USA: Trumps Nazi-Problem

von | 10.09.2026

In der politischen Rechten der USA wächst der Antisemitismus, vor allem in der jüngeren Generation der Republikanischen Partei. Offen antisemitische Kandidaten konnten in den republikanischen Vorwahlen gar Ergebnisse im zweistelligen Prozentbereich einfahren.

Tucker Carlson, mit einer Hand gestikulierend, die andere am Rednerpult.

Ist zum Symbol für die Akzeptanz antisemitischer Haltungen in der Republikanischen Partei geworden: Der ehemalige Fox-News-Moderator Tucker Carlson bei einer Gedenkveranstaltung für den ermordeten rechtsextremen Aktivisten Charlie Kirk. (Foto: EPA/CAROLINE BREHMAN)

Das rechte Lager in den USA ist gespalten. Im Dezember vergangenen Jahres veröffentlichte die rechtskonservative US-amerikanische Denkfabrik „Manhattan Institute“ das Ergebnis einer Umfrage zur Mitgliederstruktur der Republikanischen Partei. Auffällig waren bei den Ergebnissen der Umfrage die Differenzen zwischen Jung und Alt, vor allem beim Thema Antisemitismus.

Angesprochen darauf, ob sie antisemitische Meinungen offen und unbefangen äußerten, stimmten vier Prozent der Republikaner über 50 Jahren der Aussage ganz oder teilweise zu. Im Gegensatz dazu äußerten nicht weniger als 25 Prozent der Republikaner unter 50 Jahren ihre Zustimmung. Noch beunruhigender ist vielleicht die Tatsache, dass zur Aussage „Der Holocaust an den Juden im nationalsozialistischen Deutschland wurde stark übertrieben oder hat nicht so stattgefunden, wie Historiker ihn beschreiben“ 37 Prozent aller Republikaner ganz oder teilweise zustimmten. Bei Männern unter 50 Jahren waren es gar 54 Prozent.

Was Antisemitismus betrifft, gibt es innerhalb einer sich unter der Führung von US-Präsident Donald Trump radikalisierenden Partei eine tiefe Spaltung, und sie verläuft zu einem gewissen Maß zwischen den Generationen. Der kürzlich verstorbene Senator Lindsey Graham rechnete sich gar explizit einem „Hitler-ist-Scheiße-Flügel der Republikanischen Partei“ zu, was Fragen über den anderen Flügel aufwirft. Jared Holt, ein leitender Forscher bei „Open Measures“, einer unabhängigen Organisation, die die Verbreitung schädlicher Online-Inhalte analysiert, sagte der woxx dazu: „In den vergangenen Jahren sind innerhalb der Unterstützerbasis der Republikanischen Partei unzählige Brüche entstanden, und der Antisemitismus gehört zu den tiefsten dieser Risse.“ Das gelte insbesondere für die jüngere Generation, „und mir scheint nicht, dass die Führung der GOP (Grand Old Party; Spitzname der Republikanischen Partei; Anm. d. Red.) wirklich weiß, was sie tun soll, um dies anzugehen“.

Die Spaltung ist vielleicht am deutlichsten, wenn es um Israel geht. Auf der einen Seite stehen christliche Konservative – einschließlich sogenannter Christian nationalists –, die sich häufig als Philosemiten und Verteidiger einer „jüdisch-christlichen Tradition“ darstellen, auch um sich von Muslimen abzugrenzen. Aus religiösen und politischen Gründen glauben nicht wenige von ihnen, dass alle Juden auf der ganzen Welt nach Israel „zurückkehren“ sollten, um Prophezeiungen des Alten Testaments zu erfüllen.

Was Antisemitismus betrifft, gibt es innerhalb einer sich unter der Führung von US-Präsident Donald Trump radikalisierenden Partei eine tiefe Spaltung, und sie verläuft zu einem gewissen Maße zwischen den Generationen.

Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee – ein baptistischer Prediger und ehemaliger Gouverneur des US-Bundesstaats Arkansas –, ist ein gutes Beispiel für diese Gruppe. In einem Interview mit Tucker Carlson, dem rechtsextremen ehemaligen Moderator des rechten Fernsehsenders „Fox News“, im vergangenen Februar sagte Huckabee in Bezug auf Israel: „Es wäre in Ordnung, wenn es alles nähme“, wobei er sich grob auf das gesamte Land zwischen dem Nil in Ägypten und dem Euphrat im Irak bezog. Er rechtfertigte seine Ansicht mit Verweisen auf Passagen aus der Bibel. Dabei sagte er auch, Israel habe dies gar nicht vor, es „möchte aber zumindest das Land nehmen, was es derzeit besitzt“.

Noch extremer sind vielleicht die Ansichten des Predigers John Hagee, des Gründers von „Christians United for Israel“ (CUFI), der größten proisraelischen Organisation in den USA, die zehn Millionen Mitglieder für sich reklamiert. Hagee bringt aber auch Hitler in seiner Art von Heilgeschehen unter und hat etwa schon behauptet, Hitler sei ein von Gott gesandter „Jäger“ gewesen, der mit Hilfe des Holocaust Gottes Willen in Form der Gründung des modernen israelischen Staates ermöglicht habe. Angesichts dieser instrumentalisierenden Haltungen, die auf fundamentalistischen Lesarten der Bibel beruhen, ist zweifelhaft, ob sich viele dieser proisraelischen „Philosemiten“ der Republikanischen Partei für das Wohlergehen von Jüd*innen interessieren oder ob sie diese nicht eher als bloße Schachfiguren in einem großen eschatologischen Spiel betrachten.

