Manja Präkels: Geschichten, die bleiben

von | 21.08.2026

In ihrem neuen Band „Radiorauschen im Sternenpark“ versammelt Manja Präkels dreizehn Texte über Vergangenheit und Gegenwart, über Deutschland und die USA, über Widerstand und Erinnerung. Auch das Schreiben selbst wird zum Gegenstand ihrer Reflexion – wie man von rechter Gewalt erzählen kann und wie aus Menschen Figuren werden, die einen nicht mehr loslassen. Im Vorwort stellt sie die zentralen Fragen: „Ob ich Aktivistin bin? Gäbe es denn eine Alternative? Ist nicht das Schreiben selbst Aktivismus, wenn es sich gegen die vermeintliche Unaufhaltbarkeit, den Mangel an morgen und Empathie richtet?“

Porträtfoto der Autorin Manja Präkels.

Manja Präkels wurde für ihren Debütroman „ Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ mehrfach ausgezeichnet und gilt als eine zentrale literarische Stimme zur Nachwendezeit in Ostdeutschland. (© Nane Diehl)

Überschreiben (für Ingo)

Gefühle, Fakten und Fiktionen in der komplizierten Annäherung an einen realen Fall

Erstbegegnung nach langer Zeit

»Ingo war ein guter Junge.« Mutter Ludwig wiederholt den Satz wieder und wieder. Manchmal hält sie kurz inne und fügt einen kleinen Zweifel an, kein Fragezeichen, eher das Echo einer kurzen Erschütterung, die im jahrelangen Nachdenken über ihren jüngsten Sohn irgendwann in ihrem Kopf entstanden ist. Sie beugt sich vor, schaut mir direkt in die Augen: »Hat er Drogen genommen?« Nein. »Nur Alkohol«, höre ich mich sagen. Wir waren ja noch ganz altmodisch damals. Ostunschuldig. Ahnungslos.

Am schlimmsten sei es am Anfang gewesen, erzählt sie. Also das erste Jahrzehnt nach dem Mord an ihrem Sohn. Da habe sie nicht arbeiten können. Nicht das Haus verlassen. »Wenn ich eine Glatze sehe, von Weitem, da krieg ich heute noch Panik.« Die junge Frau am Tisch nickt, greift nach der Hand der Mutter. Sie, die jüngere Schwester Ingos, hat keine eigenen Erinnerungen an ihn. »Bin ja noch so klein gewesen.« Seine Abwesenheit aber, die lastete über ihrem Leben wie ein Alb. Bis sie es schließlich nicht mehr aushielt, Kontakt aufnahm. Darum sitzen wir jetzt zusammen an diesem Tisch.

»Uns verbindet dieses Schicksal«, sagt sie und meint damit auch mich. Die Autorin aus Berlin, die ihren Bruder nur einen Sommer lang gekannt hatte. Vom Hocken am Ufer, vom Schwimmengehen im See hinterm Dorf, Rauchen an Bushaltestellen und Trinken, abends, vor der Disko.

Dort war es auch, wo sie ihn erwischten. Während die Meute auf ihn eindrosch, ihren unbändigen Hass an ihm, der allein war und chancenlos, abreagierte, hockte ich wenige Meter entfernt zitternd in einem Versteck und hielt die Luft an. Die Panik, dass sie mich bestimmt entdecken würden, und die eisige Kälte jener Nacht waren alles, was ich spüren konnte. Dazu die bange Frage: Wen von uns haben die da draußen? Auf wen prügeln sie da ein? Was zu hören war, lässt sich schwer in Worte fassen. Im Gewaltrausch klingen alle Tiere gleich. Erinnerungen sind trügerisch? Gewiss. Doch was bedeutet Wahrheit, wenn sich keiner mehr erinnert?

Ingo Ludwig erlag seinen schweren Verletzungen noch in derselben Nacht. Die Polizisten, die sich anschließend auf den Weg machten, den Eltern die Todesbotschaft zu überbringen, rieten ihnen, auf eine Besichtigung des leblosen Körpers ihres jüngsten Sohnes zu verzichten. »Das war ein Fehler«, sagt Mutter Ludwig heute. Auch, dass sie sich damals keinen Anwalt nahmen, obwohl einer der ermittelnden Beamten ihr und ihrem Mann dazu dringlich geraten habe. So entfiel die Möglichkeit, als Nebenklägerin aufzutreten. Die Möglichkeit zur Akteneinsicht. Für immer. »Aber so sind wir eben damals gewesen. Dachten: Wir kleinen Leute, was für ein Anwalt denn? Wir kannten uns doch gar nicht aus.« Und dann war da noch der Schock. 1992. Im Januar. Nachts.

