Placebo feiert 30 Jahre: „Sie waren meine Jugend“

von | 16.10.2026

Drei Jahrzehnte, unzählige Erinnerungen und eine besondere Verbindung zu Luxemburg: Am Freitagabend feiern Placebo in der ausverkauften Rockhal ihr 30-jähriges Bestehen. Eine Rückkehr zu den musikalischen Anfängen – und für viele im Publikum auch zur eigenen Jugend.

Der Sänger und Gitarrist Brian Molko steht in der Rockhal auf der Bühne und singt und spielt Gitarre. Molko ist ein dünner Mann mit scheitellangen schwarzen Haaren, er trägt ein dunkles, ärmelloses Oberteil und eine zerrissene Jeans. Im Hintergrund ist das Schlagzeug und ein Bass zu sehen.

Brian Molko hat schon viele Geburtstage in Luxemburg verbracht. Vergangene Woche feierte Placebo das 30-jährige Bestehen der Band in der Rockhal. (Foto: Carl Neyroud/Rockhal)

„Sie waren meine Jugend.“ Diesen Satz hört man am Freitagabend in der Rockhal auffallend oft. Von 28-Jährigen, 35-Jährigen und Menschen, die ihren 50. Geburtstag längst hinter sich haben. Offenbar hat Placebo das Kunststück geschafft, gleich mehrere Generationen durch ihre Jugend zu begleiten. Durch den ersten Liebeskummer, die großen Identitätskrisen und jene Jahre, in denen man überzeugt ist, dass einen sowieso niemand versteht. Die einen sind erwachsen geworden, die anderen zumindest älter. Vieles hat sich seither verändert, doch die Musik weckt noch immer die Gefühle von damals.

Jana, 28, und Chrissy, 35, sind aus Deutschland angereist. Beide hören Placebo seit ihrer Jugend. Besonders mit dem ersten Liebeskummer verbinde sie die Musik, erzählt Chrissy. Noch heute hört sie die alten Songs, wenn sie traurig ist. Ihre Freundin Jana beschreibt ihre Vorfreude als Mischung aus Nostalgie, Wehmut und Gänsehaut. Als würden die Lieder auf Knopfdruck ganze Lebensabschnitte wieder lebendig werden lassen.

Was Placebo seit drei Jahrzehnten ausmacht, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Ihre Musik klingt nach verregneten Heimwegen um drei Uhr morgens, nach kleinen Bars mit gedämpftem Licht und abgewetzten Ledersofas. Nach langen Gesprächen und Gefühlen, für die man noch keine Worte hat. Melancholisch, manchmal verträumt, aber immer voller Energie. Placebo beschönigen unangenehme Gefühle nicht, sondern geben ihnen Raum und gewinnen selbst der Melancholie etwas Vertrautes, beinahe Behagliches ab. Wie ein alter Liebeskummer, an den man sich irgendwann sogar gerne zurückerinnert.

Von Luxemburg hinaus in die Welt

Für Brian Molko und Stefan Olsdal ist diese Zeitreise besonders persönlich. Denn die Geschichte der britischen Alternative-Rock-Band beginnt gewissermaßen in Luxemburg. Beide besuchten hier die damalige American International School, waren jedoch keine Freunde. Erst Jahre später trafen sie sich zufällig in London wieder und gründeten 1994 Placebo.

Molko, 1972 in Brüssel geboren, hatte zu Luxemburg lange ein zwiespältiges Verhältnis. Als Jugendlicher empfand er das Land als konservativ und kulturell wenig aufregend. Er wollte vor allem eines: weg. Ausgerechnet diese Langeweile habe jedoch dazu beigetragen, dass er sich intensiv mit Musik beschäftigte, erzählte er dem „Musikexpress“. Heute sieht er Luxemburg differenzierter und lobt unter anderem die gesellschaftliche Entwicklung und das inzwischen vielfältige Kulturangebot.

„We spent many birthdays in Luxembourg“, sagt Molko am Freitag zwischen zwei Songs. Ansonsten hält sich der Sänger mit Ansagen zurück. Große Reden oder ausführliche Anekdoten gibt es kaum. Im Mittelpunkt steht die Musik, und die lässt Placebo lieber für sich sprechen.

Um Punkt 21 Uhr beginnt die Show. Zuvor ziehen auf der riesigen Leinwand drei Jahrzehnte Bandgeschichte vorbei: alte Konzertaufnahmen, wechselnde Frisuren, gemeinsame Auftritte mit Musikgrößen wie David Bowie und The Cure. Die Haare werden länger, kürzer, wilder, die Gesichter älter. Die Farbe Schwarz bleibt eine bemerkenswert zuverlässige Konstante. Dann kommen Molko und Olsdal auf die Bühne. Zwei Männer, die inzwischen die 50 überschritten haben und deren Musik noch immer nach jugendlicher Rebellion klingt.

Die Kunst, anders zu sein

Als Placebo 1996 ihr Debütalbum veröffentlichen, dominieren Oasis und Blur die britische Musikszene. Britpop ist angesagt, selbstbewusst und demonstrativ männlich. Und dann kommt Brian Molko. Schmal, mit schwarz umrandeten Augen, Lippenstift, androgyner Erscheinung und einer Stimme zwischen Verletzlichkeit und Provokation.

