Laurent Schmit: „Langsam wandelt sich das luxemburgische Poster-Design“

von | 05.11.2026

In seinen Collagen arbeitet der Grafiker Laurent Schmit instinktiv und mit dem Zufall an seiner Seite. Eine Auswahl seiner freien und humorvollen Werke präsentiert er diesen November auf den Rückseiten der woxx.

Ein Mann steht lässig mit gekreuzten Armen und schaut nach rechts. Er trägt eine Kappe, eine Brille, ein graues T-Shirt und Jeans. Der Hintergrund ist ein neutrales grau.

Tagsüber in einer Agentur, und abends zuhause am Tisch: Der Grafiker Laurent Schmit gestaltet am liebsten Posters und Collagen. (Copyright: Joé Schweich)

woxx: Laurent, Sie arbeiten seit 20 Jahren als Grafiker. Was fasziniert Sie am Zusammenspiel zwischen Typografie und Bild?

Laurent Schmit: Für mich sind beide eins. Ob man eine Schrift vektorisiert oder zeichnet, es entstehen immer Formen. Dementsprechend ergibt sich auch ein Bild. Im öffentlichen Raum zieht mich ein Poster mit vielen Buchstaben und Schriftarten mehr an, als eins mit einem Foto. Deshalb war für mich das Studium von Typografie und Grafikdesign in Brüssel keine Frage: Alles, was mit Typografie zu tun hat, zieht mich an.

Wie kreativ ist die Grafikbranche in Luxemburg?

Die Designers sind kreativ, doch der Luxemburger Kunde, um es diplomatisch auszudrücken, traut sich noch nicht viel.

Was meinen Sie damit?

Ganz wilde Poster findet man in Luxemburg im öffentlichen Raum kaum. Auffallen soll ja jedes, da es im Raum mit anderen in Konkurrenz steht. Doch zu mehr trauen sich viele Kunden noch nicht. Erst in den letzten Jahren bemerke ich eine kleine Wandlung. Hier und da entdeckt man allmählich einige Designs, die sich trauen, anders zu sein. Das beglückt mich dann immer wieder. In der Schweiz etwa – dort habe ich ein Jahr lang gelebt – ist das Poster-Design ganz anders: frecher, wilder, dominanter, und das seit einem guten Jahrhundert. Ich habe das Gefühl, dort vertrauen Kunden dem Grafiker eher.

Warum denken Sie trauen sich in Luxemburg viele Kund*innen noch nicht, „wilder“ zu sein?

Einerseits schwingt die Angst mit, das Publikum verstehe das nicht und das Produkt würde sich deshalb schlecht verkaufen. Vielleicht liegt ein Teil der Schuld auch bei uns, den Agenturen, die sich an die Kundschaft angepasst haben. Wir bieten natürlich nur Ideen an, von denen wir überzeugt sind, dass sie gut sind. Doch bieten wir auch immer ein konservativeres Design mit an.

„ Die Grafik im öffentlichen Raum ist weiterhin meist ziemlich konservativ, doch so langsam wird es spannender.“

Auch wenn die wildere auf gute Reaktionen stößt, nehmen Kunden in den meisten Fällen die „sichere“ Variante. Da müssen wir uns besser verkaufen können, damit uns Kunden mehr vertrauen und sich so auch selbst trauen, etwas Neues auszusuchen. Zum Beispiel denke ich da an eine Poster-Idee, die wir vor Jahren für eine Jubiläumsfeier einer Sektfirma gestaltet haben, als ich noch in einer anderen Agentur gearbeitet habe. Für die Idee tranken wir eine Flasche Sekt, die leere Flasche wurde mit Konfetti, Girlanden und Papiertröten gefüllt bis alles herausquoll und das Ganze fotografiert. Beim Kunden kam die Idee nicht gut an, zu „wild“. Dabei liegt sie auf der Hand. Natürlich kann man nicht jedem Kunden eine avantgardistische Idee anbieten, bei den meisten sind die Wünsche konservativ.

Woran glauben Sie liegt es, dass in Ländern wie die Schweiz das Design weniger konservativ ist?

In der Schweiz werden Poster fast als Kunstwerk betrachtet und als solche werden sie auch gestaltet. Unbewusst wird auch jeder Einwohner in gutem, tollem Design geschult, weil der öffentliche Raum voller wilder Ideen und Poster ist. Natürlich gibt es auch schlechte Poster, doch im Schnitt sind die Ideen super und das ganze beschränkt sich nicht nur auf das Poster-Design, sondern auch auf Bücher, Architektur, Skulptur …

Wie hat sich Grafikdesign in Luxemburg in den vergangenen Jahren entwickelt?

In die gute Richtung, sicherlich. Die Kurve zeigt nach oben, unter anderem auch weil wir nun Institutionen wie „Design Lëtzebuerg“ und „Design Friends“ haben, die regelmäßige Konferenzen organisieren. Die Grafik im öffentlichen Raum ist weiterhin meist ziemlich konservativ, doch so langsam wird es spannender.

Das Foto zeigt ein orangen-farbenes Poster, das an einem Fenster klebt und einen Lastwagen zeigt, aus dem ein abstraktes Motiv herausquellt.

Ein Poster des Grafikers. (Foto: Laurent Schmit)

In Ihrer Freizeit sind Sie auch Grafiker, konzentrieren sich dann vor allem auf analoge Collagen. Was ermöglicht Ihnen dies?

