Debütroman von Clara Heinrich: Sorge als Haltung

von | 30.04.2026

Clara Heinrich vereint in „Pusztagold“ Landleben, Care-Arbeit und Klimakrise. Ein sprachlich besonderer Roman, der zurecht mit dem Clemens-Brentano-Preis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Die Autorin Clara Heinrich im Halbporträt vor mattem Hintergrund.

Clara Heinrich studierte Sprachkunst und Politikwissenschaft in Wien, Berlin und Aix-en-Provence. Heute lebt sie im Osten von Österreich und betreibt dort die Marktgärtnerei Clarence Gärten. (Foto: Amelie Amei Kahn-Ackermann)

Clara Heinrichs Debütroman „Pusztagold“ erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die nach ihrem Studium in Berlin in ihre österreichische Heimat zurückkehrt und dort einen Hof übernimmt. Durch diese Rückkehr sieht sie die Landschaft mit anderen Augen und setzt sich damit auseinander, wie sehr sich diese in uns einschreibt und uns prägt. Eine beinahe vergessen geglaubte Zuneigung zur Natur blüht wieder auf – eine Zuneigung, die sie in der städtischen Umgebung Berlins vielleicht selbst verdrängt hatte. Es ist jedoch eine Liebe mit einer Schattenseite: Durch sie wird das zerstörerische Potenzial der Klimakrise unmittelbar erfahrbar.

Zugleich lässt sich „Pusztagold“ auch als Familienroman lesen. Durch ihre Rückkehr verbringt die Protagonistin mehr Zeit mit ihren Großeltern und lernt von ihrem Bruder den Umgang mit den technischen Geräten am Hof. Deutlich wird, wie viel Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird und wie bedroht es ist, verloren zu gehen – sei es durch mangelndes Interesse, die Ausbreitung von Monokulturen oder die Klimakrise selbst.

In dritter Linie ist das Buch eine Geschichte über eine Krankheit. Der Partner der Protagonistin wird zunehmend erschöpfter, zieht sich zurück, leidet an Herzrasen. Viele Ärzt*innen belächeln ihn mit dieser Symptomatik, und so beginnt eine zähe Odyssee bis zur Diagnose ME/CFS – begleitet von Stigmata und Vorurteilen. Die Protagonistin steht ihm zur Seite, kümmert sich um ihn und reflektiert so auch die Rolle von Care-Arbeit. Mit diesem Blick wird nicht nur das Ausmaß der Krankheit sichtbar, sondern auch, wie stark sie das Leben der Angehörigen verändert. Clara Heinrich schreibt über Pflege, wobei nicht die Last, sondern die Liebe im Zentrum steht.

Das Cover des Romans „Pusztagold“ von Clara Heinrich mit einer einzelnen orangen Pflanze auf weißem Hintergrund.

(© Aki Verlag)

Je länger man liest, desto vielschichtiger wird dieser Roman und desto klarer tritt seine sprachliche Besonderheit hervor. Heinrich verflicht auf kluge Weise verschiedene Stimmen aus der Literatur und Wissenschaft miteinander, zitiert und reflektiert diese, ohne überladen zu wirken. Dadurch hat sie eine ganz eigene Schreibweise gefunden. Immer wieder hält sie inne, um die Sprache selbst zu betrachten. Sie sortiert etwa Tomatensorten nach Vampirfilmen (Bloody Butcher, Jersey Devil, Sweet Tooth) oder reiht Bohnennamen aneinander, die wie Luxusmarken klingen (Dior, Perla, Scuba). An anderer Stelle hängt sie dem Zitat „Nonhumans might not be intentionally taking care to help humans, but the fact is that they do“ von Maria Puig de la Bellacasa viele Gedanken an. So entstehen Naturbeschreibungen von besonderer, sehr eigener, poetischer Dichte.

Dies hebt auch die Jury in ihrer Begründung für die Vergabe des mit 10.000 Euro dotierten Clemens-Brentano-Preis für Literatur der Stadt Heidelberg an Clara Heinrich hervor: Die Autorin hat nicht nur eine „neue Form des Nature Writing“ erschaffen, sondern durch ihren Text „den Zustand einer angeschlagenen Welt formuliert, zu deren elementaren Bedürfnissen Literatur ebenso zwingend gehört wie Empathie und Fürsorge“.

„Pustzagold“ erzählt also von der Verantwortung für Mitmenschen und Natur, von Hingabe und Pflege, von der Liebe, die es dafür braucht. Es ist eine bereichernde Lektüre, die einen anderen Blick auf unsere Welt eröffnet – eine literarische Annäherung an Landschaft, Sorge und Zusammenleben, die lange nachhallt.

Clara Heinrich: Pusztagold. Aki Verlag, 2025. 288 Seiten.

Alt-Text-Cover:

Alt-Text-Autorin: Die Autorin Clara Heinrich im Halbporträt vor mattem Hintergrund.

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