EIN JAHR WÄHRUNGSUNION: Einig Euroland

von | 27.12.2002

Ist der Euro ein Teuro oder verschärft er die grenzĂĽberschreitende Konkurrenz? FĂĽhrt der Bargeldverkehr dazu, dass „Henri“-MĂĽnzen immer seltener werden? Wird es irgendwann in allen Portemonnaies der EU gleich aussehen?

Nicht schlecht fĂĽr ein Geburtstagskind. Der Euro ist gerade mal ein Jahr alt geworden, da wird sein Spitzname, Teuro, in Deutschland zum Wort des Jahres gekĂĽrt. Viel Aufwand wurde seinerzeit betrieben, um den EU-BĂĽrgerInnen die EinfĂĽhrung der neuen Währung schmackhaft zu machen und einem Preisschub vorzubeugen. Dennoch: „Nun haben wir genug gelacht. Nehmt jetzt das bunte Spielgeld zurĂĽck!“, liest man unter www.teuro.de, und die Web-Site Euroabschaffung.de beschäftigt sich „mit einer möglichen WiedereinfĂĽhrung der D-Mark in der Bundesrepublik Deutschland durch eine Volksabstimmung“.

In Luxemburg sorgt man sich eher um die seit der EinfĂĽhrung des freien Kapitalverkehrs anhängige Harmonisierung der Zinsbesteuerung – und, allgemeiner gesehen, um das immer geringere Gewicht Luxemburgs in einer immer größeren und mächtigeren Europäischen Union. Anders als die Deutschen der Mark, trauert kaum einE LuxemburgerIn dem belgisch-luxemburgischen Franken nach, umso weniger als derzeit (noch) der „Heng“ im Partemonnaie besser vertreten ist als seinerzeit der „Jang“ gegenĂĽber dem „Baudouin“. Allenfalls lässt man sich von dem Lamentieren ĂĽber den Teuro im Nachbarland anstecken.

Wurde die EinfĂĽhrung des Euro benutzt, um versteckte Preiserhöhungen vorzunehmen, wurde dadurch die Inflation angeheizt? Sollte ein 1-Euro-Schein eingefĂĽhrt werden, wie es der italienische Finanzminister vorgeschlagen hat, damit die Menschen das neue Geld nicht mehr so leicht ausgeben? Die Idee mit dem Schein hat die Europäische Zentralbank sogleich abgelehnt: Papiergeld nutze viel schneller ab als MĂĽnzen und jeder 1-Euro-Schein mĂĽsste durchschnittlich alle sechs Monate ersetzt werden – viel zu teuer.

Gefeiert und gehasst

„Auswirkung auf Inflation auf 0,2 Prozent begrenzt“, teilte ein KommuniquĂ© der EU-Kommission vor einer Woche mit – bei einer Jahresinflation von 2,3 Prozent im Oktober (fĂĽr Deutschland: 1,3 Prozent). Die offiziellen Zahlen erteilen den Teuro-Klagen also eine Absage. Das Magazin Focus, das eigene Preiserhebungen auf der Basis eines „verbesserten“ Warenkorbs vorgenommen hat, kommt auf wesentlich höhere Teuerungsraten. Doch das ist eher ein Beweis fĂĽr die Schwierigkeit, die Inflation exakt zu messen, als fĂĽr die Schuld des Euro. Denn wenn die Preissteigerungen 2001-2002 aufgrund der Messmethode unterschätzt wurden, dann wird das wohl auch vor der EinfĂĽhrung des Euro der Fall gewesen sein. Aufschlussreicher ist da der Begriff der „gefĂĽhlten Inflation“, die sich von der gemessenen unterscheidet. Das Teuro-GefĂĽhl kommt zum einen daher, dass VerbraucherInnen Preissteigerungen stärker wahrnehmen als Preissenkungen. Zum anderen sind gerade Produkte des täglichen Konsums ĂĽberdurchschnittlich teurer geworden, wohingegen Kosten, die weniger häufig anfallen, langsamer gestiegen sind.