Meine Collage-Arbeit ist meditativ. Abends setze ich mich hin und komme beim Schneiden und Kleben in eine Art Flow, der mich ganz und gar erfüllt. Wenn mich meine Arbeit in der Agentur kreativ komplett auslaste, säße ich abends vielleicht weniger oft an meinem Tisch zuhause und klebe. Bei meinen persönlichen Projekten gibt es kein Ende. Wenn ich es einige Wochen lang nicht mache, fühle ich mich nicht gut. Ich weiß nicht warum oder woher der interne Drang kommt, weiß nur, dass das so ist.

Arbeiten Sie ohne Plan und feste Idee?

Ja, es fängt schon beim Sammeln an. Ich suche nicht nach bestimmten Motiven, doch wenn ich ein tolles Element finde, dann weiß ich sofort, das nehme ich mit für meine Sammlung. Ich habe zuhause zwei, drei Kisten, in die ich verschiedene Motive tue. Ich habe auch ein Heft, in dem ich grafische Elemente und Typografien sammele, Zugtickets oder Quittungen aus Restaurants etwa. Dieses Heft ist wie ein Album, durch das ich nur durchblättern muss, um mich an etwas zu erinnern. Illustrierte Magazine kaufe ich keine. Ich halte lediglich die Augen offen, meistens finde ich tolle Motive auf Verpackungen zuhause oder unterwegs. Dann setze ich mich an meinen Tisch und wühle durch die Kisten, suche verschiedene Elemente aus – nie einer konkreten Idee nach, folge dabei nur meiner Intuition – und füge dann in einem meiner Hefte ein, was zusammen passen könnte. So mache ich zwei, drei Collagen pro Tag. Das Gefühl, produktiv zu sein, erfüllt mich.

Worauf achten Sie dabei?

Hauptsächlich auf die Dimensionen und weniger auf die Farben. Deshalb arbeite ich auch analog: Auf dem Computer hätte ich bei einer digitalen Collage unendliche Kombinationen und Farben, die mir zur Verfügung stehen, also die Qual der Wahl. Auf dem Papier muss ich mich dem fügen, was ich durch Zufall finde und kann schneller und instinktiver arbeiten. Ist etwas geklebt, gibt es kein Zurück. Oft ergeben sich willkürliche und manchmal humorvolle Konstellationen. Damit amüsiere ich mich, weil es mir Spaß macht.

Auf den Rückseiten der woxx präsentieren Sie vier ihrer Collages. Wie haben sie die Auswahl getroffen?

Ich habe in meinen Heften gestöbert und nach etwas Ausschau gehalten, das auffällt. Ich will in der woxx Collagen präsentieren, die eine Wucht in sich haben und direkt ins Auge springen – durch ihre Größe und die Komposition. Einige Zeit lang habe ich überlegt, ob ich welche mit Buchstaben aussuchen soll, doch die „simple“ Art der vier ausgewählten Collages mit den jeweils zwei, drei Elementen gefällt mir.

Laurent Schmit ist seit 2006 als Grafiker tätig und arbeitet bei der Grafik-Agentur Bakform. Studiert hat der Designer in Brüssel, wo er Typographie und Grafik Design studiert und gleichzeitig seine Liebe für die Collage entdeckt, die ihn seitdem nicht loslässt. Von Salamis und Babyköpfen bis hin zu Restaurant-Quittungen: Wenn möglich, sitzt der Künstler jeden Abend vor seinen Heften und klebt Collagen. Neben diesen gestaltet er auch Poster, die es mitunter im öffentlichen Raum und auf der Straße zu entdecken gibt. Seine persönlichen Projekte sind unter www.lsismore.lu zu finden und auf Instagram: @ls.is.more
Auf einem Tisch sind Fetzen Papier zu sehen, im Hintergrund drei bunte Kisten in denen noch mehr Papierteile liegen.

Der Arbeitstisch des Grafikers. (Foto: Laurent Schmit)

Dat kéint Iech och interesséieren

NEWS

La mémoire coûte plus cher

Les data centers pour l’intelligence artificielle sont gourmands en énergie et en eau, laissant présager de sérieuses tensions sur la disponibilité de ces ressources si les investissements se poursuivent au rythme actuel. Le Statec relève un autre effet pervers du développement de l’IA.

NEWSURBANISMUS

„ProVelo“ will Taten sehen

m 20. Oktober präsentierte die Stadt Luxemburg ein neues Konzept für die sanfte Mobilität, die im Rahmen des neuen Mobilitätsplans. Darin sind die Ziele, die die Hauptstadt bis 2035 erreichen will, festgelegt. Dazu gehört, dass das Radverkehrsnetz ausgebaut und optimiert werden soll.

NEWSSOZIALES

Big Brother : Gloden rattrapé par la patrouille

Le Conseil d’État étrille le projet de loi sur la reconnaissance automatique des plaques d’immatriculation par des caméras, présenté par Léon Gloden. Trop imprécis et potentiellement attentatoire aux libertés, juge l’institution. Mais le ministre des Affaires intérieures endosse sans peine le costume du « bad cop ».

NEWS

FORUM 452 : Nos villages

Habiter. C’est autour de cette idée que pourrait se lire le numéro de novembre de « Forum », qu’il s’agisse du rapport à un lieu, à une communauté ou à une époque. Le dossier principal « Nos villages » retrace, à travers l’exemple de Berbourg, les profondes transformations du monde rural luxembourgeois au cours du dernier demi-siècle.