Wie lang das her ist. Bis zu diesem Moment am Tisch, an dem wir uns zum ersten Mal in die Augen schauen, sind ganze 31 Jahre vergangen. Zusammengebracht haben uns erst die hartnäckigen Fragen der jüngeren Schwester und ein Buch, das ich 2017 veröffentlicht und Ingo gewidmet hatte: »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß.«

Schreiben über (rechte) Gewalt

Das Cover des Buchs „Radiorauschen im Sternenpark“ von Manja Präkels mit einem Foto von Hochhäusern bei Nacht mit beleuchteten Fenstern.

(© Verbrecher Verlag)

Wie kann man über derart entgrenzte Gewalt schreiben? Über rechte Gewalt? Kann man es überhaupt? Zumal aus der Perspektive einer von der Tat unmittelbar Betroffenen, einer Zeugin? Einer, die sich bis heute fragt, ob sie nicht doch etwas hätte tun können, tun müssen. Wie kann man einem breiten Publikum von einem Hassverbrechen wie diesem berichten, ohne mit den Taten auch die Opfer voyeuristisch zur Schau zu stellen, ihnen die Würde zu nehmen? Ist persönliche Befangenheit, sind die Erinnerungen Traumatisierter – Jahrzehnte später – in einem sachlichen Diskurs überhaupt zulässig? Und: Wie sachlich kann ein Diskurs sein, der versucht, nach so langer Zeit das Schweigen zu brechen, das die Zeit des Systemzusammenbruchs und der eskalierenden Gewalt auf den Straßen wie ein Kokon umgibt? Die Tat ist ja nur eine von vielen gewesen, eingebettet in eine beispiellose Reihe gar nicht oder nur unzureichend aufgeklärter Gewaltexzesse der frühen Neunziger Jahre. Ist in diesem Kontext persönliche Erfahrung vielleicht sogar Voraussetzung für eine glaubhafte Vermittlung der gesellschaftlichen Atmosphäre jener Jahre zwischen nicht mehr und noch nicht?

Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte sollte meine Beschäftigung mit den Geschehnissen rund um den Diskoüberfall ganz unterschiedliche Formen annehmen. Sie war auch nicht kontinuierlich und schon gar nicht von Beginn an klar strukturiert. Was als persönlicher Versuch der Bewältigung begann, sich in forschenden Gesprächen und wiederkehrenden Phasen der Recherche fortsetzte, darüber zur Veröffentlichung zahlreicher Texte führte, bis hin schließlich zur Verdichtung im Roman, hat bis heute keinen Abschluss gefunden. Im Gegenteil. Vergangenheit und Gegenwart korrespondieren miteinander, was sich sowohl in immer neuen Schwierigkeiten bei der Recherche als auch in der öffentlichen Rezeption der Texte zeigt.

Grenzen des Journalismus

Schon während meiner Schulzeit hatte ich regelmäßig Texte für die örtliche Regionalzeitung geschrieben. So erlebte ich im Herbst 1992, noch vor meiner Zeit als »feste Freie« bei der Märkischen Allgemeinen Zeitung, eine bestürzende Debatte innerhalb der Lokalredaktion.

Im Konkurrenzblatt, der Gransee-Zeitung, war am 26. Oktober ein Interview mit zwei bekennenden Neonazis aus meiner Geburtsstadt Zehdenick veröffentlicht worden. Wenige Wochen nach den rassistischen Ausschreitungen von Rostock hatten die beiden – auf dem dazugehörigen Foto zeigen sie den Kühnen-Gruß, ihre Gesichter sind nur halbherzig anonymisiert – die Möglichkeit erhalten, Stellung zu beziehen. Übertitelt mit dem Zitat »Rostock ist für mich das Fanal für den Widerstand gegen die Kanacken« feierten die Interviewten das Pogrom als »listige Aktion« und erklärten nebenbei: »Hätte Adolf Hitler die Sache damals nicht in die Hand genommen, dann würde unser Land heute vielleicht Judistan oder so heißen.«

Die Kolleginnen in der Redaktion waren sich uneins: Durfte man so ein Interview bringen? War das eine angebrachte Form der Auseinandersetzung mit der unübersehbaren Radikalisierung der Jugend auf dem Lande? Oder machte man sich damit nicht vielmehr zum Gehilfen, zur Verbreiterin rechtsextremer Propaganda?

Während die altgedienten Journalistinnen und Journalisten hart am Thema stritten, fand ich schnell heraus, wer die Interviewten waren, und zog meine Schlüsse. Ob FAP oder NPD – Zehdenicks Neonazi-Szene, der auch die Täter der Mordnacht angehört hatten, war offensichtlich längst überregional organisiert und ideologisch geschult, wenigstens propagandistisch auf Linie gebracht.

Auszug aus: Manja Präkels: Radiorauschen im Sternenpark. Mit Fotografien der Autorin. Verbrecher Verlag, September 2026. 188 Seiten.

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