Der Ă„rger der Menschen ist, wenn schon nicht ganz sachgerecht, so doch verständlich. Dies umso mehr, als man ihnen eigentlich versprochen hatte, der Euro werde, aufgrund der grenzĂĽberschreitenden Konkurrenz, zu einer Angleichung der Preise auf unterem Niveau fĂĽhren. Im Bulletin 2002/4 der Luxemburger Zentralbank (BCL) erörtert ein Beitrag mit dem Titel „Der Euro und regionale Preiskonvergenz“ diese Frage. So soll im Verlauf der 90er Jahre die Preisstreuung innerhalb der EU von 22 auf 15 Prozent zurĂĽckgegangen sein, was auf die MaĂźnahmen zur Stärkung des Binnenmarktes zurĂĽckzufĂĽhren sei.

Eine vergleichbare Konvergenz verspricht man sich von der bereits vor EinfĂĽhrung des Euro-Bargeldes bestehenden festen Wechselkursanbindung innerhalb der EU-Länder. Längerfristig dĂĽrfte die vor einem Jahr in Kraft getretene Währungsunion die Preisstreuung noch stärker reduzieren. Als Beipiel hierfĂĽr wird die belgisch-luxemburgische Währungsunion angefĂĽhrt: 1985 lagen ungefähr 40 Prozent der Preise Luxemburgs innerhalb einer 10-Prozent-Bandbreite der jeweiligen Preise in Belgien. GegenĂĽber der gleichen Preis-Bandbreite in anderen Ländern war dies nur fĂĽr 20 Prozent der Preise der Fall. Das in dem Beitrag angefĂĽhrte Zahlenmaterial belegt allerdings weniger die dem Euro als die dem Franken zu verdankende Konvergenz – wie schnell und in welchem MaĂźe sich Erstere zeigen wird, bleibt offen.

Kleingeld in der GroĂźregion

Ăśber eine andere zu erwartende „Konvergenz“ als Folge der EinfĂĽhrung des Euro-Bargeldes sind sich die Experten auch einig: die der Zusammensetzung unseres Kleingeldvorrats nach nationaler Herkunft. In der Tat sind, anders als die Euro-Scheine, die MĂĽnzen deutlich zu unterscheiden: zum Beispiel eine Eule fĂĽr Griechenland, zwei Schwäne fĂĽr Finnland, die Radikalpazifistin Bertha von Suttner fĂĽr Ă–sterreich und GroĂźherzog Henri fĂĽr Luxemburg. Am 1. Januar 2002 wurden in jedem Land die nationalen MĂĽnzen in Umlauf gebracht. Dieser Zustand war in etwa vergleichbar mit einem Pousse-CafĂ©-Cocktail, bei dem die einzelnen Zutaten ĂĽbereinander geschichtet werden. Der grenzĂĽberschreitende Bargeldverkehr wirkt sich aus wie ein Löffel, der die Mischung umrĂĽhrt – am Ende sind alle Bestandteile gleichmäßig verteilt. Im Falle der Euro-MĂĽnzen bedeutet das fĂĽr das Partemonnaie der Durchschnitts-EU-BĂĽrgerInnen: ein Drittel deutsches Kleingeld, aber weniger als ein Prozent „Henri“-MĂĽnzen. Denn anders als bei der Zahl der EU-Abgeordneten und Kommissare ist Luxemburg im Konzert der Euro-MĂĽnzen nicht ĂĽberproportional vertreten.

Sammelobjekt „Henri“

Wenn diese Vermischung der Euro-MĂĽnzen das Interesse von Forschungsteams geweckt hat, dann weniger wegen des Endzustandes als um den Prozess zu verfolgen, der seiner Natur nach dem Vordringen einer neuen Pflanzenart oder der Ausbreitung einer Seuche ähnelt. Neben dem niederländischen Projekt „Eurodiffusie“ erstellt Dr. Dietrich Stoyan von der TU Freiberg Statistiken und Modelle rund um die Euro-MĂĽnzen. Ăśber Luxemburg und seine Grenzregion schreibt er auf seiner Web-Site: „Die Pendler und der kleine Grenzverkehr sorgen dafĂĽr, dass zunächst relativ viele Luxemburger MĂĽnzen ĂĽber die Grenze kommen. Sie werden, wenn sie nicht in Sammlerhände fallen, weiter nach Deutschland hinein diffundieren und dann sozusagen auf Nimmerwiedersehen verschwinden.“

