Die multidisziplinäre Künstlerin Françoise dehnt, verbiegt und pierct ihren Körper, um körperliche und mentale Grenzen zu erforschen. Ihre Performances sind unerwartet bewegend. Die woxx hat sich einen Auftritt der Luxemburgerin in London angesehen und sich mit der Künstlerin unterhalten.

Als multidisziplinäre Künstlerin und Kontorsionistin arbeitet Françoise auf radikale Weise mit ihrem eigenen Körper. (Foto: Claire Barthelemy)
„Triggerwarning: Piercing und Blut. Für unter 18-Jährige nicht geeignet.“ Die Warnung der Hypha Gallery in London mag besorgniserregend klingen, doch die Performance „All Is Whole“ von Françoise, die hier auf die Nennung ihres Familiennamens verzichtet, schlägt mit ihrem Titel einen beruhigenderen Ton an. Die Künstlerin trägt an diesem Abend ein dünnes Kleid in Beige. Sie bewegt sich langsam in die Mitte des Raumes, hin zu einem weißen Tuch, auf dem Ketten, deren Glieder aus Selenit-Stangen bestehen, liegen. Françoises Stimme ertönt aus den Lautsprechern. Sie lädt die Besucher*innen zu einer Meditation ein. „Soften your gaze and lose your focus“, sagt sie. Im Hintergrund dröhnt ein hypnotischer Bass des Künstlers Jar Jor.
Dann beugt sich die Künstlerin rückwärts in eine Brückenposition, eine Übung, die weit über gewöhnliches Dehnen hinausgeht, und nähert sich in dieser Position dem Tuch. Sie hebt sich langsam, aber mühelos wieder aus dieser Stellung heraus. Nun tritt eine Frau hervor, ganz in Schwarz gekleidet, mit Gesichtsmaske und medizinischen Handschuhen: Details, die den intensiveren Teil der Performance erahnen lassen. Die Frau ist nämlich eine professionelle Piercerin, die Françoise nun sieben temporäre Ankerpunkte auf Höhe ihres Schlüsselbeins sticht. Die Künstlerin schließt die Augen, atmet tief ein und aus, während ihr die Piercerin in die Haut sticht.
„Did you ever have a dream so real it turned into a memory?“, fragt Françoise auf der Aufnahme. Die Ketten, die vor ihr liegen, heftet sie nun an ihre frisch gestochenen Piercings. Sie erschafft so eine Art Vorhang aus Selenit-Kristallen, den sie mit ihrer Haut manipulieren kann. Sie tritt langsam rückwärts, die Haut dehnt sich an den Ankerpunkten und der Vorhang hebt sich langsam. Sie zupft an den Ketten, als wären sie Saiten eines Instruments. Aus Françoises Wunden rinnt Blut, Schweißperlen glänzen auf ihrer Stirn.
Die Triggerwarnung der Galerie hat sich wohl auf diese Momente bezogen, doch die Zuschauer*innen wirken entspannt. Es geht eben auch um viel mehr als Body Modification. Françoise erforscht die Grenze zwischen Bewusstsein und Traumwelt, Verletzlichkeit und Kontrolle. „Wake up!“, schreit sie plötzlich aus den Lautsprechern und tief aus dem Hals heraus.
Körper und Geist verzerren
Mit ihrer Stimme experimentiert die Kontorsionistin seit dem Frühjahr, als sie für einen Monat Residenz-Künstlerin in der „Squatfabrik“ der Escher Kulturfabrik war. Metal-Gesang, der sie besonders interessiert, übt sie zurzeit im Gartenhaus ihrer Londoner Mietwohnung. „Es ist sehr interessant, weil es deine gesamte Körperenergie total verändert. Ich freue mich, dass ich jetzt diesen Anfang gemacht habe und das weiter erforschen kann,“ erzählt sie einen Monat vor ihrer Performance im Gespräch mit der woxx.
Mit dem Growling erforscht sie die Grenzen ihrer Stimme. „In meiner Kunst geht es darum, den Körper und den Geist zu verzerren. Also die Idee, dass alles, was wir sehen, nicht die ganze Wahrheit ist. Deshalb interessiere ich mich für Bewegungsspielraum, der entsteht, wenn man dehnt, zieht und drückt.“ Dies kann zu einer erweiterten Realitätswahrnehmung führen, findet Françoise. „Als Mensch hat man noch so viele Facetten, so viele verschiedene Versionen existieren von uns. Deshalb möchte ich in der Performance die Menschen durch die verschiedenen Geisteszustände führen, damit sie sich bewusst werden, wie groß das Leben eigentlich ist und dass die Realität auch anders aussehen kann.“
An diesem frühen Juliabend in der Hypha Gallery gelingt dies Françoise auf beispielhafte Weise. Denn „All Is Whole“ vermittelt das Gefühl, dass unter der Oberfläche tiefere Ebenen darauf warten, entdeckt zu werden. Philosophische Überlegungen über das Unterbewusstsein, gepaart mit persönlichen Erinnerungen der Künstlerin, die manchmal in der Soundscape auftreten, machen die Performance sehr bewegend. Doch es ist die Hingabe einer Künstlerin, die ihren Körper derart ihrer Kunst überlässt, die einen als Zuschauer*in fesselt. Im Publikum entsteht eine andächtige Stille.
