen erheblich zurĂŒckgegangen.

Und nun verursacht die Covid-19-Pandemie die grĂ¶ĂŸte wirtschaftliche Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg. Allein in diesem Jahr gab die US-Regierung ĂŒber eine Billion Dollar aus, um die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie aufzufangen. Das Haushaltsdefizit der USA wird in den kommenden vier Jahren auf mindestens drei Billionen Dollar steigen, ein Betrag, der in etwa dem Wert aller in Deutschland in einem Jahr erzeugten Waren und Dienstleistungen entspricht. Biden wird also nichts anderes ĂŒbrigbleiben, als noch mehr Schulden aufzunehmen oder zusĂ€tzliche Steuern zu erheben.

DarĂŒber hinaus bleibt unklar, wie mit dem Wirtschaftsprogramm der Demokraten die ökonomische Ungleichheit in der US-Gesellschaft verringert werden kann. Wer Vermögen in Form von Aktien oder Immobilien hat, kann sich selbst wĂ€hrend der Pandemie ĂŒber enorme ZuwĂ€chse freuen. So haben sich die Aktienwerte von Tech-Unternehmen wie Tesla, Apple oder Amazon in wenigen Monaten vervielfacht und sind teils um mehrere Hundert Milliarden Dollar gestiegen. Gleichzeitig verfĂŒgt rund ein Drittel der US-Bevölkerung ĂŒber keinerlei RĂŒcklagen und ist nicht in der Lage, den Ausfall einer einzigen Gehaltszahlung zu kompensieren.

Konservative Medien greifen diese Entwicklung auf und bemĂŒhen sich, Biden als herzlosen Neoliberalen zu beschreiben. „‘Build Back Better‘ ist Unsinn“, kommentierte der republikanische Senator Josh Hawley vergangene Woche im Fernsehsender „Fox News“ das demokratische Wirtschaftsprogramm. „Alles, was die Demokraten aufbauen wollen, sind große Banken, Big Tech und Peking.“ Hawley erinnerte daran, dass die Regierung Barack Obamas, der Biden als VizeprĂ€sident angehörte, den Bankensektor großzĂŒgig unterstĂŒtzte, ohne je die fĂŒr die Finanzkrise von 2008 Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Ebenso wurde jede Regulierung der Silicon-Valley-Konzerne vermieden. Die Aussagen stehen zwar immerhin in einem bizarren Gegensatz zu Trumps Behauptungen, Biden sei eine Marionette linksradikaler Ideologen. Doch trifft die Kritik einen wunden Punkt in Bidens Wiederaufbauplan: An den bestehenden wirtschaftlichen und sozialen GegensĂ€tzen wird er vermutlich wenig Ă€ndern.

Ökonomische Ungleichheit herrscht auch zwischen den verschiedenen Regionen des Landes. In Kalifornien und in den sĂŒdwestlichen Bundesstaaten des „sun belt“ florieren die Tech-Unternehmen, wĂ€hrend an der OstkĂŒste die Finanzdienstleistungen dominieren. Im Mittleren Westen und Nordosten des Landes hingegen sind Highways, Schulen und öffentliche Einrichtungen in desolatem Zustand. Die industrielle Infrastruktur ist kaum mehr konkurrenzfĂ€hig. Mit jedem technischen Innovationsschub fallen dort weitere niedrig qualifizierte Stellen weg, beispielsweise im Transportsektor. Mit dem Konzept eines „Green New Deal“ allein werden diese Entwicklungen kaum aufzuhalten sein.

Anton Landgraf arbeitet fĂŒr Amnesty International Deutschland und ist als ‹freier Publizist tĂ€tig.

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