Klezmer für diese schlechten Zeiten
Seit 1986 bringt die jüdische New-Yorker-Band The Klezmatics frischen Wind in die Klezmerszene, die oft in ihren klagenden, melancholischen Formen verharrt. Die Klezmatics erweiterten das traditionelle Instrumentarium von Akkordeon, Geige und Klarinette um Schlagzeug, E-Bass und Trompete und brachten so die Ausgelassenheit des frühen jiddischen Klezmers zurück in die Gegenwart. Nach einer längeren Pause ist nun das dreizehnte Album We Were Made for These Times erschienen. Schon immer engagiert, sangen die Grammy-Gewinner Lieder der jüdischen Arbeiterbewegung, geißelten religiösen Fanatismus und unterstützten die queere Szene. Das setzt sich im aktuellen Album fort, beispielsweise mit einem Lied, das sich auf ein Gedicht des Poeten Georg Herwegh stützt und einem Song von Woody Guthrie, den er vor fast 60 Jahren gegen die Abschiebung von Migrant*innen aus den USA schrieb – erschreckend aktuell und wie für heute gemacht. Die Basis bleibt der Klezmer, jedoch unter anderem angereichert vom queeren Lavender Light Gospel Choir und der Latin-Frauenband La Manga. Musikalisch glänzend und kämpferisch zum 40. Bandjubiläum!
The Klezmatics – We Were Made for These Times – Asphalt Tango
Ungarn-Power
Eine der hervorragenden, jungen ungarischen Gruppen ist das Septett BashElán mit der Sängerin Anita Vrencsán, das auf seinem zweiten Album Titkon mit viel Power zu Werke geht. Das Repertoire der Band schöpft aus der traditionellen ungarischen wie auch aus der Musik der ungarischen Roma. Während der Komponist Franz Liszt im 19. Jahrhundert behauptete, alle ungarische Musik sei Roma-Musik, sah Bela Bártok die Beziehung im frühen 20. Jahrhundert genau andersherum. Wer auch immer Recht haben mag: die enge Beziehung zwischen beiden Formen ist unüberhörbar, wenn man BashElán auflegt. Die Gruppe bezieht zusätzlich musikalische Elemente aus dem Balkan mit ein, wo vielerorts ungarische Minderheiten leben. Die Besetzung besteht aus Akkordeon, Saxophon, Klarinette, Viola, Kontrabass, Violine Cimbalom-Hackbrett und der Stimme von Anita Vrencsán. Ungarn war das erste Land in Ost-/Mitteleuropa, in dem bereits in den 1970er-Jahren ein Folkrevival, Tanchaz (Tanzhaus) genannt, stattfand. BashElán fügt sich genau hier ein, aber so frisch und energiegeladen, dass man glauben könnte, das Revival habe gerade erst begonnen.
BashElán – Titkon – Fonó
Gegen die Resignation
Viele Musiker*innen aus Algerien flohen in den 1990er-Jahren aus ihrem Heimatland, weil sie dort von Fundamentalisten bedroht wurden. Viele von ihnen fanden in Frankreich, der ehemaligen Kolonialmacht, Zuflucht. Auch Souad Massi gehört zu dieser exilierten Gruppe algerischer Künstler*innen. Vor 27 Jahren ließ sie sich in Frankreich nieder und veröffentlichte dort gerade eben ihr neuntes Album unter dem Namen Zagate (franz. „ça se gâte“, deutsch „es wird immer schlimmer“), das die politischen und sozialen Verwerfungen unserer Zeit in den Blick nimmt. Massi wuchs in Algerien unter dem Einfluss des dort damals populären arabisch geprägten Chaabi auf, konnte jedoch auch Folk und Rock à la Led Zeppelin etwas abgewinnen. Frühere Platten klingen eher akustisch und inszenieren sie wie eine Singer-Songwriterin, auf Zagate hingegen geht es deutlich rockiger zu. Auf zwei der elf Stücke hört man sie zudem im Duett mit den Rappern Gaël Faye aus Burundi und Youssoupha mit kongolesischen Wurzeln. Wie schon das vorletzte Album ist Zagate vom Briten Justin Adams produziert worden. Entstanden ist ein energischer Aufruf, trotz allen Übels in der Welt nicht den Mut zu verlieren.
Souad Massi – Zagate – Backingtrack Production
Afro-kolumbianischer Groove
Kolumbiens Musiklandschaft ist vielfältig. Sie reicht von traditioneller Cumbia bis zum Salsa und klingt, je nach Interpretation, klassisch, rockig oder elektronisch. Eine ganz spezielle musikalische Form findet man an der Pazifik-Küste des Landes, in der die Musik der afrikanisch-stämmigen Bevölkerung und die Marimba eine bedeutende Rolle spielen. Von dort stammt auch die Sängerin Nidia Góngora und ihre Gruppe Canalón de Timbiqui, die sich bereits vor 25 Jahren gegründet hat. Charakteristisch sind für sie der erdige Holzklang der Marimba und ein vielstimmiger Chorgesang. International hat die Band nur eine überschaubare Anzahl von Platten veröffentlicht, wurde dafür aber immerhin für den Latin-Grammy nominiert. Einige ihrer Aufnahmen, wie „De Mar y Rio“ (2019), sind ganz traditionell gehalten, während die Zusammenarbeit mit dem britischen Produzenten Quantic (2017) moderne Elemente einbindet. Jetzt ist eine Platte unter dem Bandnamen Nuevos Rios und gleichnamigem Titel erschienen, auf der Góngoras Gruppe zusammen mit dem französischen Elektro-Trio Reco Reco zu hören ist. Eine sehr schöne und einfühlsame Bereicherung der Musik der kolumbianischen Truppe, in der Góngora nach wie vor den Ton angibt. Starke Musik!
Nuevos Rios – Nuevos Rios – ZZK (Vinyl und digital)
World Music Charts Europe Mai – Top 10 (print) / Top 20 (online)
1. The Klezmatics – We Were Made for These Times – Asphalt Tango
2. Souad Massi – Zagate – Backingtrack Productions
3. BCUC – The Road Is Never Easy – Outhere Records
4. Cheikh Ibra Fam – Adouna – Cumbancha
5. Tinariwen – Hoggar – Wedge
6. Kareyce Fotso – GWA – Contre-Jour
7. Daughters of Donbas – Songs of Stolen Children – Daughters of Donbas
8. Mariana Sadovska & Vesna – You should live! – CPL Music
9. Nuevos Rios – Nuevos Rios – ZZK Records
10. Raül Refree & Maria Mazzotta – San Paolo de Galatina – Galileo
11. Fauna – Taiga Trans – Glitterbeat
12. Dub Colossus – Dub will keep us together – Real World
13. Stelios Petrakis – Lyric – Buda Musique
14. Canzoniere Grecanico Salentino – Il Mito – Ponderosa
15. Divka – Folk fatale – Divka
16. Las Hermanas Caronni – El espacio del tiempo – Les Grands Fleuves
17. AySay – Mal – V2
18. Tehrani Drom & Parisa Karimi Molan – Unveiled – Lulaworld
19. Amsteredam Klezmer Band – Diaspora – Asphalt Tango Revords
20. Ablaye Cissoko & Constantinople – Estuaire – Ma Case