Der Auftritt verlangt Françoise viel ab. „Dadurch, dass ich das Pulling eines Piercings erlebe, muss ich mich enorm konzentrieren, damit ich damit richtig umgehe. Denn es ist so ein ungewohntes Gefühl, und ich möchte so ruhig und entspannt wie möglich bleiben. Es verändert schon den eigenen Geisteszustand“, so Françoise. Während Pulling auf viele Menschen zunächst etwas extrem wirken mag, ist Kontorsion zugänglicher, als man meinen könnte. „Jeder kann seine Flexibilität enorm verbessern“, sagt Françoise. „Für mich steht Kontorsion sowohl für körperliche als auch für mentale Freiheit. Wenn ich über die Schulter schauen kann, ohne mir den Nacken zu verrenken, dann ist das doch Lebensqualität.“
Im Kunstunterricht entdeckte sie Performance-Künstler*innen, die ihre körperlichen Grenzen überschreiten. Faszinierend fand sie die Arbeit des australischen Künstlers Stelarc, der sich 2006 ein aus Zellen gezüchtetes Ohr in seinen Arm implantieren ließ. Oder Rebecca Horn, die mit Körpererweiterungen gearbeitet hat. Für ihr Werk Finger Gloves (1972) trug die deutsche Künstlerin grotesk verlängerte Finger, mit denen sie beide Seiten eines Raums berühren konnte. „Das fand ich unglaublich schön“, sagt Françoise.

Françoises Performances fordern von ihr nicht nur Schweiß und Blut, sondern auch große Konzentration. (Foto: Claire Barthelemy)
Experimentierfreude
2013 zog die Luxemburgerin nach Hamburg, um Modedesign zu studieren. Seine Anschmiegsamkeit und die hautähnliche Haptik machten Latex früh zu ihrem bevorzugten Material. „Dadurch habe ich angefangen, in Latex-Fetisch-Shops in Hamburg zu arbeiten, und darüber bin ich in die Fetischszene gekommen, immer ein bisschen an der Peripherie, also eher als Beobachterin.“ Gleichzeitig trainierte sie auch in einer Hamburger Zirkusschule.
Mit Kontorsion beschäftigte sich die Künstlerin intensiver, als sie 2018 nach London zog. „Ich war parallel in der Fetisch- und Zirkuswelt unterwegs. Das überschneidet sich stark“, so die Künstlerin. Sie schätzt die Offenheit und Experimentierfreudigkeit der Fetischszene, und trat früher öfters in Cabarets wie dem Torture Garden auf, einem bekannten Londoner Fetisch-Club. Doch in der Zirkus- und Fetischszene ist sie heute nicht mehr als Performerin präsent.
„Das wird halt super sexualisiert und als Künstlerin ist das frustrierend. Für mich ist es etwas, was tiefer sitzt, was ich erforschen will, und ich will nicht, dass das objektiviert wird“, so Françoise. „In einem Kunstumfeld sind Zuschauer flexibler mit der Interpretation.“
Kann ihre Kunst als politisch verstanden werden? „Ich denke, meine Kunst ist nicht politisch, zumindest nicht explizit. Wenn eine Frau mit ihrem Körper macht, was sie will, ist das auf jeden Fall ein feministisches Statement“, sagt sie. „Ich möchte das aber nicht unbedingt so bewerben, weil ich denke, dass jeder, der es sich anschaut, das intuitiv so versteht.“ Neben ihrer Kunst gibt die Luxemburgerin nun auch Kurse in Kontorsion. Sie liebt es, in London zu leben, einer Stadt, in der es Subkulturen für jeden Geschmack gibt und Toleranz an der Tagesordnung ist. „In London kann man nie der größte Freak sein“, lacht Françoise.
Als multidisziplinäre Künstlerin will sie nun auch ihre Skulpturen-Praxis erweitern. „Ich bereite gerade meine zweite Solo-Show vor, und die wird im Grunde eine große Installation.“ Das neue Werk wird voraussichtlich im kommenden Jahr zu sehen sein. Wo genau, steht derzeit aber noch nicht fest.