In der Tat wird der Vermischungsprozess von den – auĂźerordentlich zahlreichen – SammlerInnen durcheinander gebracht. FĂĽr die „Henri“- MĂĽnzen wirkt sich das dramatisch aus: Tendenziell werden ebenso viele Sätze von Luxemburger als von deutschen MĂĽnzen gehortet, was den Anteil des Luxemburger Kleingelds am Zahlungsverkehr noch weiter absenkt. Bei der BCL sieht man keinen Grund zur Panik: „Nach einem Jahr sind noch immer viele Luxemburger Cent- und Euro-StĂĽcke in unseren Portemonnaies“, sagt RenĂ© Link, Chef der Bargeld-Abteilung. Im Gegensatz zu den Zeiten der belgisch-luxemburgischen Währungsunion, als das Luxemburger Geld teilweise aus Belgien zurĂĽckgefĂĽhrt wurde, ist ein solches RĂĽckfĂĽhrungssystem fĂĽr die Euro-MĂĽnzen nicht vorgesehen. „Im Moment wird nicht daran gedacht; in jedem Fall mĂĽsste das auf EU-Ebene entschieden werden“, so RenĂ© Link.

Wie schnell die „Henri“-MĂĽnzen sich in den Kleingeld-Massen auflösen, das sollen mathematische Modelle vorhersagen. Etwas hat Dietrich Stoyan schon herausgefunden: Die Euro-MĂĽnzen wechseln viel schneller die BesitzerInnen als die Cent-StĂĽcke. Er schreibt: „Die kleinen Cent-MĂĽnzen werden der Region Luxemburg noch lange treu sein“ – ein kleiner Trost also. Man könnte in der Angleichung der Zusammensetzung des Kleingeldes in den EU-Ländern eine Art Sinnbild fĂĽr Konvergenz sehen: am Ende steht ein geeinter Raum, ähnlich den Vereinigten Staaten von Amerika. Der Weg dorthin allerdings ist lang. Dietrich Stoyan schreibt: „Die totale Durchmischung wird meiner Meinung erst in den Zwanziger Jahren vorliegen.“ Und fĂĽgt vorsichtshalber hinzu: „Wenn es dann den Euro noch gibt.“

Raymond Klein

www.mathe.tu-freiberg.de/math/inst/stoch/Stoyan/euro/euro.html

Dat kéint Iech och interesséieren

NEWS

Weibliche GenitalverstĂĽmmelung in Luxemburg

Im Nachgang einer UNICEF-Studie zu weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) in Luxemburg, die im April 2026 veröffentlicht wurde, hatten die LSAP-Abgeordneten Claire Delcourt und Mars Di Bartolomeo eine parlamentarische Anfrage zum Thema gestellt. Vergangenen Montag erfolgte die Antwort, der sich neben den drei adressierten Minister*innen der...

NEWS

Wenn „ChatGPT“ parlamentarische Fragen beantwortet

Am vergangenen Montag veröffentlichte die Chamber die Antwort des Außenministers Xavier Bettel (DP) auf eine parlamentarische Frage der beiden LSAP-Abgeordneten Mars Di Bartolomeo und Yves Cruchten. Thema war der „Luxemburgplan“, den die saarländische Regierung Anfang Mai veröffentlichte. Die Antworten sind relativ nichtssagend und unkonkret –...

NEWS

Foot, fric et répression

Le coup d’envoi de la Coupe du monde de foot 2026 a été donné ce 11 juin au stade Azteca de Mexico, pour une édition « qui s’annonce la plus lucrative jamais vue », selon Amnesty International. La FIFA prévoit de réaliser 11 milliards de dollars de recettes au fil des 104 matchs qui se joueront pendant six semaines aux États-Unis, au Mexique...