Ayad Akhtars Roman âHomeland Elegienâ mischt erfundene mit autobiographischen Elementen und liefert so ein Buch, das nicht nur im Titel an die âHillbilly Elegieâ von J.D. Vance erinnert.

Der US-amerikanische Schriftsteller Ayad Akhtar: Wie man sich als in den USA geborener Sohn pakistanischer Einwanderer fĂŒhlt, ist eine der zentralen Fragen seines jĂŒngsten Buches. (Foto: © Vincent Tullo)
Am Morgen des 11. September 2001 ist Ayad Akhtar in New York. Beim morgendlichen ZĂ€hneputzen sieht er die Fernsehbilder von den Attentaten auf das World Trade Center. Als ihm deren Dimension klar wird, beschlieĂt er spontan, in einem Krankenhaus Blut zu spenden. Er reiht sich in eine Schlange ein. Der Mann vor ihm beĂ€ugt ihn misstrauisch. ââWoher kommst du?â, fragte er und machte kein Hehl aus seiner Wut. âUptown`, sagte ich. Dabei wusste ich, worauf er hinauswollte. Inzwischen hatte sich herumgesprochen, dass Muslime hinter dieser Sache steckten. (âŠ) âBist du Moslem?â, fragte er, und was immer er auf meinem Gesicht sah, als ich zögerte, war ihm Antwort genug. âJa, bist du.ââ Als Akhtar den Mann bittet, er möge doch den Mund halten und ihn in Ruhe lassen, kommt es zur Eskalation.
Er sei kein praktizierender â geschweige denn ein glĂ€ubiger â Muslim, schreibt Akhtar in seinem Buch âHomeland Elegienâ. Und doch sei er âdurch und durch von dem Islam geprĂ€gt, der mich seit 9/11 gesellschaftlich definierteâ. Obwohl er in New York geboren und in Milwaukee aufgewachsen ist, sei er ânoch immer bereit, mich als âandersâ zu betrachtenâ, meint der Autor ĂŒber sich selbst. Wie man sich als in den USA geborener Sohn pakistanischer Einwanderer und vermeintlicher Muslim fĂŒhlt, ist eine der zentralen Fragen des Buches.
Der 1970 geborene Ayad Akhtar hat Theater und Religion studiert, ist Schauspieler, Dramatiker und international angesehener Theaterautor. FĂŒr das StĂŒck âDisgracedâ (âGeĂ€chtetâ) erhielt er 2013 den Pulitzer Theaterpreis. Bereits in seinem DebĂŒtroman âAmerican Dervishâ (âHimmelssucherâ) von 2012 hat er viele prĂ€gende Erfahrungen seines Lebens verarbeitet. Das Buch handelt von einem jungen Muslim und dessen inneren Konflikten, einem Balanceakt zwischen westlicher und orientalischer Welt, zwischen einem religiösen und sĂ€kularen Leben.
Akhtars Vater, ein Arzt, hat als Kardiologe mehr als vier Jahre lang Donald Trump behandelt. Auch dies kommt in âHomeland Elegienâ zur Sprache. Die Verbindung seines Vaters zum ehemaligen amerikanischen PrĂ€sidenten hat Akhtar lange Zeit beschĂ€ftigt, so wie jener auch nach seiner Abwahl und seinem unrĂŒhmlichen Abgang die USA weiter prĂ€gen wird.
Gespaltene Gesellschaft
Wie es zum politischen Aufstieg Trumps kam, was der NĂ€hrboden seiner Politik war und heute noch ist, wurde vor Akhtar bereits von anderen Autoren analysiert, so etwa in der 2016 erschienenen âHillbilly Elegieâ von J.D. Vance. Eröffnet wird dessen Buch mit dem Untertitel âDie Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Kriseâ durch eine einprĂ€gsame Szene: Der zwölfjĂ€hrige J.D. sitzt in einem Gerichtssaal in Ohio, in dem gerade ĂŒber das Sorgerecht fĂŒr ihn verhandelt wird. Um ihn herum sitzen MĂ€nner und Frauen in Jogginghosen und mit ungepflegten Haaren. Sie sind Zeugen und Angehörige. Die Richter und AnwĂ€lte hingegen tragen AnzĂŒge â Menschen, die er der Junge bisher nur im Fernsehen gesehen hat und die auch einen âFernsehakzentâ sprechen, das gute amerikanische Englisch von Nachrichtensprechern. âDie Menschen, die dieses Gericht betrieben, waren anders als wirâ, heiĂt es in âHillbilly Elegieâ. âDie Menschen, die vor diesem Gericht erscheinen mussten, waren es nicht.â
Die Szene erinnert den Rezensenten an ein Erlebnis, das er 2000 in New York hatte, kurz vor der US-PrĂ€sidentschaftswahl zwischen Al Gore und George W. Bush. Damals saĂen ein paar Kaugummi kauende AnwĂ€lte in den BĂ€nken des âNight Courtâ von Manhattan und blĂ€tterten gelangweilt durch die Akten ihrer Mandanten, die einer nach dem anderen, einer verschlafener und abgerissener als der andere den Gerichtssaal betraten und vor den Vorsitzenden des Schnellgerichts gefĂŒhrt wurden: kleine Diebe und Dealer, SchlĂ€ger und BetrĂŒger, die meisten People of Color, einige so blass, als hĂ€tten sie nie das Sonnenlicht erblickt. Das Urteil des Richters nahmen sie ohne Murren hin; genauso stumm wie ihre schlipstragenden Pflichtverteidiger.