Während andere Rockstars ihre Männlichkeit zelebrieren, stellen Placebo traditionelle Geschlechterrollen infrage. Molko lebt offen bisexuell, Olsdal ist homosexuell. Ihre Texte handeln von Sexualität, Drogen, emotionaler Abhängigkeit und Ausgrenzung. Vieles daran ist bewusst unbequem. 1997 gelingt ihnen mit „Nancy Boy“ der Durchbruch – einem Song, der sexuelle Konventionen provozierend auf den Kopf stellt.

Sie werden zu Identifikationsfiguren für Menschen abseits gesellschaftlicher Normen. Dabei geht es um mehr als Sexualität: „Teenage Angst“ heißt einer ihrer frühen Songs und behandelt Anderssein, Einsamkeit, Selbstzweifel und den Wunsch nach Zugehörigkeit. Für diese Gefühlswelt hat die Band einen unverwechselbaren Sound entwickelt. Molkos hohe, leicht nasale Stimme trifft auf verzerrte Gitarren, treibende Basslinien und elektronische Elemente. Mal ziehen sich die Songs hypnotisch in die Länge, dann brechen sie in kraftvolle, agressive Passagen aus. Zerbrechlich und wütend zugleich, melancholisch und voller Energie.

Ein Konzert ohne Smartphone-Wald

Am Freitag erhält diese musikalische Eigenwelt eine visuelle Dimension. Lichtstrahlen wirbeln durch die Dunkelheit, durchschneiden den Raum und überlagern sich. Auf der Leinwand verschmelzen Archivmaterial, Livebilder, flackernde Störungen und grelle Farben zu psychedelischen Sequenzen.

Auffallend selten zu sehen sind dagegen Smartphones. „You‘ll remember the moment, not the recording“, lautet die Botschaft der Band. Das Publikum soll den Abend erleben, statt ihn zu dokumentieren: Keine Fotos, keine Videos für Instagram. Eine willkommene Abwechslung in Zeiten, in denen Konzerte oft scheinbar ausschließlich durch Smartphone-Kameras verfolgt werden. Zwar halten sich nicht alle daran, doch der übliche Wald aus erhobenen Displays bleibt weitgehend aus.

Das passt zu einer Band, die gesellschaftliche Entwicklungen seit jeher kritisch hinterfragt. Molko äußert sich skeptisch über soziale Netzwerke, Algorithmen und die zunehmende Digitalisierung des Musikerlebnisses. Musik soll mehr sein als konsumierbarer Content. Letztlich geht es auch um Respekt gegenüber den Künstler*innen und dem übrigen Publikum.

Alte Songs, alte Freunde

„Placebo gehören schon fast zur Familie“, sagt Tania Giovagnole. Mindestens 15 Mal hat die 51-Jährige die Band bereits live gesehen: im Atelier, in der Rockhal, auf Festivals im In- und Ausland. Ihre Musik begleitet sie seit Jahrzehnten, bestimmte Songs verbindet sie bis heute mit Menschen und Erlebnissen. Auch ihre Begleiterinnen Joanna Omilian, 49, und Véronique Oms, 48, verbinden mit Placebo ihre Jugend. Während Tania der Band bis heute treu geblieben ist, überwiegt bei den beiden die Nostalgie.

Eigentlich bevorzugt Tania jedoch kleinere Bühnen. „Die Rockhal ist etwas zu groß“, findet sie. Im Atelier sei die Atmosphäre intimer gewesen. Doch das Jubiläum wollte sie nicht verpassen, gerade weil Placebo zu ihren musikalischen Anfängen zurückkehrt.

Denn wer am Freitag eine klassische Best-of-Show erwartet, wird bei dieser Tour wohl etwas enttäuscht. Im Mittelpunkt stehen vor allem die ersten beiden Alben, „Placebo“ von 1996 und „Without You I‘m Nothing“ von 1998. Auf der Bühne bedeutet das: viel Material aus den Anfangsjahren, darunter Stücke, die Placebo seit Langem nicht mehr live gespielt haben. „Come Home“, „36 Degrees“, „My Sweet Prince“ oder „Bruise Pristine“ führen zurück die Anfangszeit der Band.

Nicht jeder Wunsch wird erfüllt

Diese musikalische Rückreise bleibt nicht ohne Schwächen. Was zunächst hypnotisch wirkt, droht stellenweise monoton zu werden. Ein unerwarteter Bruch, etwas mehr Tempo oder ein deutlicherer Kontrast hätten der Dramaturgie gutgetan – es fehlt schlicht an Abwechslung.

Die Hits aus späteren Karrierephasen bleiben aus. Wer Placebo zum ersten Mal live erlebt, dürfte deshalb möglicherweise etwas enttäuscht sein. Für langjährige Fans, die die Klassiker bereits unzählige Male gehört haben, liegt der Reiz dagegen gerade darin, selten gespielte Stücke wiederzuentdecken.

Nach „Nancy Boy“ verabschieden sich die Musiker zunächst von der Bühne. Doch der Abend ist noch nicht vorbei. Mit „Every You Every Me“ kehren sie für die Zugabe zurück, bevor sie mit Depeche Modes „I Feel You“ noch einmal ihre musikalischen Einflüsse aufgreifen. Den Schlusspunkt setzt schließlich die düstere Interpretation des Kate-Bush-Klassikers „Running Up That Hill“. Ein intensiver Abschluss, der zeigt, wie eindringlich Placebo sein kann, ohne ständig an Lautstärke oder Tempo zulegen zu müssen. Und irgendwann muss selbst die schönste Zeitreise wieder im Hier und Jetzt ankommen.

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