Die derzeitigen republikanischen Gegner Israels und Antisemiten verstehen sich häufig in Abgrenzung zu den vorgenannten Protagonisten. Der rechtspopulistische ehemalige Trump-Berater Steve Bannon beispielsweise bezeichnete den rechten jüdischen Radiomoderator Mark Levin als „Tel-Aviv-Levin“ und kritisierte ihn als „Stadtschreier des Netanyahu-Regimes“. Einst ein Fürsprecher Israels, sagt Bannon nun, seine Ansichten hätten sich geändert, weil er Trumps Slogan „America First“ ernst nehme. Für ihn sei Israel kein US-Verbündeter, sondern „ein Protektorat, ein Vasall“, der sich auch dementsprechend benehmen solle.

Einige Monate vor dem Interview mit Mike Huckabee, im vergangenen Oktober, hatte Carlson Nick Fuentes in seine Show eingeladen, den wohl bekanntesten Antisemiten der USA. Kevin Roberts, Präsident der einflussreichen rechten Denkfabrik „Heritage Foundation“, die das berüchtigte rechtsautoritäre Strategiepapier „Project 2025“ veröffentlicht hatte, verteidigte Carlsons Interview mit Fuentes gegen Kritiker. Andere Konservative kritisierten Roberts daraufhin selbst umgehend scharf. Die nach dem 7. Oktober 2023 geschaffene Heritage-Arbeitsgruppe gegen Antisemitismus beendete nach dem Vorfall die Zusammenarbeit mit der Denkfabrik, Mitarbeiter traten zurück, Spender stellten ihre Unterstützung ein. Ein leitender Heritage-Mitarbeiter sagte dem Fernsehnachrichtensender „CNN“: „Es ist ein offener Aufstand, es ist Abscheu“, 85 Prozent der Mitarbeiter bei Heritage seien „völlig angewidert“ von Roberts’ Aussagen.

Doch ein weiterer Mitarbeiter warnte in einem an die Boulevardzeitung „New York Post“ durchgestochenen internen Chat: „Nach Gesprächen mit einigen der Praktikanten denke ich, dass es eine wachsende Zahl von ihnen gibt, die Fuentes wirklich zustimmen.“ Laut einem Recherchebericht der Tageszeitung „New York Times“ im Juli lasse es die Denkfabrik zu, dass viele junge, vor allem männliche Mitarbeiter der Denkfabrik Fuentes unterstützten, antisemitische Verschwörungstheorien verbreiteten oder den Holocaust leugneten.

Mittlerweile schlägt sich dies auch in den Vorwahlen der Partei nieder. Im US-Bundesstaat Florida erzielten im August zwei offen antisemitische Vorwahlkandidaten bemerkenswerte Ergebnisse. Dan Bilzerian erhielt 19 Prozent der Stimmen bei einer Vorwahl für einen Sitz im US-Abgeordnetenhaus und James Fishback 10,5 Prozent bei seiner Bewerbung als republikanischer Gouverneurskandidat – schlechte Ergebnisse für US-amerikanische Vorwahlen, aber große Erfolge angesichts der Häufigkeit, mit der beide unverhohlen rassistische, frauenfeindliche und antisemitische Rhetorik verwendeten. Fishback ist ein „Groyper“, also ein Anhänger von Fuentes. Er beleidigte seinen schwarzen Konkurrenten in der Vorwahl zur Gouverneurskandidatur als „Schimpansen“ und „Sklaven“. Zudem verwendete er häufig Begriffe wie „goyslop“, ein Kofferwort aus „goy“, was auf Jiddisch „Nichtjude“ bedeutet, und „slop“, was auf Englisch Abfall bedeutet und heute meist als Bezeichnung für schlecht gemachte KI-Inhalte verwendet wird. Das Wort „goy“ wird gerne von Neonazis genutzt, wenn sie von den durch Juden unterdrückten Volksmassen fantasieren.

Der frauenfeindliche Influencer Bilzerian wiederum hat in den sozialen Medien zusammengenommen über 40 Millionen Follower*innen. Er veröffentlichte fünf Tage vor seiner Vorwahl ein KI-Wahlkampfvideo, in dem er seinen jüdischen Konkurrenten mit Hörnern darstellte, Juden als „Satans gruselige kleine Lakaien“ bezeichnete und Hitler lobte. Auf die Kritik reagierte er damit, dass er das Wort Antisemitismus ablehne, weil „Palästinenser die wahren Semiten sind“, wie er es ausdrückte.

Ebenfalls in Florida kandidierte Marshall Rawson, ein Teilnehmer der neonazistischen „Unite the Right“-Demonstrationen 2017 in Charlottesville, Virginia, und langjähriges Mitglied der inzwischen aufgelösten rechtsextremen Gruppe „League of the South“ (LOTS). Rawson gewann seine Vorwahl für einen Sitz des Abgeordnetenhauses von Florida. Obwohl er im Wahlkampf nicht so offen rassistisch oder antisemitisch auftrat wie Bilzerian oder Fishback, verteidigte er seine ehemalige Mitgliedschaft bei der Organisation. Dabei war LOTS eine dezidiert rassistische und antisemitische Gruppe, deren Anführer spätestens seit 2015 eine Variante der Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ propagierte. So behauptete er im Jahr 2015, dass „der organisierte Jude“, dessen „Niederträchtigkeit man nie unterschätzen“ dürfe, „verschiedene Menschen aus der Dritten Welt“ als Waffen gegen Weiße einsetze. Für Rawsons Wahlkampf gegen seinen demokratischen Konkurrenten wurden bislang noch keine Umfragedaten veröffentlicht, doch ist sein Wahlkreis äußerst konservativ. Er hat also gute Chancen, ins Parlament des Bundesstaats einzuziehen.

Joseph Keady arbeitet als Übersetzer und freier Publizist. Er berichtet aus Jefferson County, West Virginia.

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