Lange schon ist die amerikanische Gesellschaft gespalten. Der amerikanische Traum vom Aufstieg des TellerwÀschers zum MillionÀr war stets ein MÀrchen. Auf einer EliteuniversitÀt des Landes zu gelangen, hing meistens davon ab, ob die Eltern es sich leisten konnten.
J.D. Vance hat den Sprung geschafft. Aufgewachsen ist er unter âHillbillysâ â auf Deutsch wĂŒrde man sagen: unter HinterwĂ€ldlern â in Ohio am FuĂe der Gebirgsregion Appalachen, einer Region des von der Stahlindustrie geprĂ€gten Rust Belt. Die Mutter medikamentenabhĂ€ngig, der Vater Alkoholiker, wurde Vance als Absolvent der Elite-Uni Yale Anwalt und Investor. So ist er selbst einer der AnzugtrĂ€ger geworden, die er in seinem Buch beschreibt. Und er geht auf Spurensuche nach seiner eigenen Herkunft.
âSpirituell versehrter Patriotâ
Die entscheidenden EinflĂŒsse in seinem Leben erhielt Vance in seiner Zeit bei den Marines, fĂŒr die er sich freiwillig meldete. âHillbilly Elegieâ ist eine Autobiographie und Sozialreportage zugleich, eine Aufsteigergeschichte und ein âTrump-ErklĂ€rbuchâ, wie mehrere deutschsprachige Zeitungen schrieben. Sogar in einen (Hollywood)-Film wurde das Buch umgesetzt. Was in der filmischen Adaption eher misslingt (Filmflop: woxx.eu/hillbilly), macht Vances Werk als erklĂ€rendes Sachbuch bemerkenswert: Es bringt der Leserschaft die Welt der weiĂen Arbeiter in den USA nĂ€her.
Ayad Akhtar erzÀhlt die Geschichte einer Familie pakistanischer Einwanderer hingegen als Roman, genauer gesagt als Entwicklungsroman. Dabei handelt es sich per definitionem um einen Romantypus, in dem die Selbstfindung einer literarischen Figur, ihre Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer Umwelt dargestellt wird. Beschrieben wird dabei ein Reifeprozess, in diesem Fall jener des Autors selbst.
Auch Akthar erlebt einen Aufstieg, kommt als Börsenmakler zu Reichtum. Eine klassische TellerwĂ€scher-MillionĂ€r-Geschichte? Nein, Akhtar kommt nie wirklich richtig in âGodÂŽs Own Countryâ an, wird nicht heimisch. Die TrĂ€ume des ErzĂ€hlers, die dieser in Erinnerung zu behalten versucht, indem er sich beim Schlafengehen einen Bleistift an den Zeigefinger bindet, erfĂŒllen sich nicht. Die USA, das âland of the freeâ, das einst als Zuflucht fĂŒr Menschen galt, die vor Not und Verfolgung flohen, kann diese VerheiĂung lĂ€ngst nicht fĂŒr alle erfĂŒllen. Geflohen wird immer noch, so Akhtar, aber vor allem vor den Schulden, vor dem Alter, vor sich selbst. Vom oft beschworenen Gemeinwohl keine Spur. Vielmehr geht es um egoistische Bereicherung um jeden Preis. Die Figuren in Akhtars Roman wirken irgendwie verloren. Wenn Akhtar zusammen mit seinem Vater dessen pakistanische Heimat besucht, dann Ă€hneln die beiden LĂ€nder einander.
Der Vater wird alkohol- und spielsĂŒchtig und kehrt schlieĂlich nach Pakistan zurĂŒck. Die Mutter, die an Krebs erkrankt, entschuldigt sich auf dem Sterbebett bei ihrem Sohn, ihn in die USA gebracht zu haben. Dieser wiederum bekennt: âAmerika ist meine Heimat.â Akhtar nennt sich einen âspirituell versehrten Patriotenâ. Und er schwĂ€rmt von James Stewart, dem frĂŒheren US-amerikanischen Idol, der in dem tragikomischen Weihnachtsklassiker âItâs a Wonderful Lifeâ einen LebensmĂŒden spielt, der von einem Engel gerettet wird.
Trotz seiner Kritik an der US-Gesellschaft ist Akhtars Coming-of-Age- und Migrantenroman ein Bekenntnis zu Amerika. Wie Vances Buch ist er nicht zuletzt durch die Vermischung von RealitĂ€t und Fiktion Ă€uĂerst lesenswert. Zwar ist Akhtars autofiktionale Herangehensweise literarischer und auch vielschichtiger aufgebaut. Doch beide Werke bieten Einblick in eine Gesellschaft, die sich selbst verloren zu haben scheint. Das lĂ€sst auch darĂŒber nachdenken, inwiefern europĂ€ische Gesellschaften in einer Ă€hnlichen Art und Weise von dieser Entwicklung betroffen sind.

