EU-Energiewende: Dekolonisiert die Dekarbonisierung!

von | 07.05.2026

Von der beschleunigten Energiewende der EU-Industrie soll vor allem diese selbst profitieren. Die Staaten Afrikas gelten dabei einmal mehr als bloße Rohstofflieferanten. Doch in Zeiten geopolitischer Neuordnung bieten sich ihnen Alternativen.

Ein chinesischer Arbeiter bedient eine Anlage, die beim Lithiumabbau verwendet wird; drei afrikanische Arbeiter sehen ihm dabei zu. Die Anlage steht im Freien unter einem Zelt; zu sehen sind vor allem Kompressoren und ein schräg in die Erde gesenktes Bohrgerät.

Lithiumabbau in Zimbabwe: Die Nachfrage nach dem Batterierohstoff steigt ständig, er wird insbesondere auch für Elektroautos benötigt. (Foto: EPA/AARON UFUMELI)

Wenn Ende Mai in Neu-Delhi der vierte Gipfel des „Indien-Afrika-Forums“ stattfindet, dann wird Indiens Zugang zu kritischen Mineralien und Seltenen Erden auf dem afrikanischen Kontinent wohl eines der wichtigsten Themen sein. Die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der Welt ist auf die Rohstoffe angewiesen, um den eilig betriebenen Ausbau der Elektromobilität, erneuerbarer Energien und Elektronikfertigung weiter voranzutreiben.

Indien dürfe dabei aber keinesfalls „den Eindruck erwecken, es sei nur wegen der Bodenschätze an Afrika interessiert“, kommentierte die indische Analyseplattform „StratNewsGlobal“ diese Woche in einem Ausblick auf das Treffen: „Was für Indien sprechen könnte, ist ein stärker entwicklungsorientierter Ansatz“, also nicht nur Rohstoffe vom afrikanischen Kontinent zu kaufen, sondern vor Ort Kapazitäten zur Weiterverarbeitung und damit Arbeitsplätze zu schaffen, um so „den Eindruck von Ausbeutung zu vermeiden“.

Auch die Europäische Union hat Afrikas Rohstoffe dringend nötig, damit sie ihren „Green New Deal“ umsetzen kann. Gedanken darüber, wie man dort als Partner ernstgenommen würde, macht man sich in Brüssel aber kaum („Der Weltmarkt als Waffe“; woxx 1767). Das hat die EU-Kommission mit dem im vergangenen März vorgeschlagenen „Industrial Accelerator Act“ (IAA) einmal mehr demonstriert. „Rechtsakt zur beschleunigten Dekarbonisierung der Industrie“ heißt die Maßnahme im Behördendeutsch. Sie soll für Nachfrage an CO2-armen in Europa hergestellten Produkten und Netto-Null-Technologien sorgen. Damit möchte man die Industrie ankurbeln und Arbeitsplätze schaffen, und das ganze unter dem Label „Made in Europe“ vermarkten. Von Afrika ist beim geplanten Wirtschaftswunder nicht die Rede, obwohl dieses auf dem Erhalt der nötigen Rohstoffe von dort basiert. Die EU verhalte sich einem ganzen Kontinent gegenüber wie die Beschaffungsstelle eines Unternehmens, brachte es Francois Sennesael, Experte für EU-Afrika-Beziehungen, bei „EUObserver“ auf den Punkt. In neokolonialer Manier geht man schlicht davon aus, Afrika werde die europäische Nachfrage ohne eigene Interessen bedienen.

