Online-Ausstellungen: Pos, Penisse und Federboas

von | 08.06.2021

Das Projekt „Boys! Boys! Boys!“ stellt in seinen Online-Ausstellungen queere und schwule Fotografie in den Mittelpunkt. Der virtuelle Besuch lohnt sich trotz einger Kritikpunkte.

COPYRIGHT: Florian Hetz/BILDQUELLE: mannschaft.com

Was ist das Lieblingsmotiv eines Kunstprojekts mit dem Namen „Boys! Boys! Boys!“? Männer. Doch was heißt es, ein Mann zu sein? Die Londoner Kunstgalerie Little Black Gallery wirft mit „Boys! Boys! Boys!“ einen Blick auf queere und schwule Fotografie. Hinter und vor der Linse stehen Männer. Die Online-Ausstellungen sind ein absolutes Muss für Liebhaber*innen des Kultfotografen Robert Mapplethrope oder des litauischen Künstlers Arnoldas Kubilius.

Der amerikanische Fotograf Matthew Finley kommt den beiden mit seinen Werken nahe. In seiner Serie „Shape of us“ zeigt er nackte Körper in schwarzweiß. Mit Präzision dokumentiert er Körperformen und offenbart die Ästhetik nackter Haut. Seine Figuren sind miteinander verwoben, verzahnt, sich immer nah. Auf manchen Bildern sind ihre Körper nur noch Formen aus Haut und Haar. Finley widmet sich in seiner Serie vor allem dem skulpturalen Charakter männlicher Körper. Dabei bleibt ihre Vielfalt allerdings außen vor: Seine Musen sind alle schlank bis durchtrainiert, frei von Narben oder anderen vermeintlichen Makeln und nur leicht behaart.

Anders schaut es bei Mauricio A. Rodriguez aus. „Unlocked“ zeigt tätowierte Rücken, Nippelpiercings, lackierte Fingernägel und Vollbärte. Die Serie hat etwas pornographisches. Die Einen posieren in Jockstraps* mit haarigem Hintern auf einem Bett, einem Anderen läuft eine milchige Flüssigkeit aus dem halboffenen Mund. Die erotischen Porträts sind keine banalen Aufnahmen: Rodriguez spielt mit Überblendungen, was den voyeuristischen Charakter der Bilder verstärkt. Der Fotograf hat es in der Serie, so steht es im Einleitungstext zur Online-Ausstellung, genau darauf abgesehen – auf die Darstellung des Voyeurismus und der Selbstinszenierung schwuler Männer in den Sozialen Medien. Rodriguez geht der Frage nach, wie sich das Genre Porträt im digitalen Zeitalter, in dem sich jede*r beliebig oft neu inszenieren kann, entwickelt hat. „We are unlocking ourselves to the world and craving the attention of digital acceptance, insta gratification and the imaginary perfection“, steht hierzu im Ausstellungstext.

Wie bei Rodriguez wird der Mann auch bei Florian Hetz zum Lustobjekt. Hetz geht in seiner Serie „Zwei“ einen Schritt weiter als Rodriguez und verzichtet in den meisten Aufnahmen gleich ganz auf Unterwäsche. Hier verschwindet ein Mann mit entblößtem Penis hinterm Vorhang: Er hält sein schlaffes Glied in der Hand, sitzt mit ausgestreckten Beinen auf einem Perserteppich, das Gesicht und den nackten Oberkörper hinter den Gardinen versteckt. In das Bild lässt sich einiges hineinlesen – von der Diskrepanz zwischen dem homosexuellen Verlangen und heteronormativen Normen über die Entmännlichung des homosexuellen Mannes bis hin zur Darstellung eines gehemmten Lebens vor dem eigenen Coming-Out. Andere Bilder von Hetz sind weniger intim und haben mehr von Rodriguez’ Voyeurismus – nur ohne die Überblendungen. So blickt er einem seiner Models mit der Kamera unter die Shorts, fängt einen Zungenkuss in Nahaufnahme ein oder fotografiert einen erigierten Penis, der in Stoff gehüllt ist. „Much of the Berlin photographer’s work circles around the hidden memories of a pre-coming out time“, steht im Ausstellungstext zu seiner Arbeit. „Memories of confusingly arousing moments that many people experience at young ages without knowing how to read or act on them.“

Während Finley, Rodriguez und Hetz Motive eher ein binäre Geschlechterdarstellungen repräsentieren – die Männer wirken vorwiegend maskulin und erfüllen mit ihrem Aussehen Stereotype – fangen Domenico Cennamo und Michael Søndergaard diverse Ausdrucksformen von Männlichkeit ein. Cennamo, Maler und ehemaliger Modeagent, versieht seine Models in „Colography“ mit Schals, Schmuck, Schminke und Blumen. Es sind Nacktporträts, bei denen meistens das Geschlecht fehlt. Auf dem Großteil der Bilder ist der Schambereich stark behaart, doch ist weder eine Vagina noch ein Penis erkennbar.

Søndergaards Fotos erlauben eine ähnliche Lesart. In „Rite“ werden die Figuren nicht sexualisiert. Im Vordergrund steht ihre Verletzlichkeit. Der Hintergrund ist schwarz, die Models versinken teilweise in Schatten und hinter Federn. Von der Bildkomposition her bilden Søndergaards Werke eindeutig den Höhepunkt der verfügbaren Online-Ausstellungen. Während die einen Fotografen mit Erotik und nackten Körpern kokettieren, kommt Søndergaard mit unaufgeregten Motiven daher – und genau darin liegt die Kraft seiner Bilder.

Es ist schade, dass „Boys! Boys! Boys!“ ausschließlich männliche Fotografen – zumindest legen das die Namen der Fotografen nahe – auf ihrem Online-Portal repräsentiert. Die Ausstellung „In the Cut. Der männliche Körper in der feministischen Kunst“ (2018) in der Stadtgalerie Saarbrücken hat beispielsweise eindrucksvoll die Sicht von Künstlerinnen auf Männer thematisiert. Auch dieser Ausstellung warf die woxx damals Einseitigkeit vor, selbst wenn die Kuratorin Andrea Jahn vereinzelt männliche Künstler eingebunden hatte. Da es sich bei „„Boys! Boys! Boys!“ anders als bei „In the Cut“ unter anderem um ein Online-Projekt handelt, bleibt zu hoffen, dass sich in Sachen Diversität noch was tut. Bis dahin bieten die Online-Ausstellungen eine willkommene Abwechslung zu dem, was es sonst so kostenlos im Internet zu sehen gibt.

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