Diese Haltung ist umso erstaunlicher, als sich schon seit Beginn der Coronakrise, spätestens aber mit der russischen Invasion in der Ukraine und nun auch dem Irankrieg zeigt, wie störungsanfällig der Weltmarkt und die globalen Lieferketten sind. Die steigende Nachfrage nach erneuerbaren Energien und die mit der Renaissance der Machtpolitik einhergehende Konjunktur in der Rüstungsindustrie haben den Run auf afrikanische Rohstoffe wie Lithium, Nickel, Kobalt und Koltan noch unterstützt. Wie Indien haben auch die USA daraus längst Konsequenzen gezogen und ihre rein marktwirtschaftlichen Prämissen folgende Afrikapolitik durch eine langfristig orientierte, geopolitisch motivierte Wirtschaftsstrategie ersetzt. Vorreiter dieser Herangehensweise war China, das seine wirtschaftlichen Interessen in Afrika seit 2013 im Rahmen der „Belt and Road Initiative“ („Neue Seidenstraße“) mit Investitionen und Infrastrukturprojekten verknüpft, um die betreffenden Länder an sich zu binden und so den Zugang zu Rohstoffen langfristig zu garantieren. Der Journalist Tonny Katende berichtet in dieser Ausgabe der woxx (Interglobal S. 8) am Beispiel der Demokratischen Republik Kongo, wie die USA versuchen, den chinesischen Einfluss zurückzudrängen, indem sie selbst strategische Partnerschaften eingehen, um so Ressourcensicherheit zu erzielen.

Für die rohstoffreichen Staaten Afrikas kann diese Konkurrenz der wirtschaftlichen Großmächte eine Chance bedeuten. „Afrikanische Staaten agieren zunehmend selbstbewusst und wählen ihre Partner nach Zuverlässigkeit und strategischem Mehrwert“, wusste vergangene Woche die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zu berichten: „Für beide Seiten gilt: Wer sich auf klare Regeln, tragfähige Projekte und partnerschaftliche Lösungen einlässt, kann von dem Wandel langfristig profitieren“. In der EU scheint man davon nicht viel mitbekommen zu haben: Das „Global Gateway“-Programm, mit dem man seit 2021 China auf dem afrikanischen Kontinent Paroli bieten will, ist für Afrika nicht das versprochene „Tor zur Welt“, sondern gleicht eher einem Lieferanteneingang.

Demgegenüber fordern immer mehr afrikanische Regierungen, dass zumindest ein Teil der Weiterverarbeitung der Rohstoffe in ihren Ländern geschieht, um diese endlich zu industrialisieren und auch im produktiven Sektor (also jenseits der Rohstoffrenten) auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig zu machen. Damit ist die Hoffnung verbunden, dass sich den Menschen dort die Chance auf ein besseres Leben bietet. Derzeit ist es China, das 60 bis 80 Prozent der globalen Verarbeitungskapazitäten dieser Rohstoffe kontrolliert. Der „European Council of Foreign Relations“ (ECFR) plädierte Ende April dafür, in eine Weiterverarbeitung in Afrika zu investieren. Die EU könne sich dadurch aus ihrer Abhängigkeit von China lösen, die afrikanischen Staaten hingegen könnten von kostengünstiger Energie, einer guten Verkehrsinfrastruktur, qualifizierten Arbeitskräften und an der Wertschöpfung profitieren. Dafür jedoch müsse die EU über das unmittelbare Interesse an Rohstofflieferungen hinausdenken und die Industrialisierung der afrikanischen Staaten in eine partnerschaftlich orientierte Strategie integrieren.

Immer mehr afrikanische Regierungen fordern, dass zumindest ein Teil der Weiterverarbeitung der Rohstoffe in ihren Ländern geschieht.

Das klingt gut, doch die beschleunigte Dekarbonisierungsstrategie der EU (IAA) spricht einmal mehr eine andere Sprache. Unterdessen üben sich andere an dem werteorientierten Jargon, den Europa für sich gepachtet zu haben glaubte. Bergbau in Afrika müsse heute verantwortungsvoll betrieben werden, so die indische Plattform StratNewsGlobal; Probleme wie unsichere Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit, insbesondere im Kobaltbergbau, könne man aus ethischen und Image-Gründen nicht mehr ignorieren.

Es wäre eine List der totgeglaubten Vernunft, wenn es den Ländern des afrikanischen Kontinents ausgerechnet dank der zugespitzten geopolitischen Lage zwischen den Weltmächten gelänge, sich von der gröbsten Ausbeutung und Armut zu emanzipieren.

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