Die Tage des monströsen CHNP-Gebäudes in Ettelbrück scheinen gezählt. Doch über die weiteren Schritte der Psychiatriereform besteht Diskussionsbedarf.
„Viel Libido“ hatte Wulf Rössler der Luxemburger Psychiatriereform vor einigen Monaten im Gespräch mit unserer Zeitung gewĂĽnscht. Die aufmunternden Geleitworte des ZĂĽricher Psychiatriefachmanns, der mit seiner vom Gesundheitsministerium bestellten Studie maĂźgeblich auf den Reformprozess einwirkt, scheinen gefruchtet zu haben. Zumindest beim Gesundheitsminister selbst. Denn die Libido, die Freud als zielgerichteten Impuls zum Zweck der Triebbefriedigung definierte, stand Mars Di Bartolomeo (LSAP) am vergangenen Dienstag in der Chamber ins Gesicht geschrieben.
ErfolgsbewuĂźt beantwortete er in einer heure d’actualitĂ© die Fragen von Fraktionskollegin Claudia Dall’Agnol nach dem Stand der Psychiatriereform, die er seit seinem Amtsantritt ins Rollen gebracht hat. Dank dem Centre hospitalier neuropsychiatrique (CHNP) und den vier nun fĂĽr die Akutpsychiatrie zuständigen Kliniken sei die Umstrukturierung der Akutpflege (siehe auch woxx Nr. 804) seit dem 1. Juli des Jahres nahtlos vonstatten gegangen.
Marc Graas, der mit der psychiatrischen Abteilung des HĂ´pital Kirchberg eine der vier Akutpflegestationen des Landes leitet, pflichtet ihm bei: „Es ist ein groĂźer Fortschritt, den wir durchgefĂĽhrt haben. (…) Ob die Anzahl der Betten fĂĽr die Akutpflege ausreichend ist, werden wir in den kommenden sechs Monaten sehen.“
Weniger begeistert ist Eric Ceuster vom RĂ©seau Psy in Esch/Alzette: „FĂĽr die Spitäler hat es tatsächlich groĂźe Veränderungen gegeben. Leider gab es bislang jedoch keinerlei Reformen im ambulanten Bereich.“ Die Folgen sind gravierend, wie der Psychologe deutlich macht: „FĂĽr viele Leute fällt nun die stationäre Behandlung weg. Diese wird aber nicht im erforderlichen MaĂźe durch ambulante Dienste ersetzt. Das heiĂźt, die Leute werden nicht so betreut, wie es nötig wäre.“
Dabei hat der Gesundheitsminister den ambulanten Bereich durchaus auf der Agenda, wie er der woxx am Tag vor der Chambersitzung erklärte. „Wir mĂĽssen jetzt das Aktionsprogramm weiterentwickeln, also den Ausbau und die weitere UnterstĂĽtzung des Heimpflegebereichs, sowie der Wohn- und Arbeitsstrukturen.“ Die Bereiche, die auĂźerhalb des Spitals liegen, sollen gestärkt werden – und zwar dezentral.
Doch auch in diesem Punkt melden Praktiker Bedenken an. Das Denken der Planer sei noch immer zu sehr auf die Hospitalisierung fixiert. Und Eric Ceuster befĂĽrchtet, dass die ambulanten Dienste nun rund um EttelbrĂĽck zentralisiert werden. „Die Reform sollte unter der Prämisse vorgenommen werden, was gut fĂĽr die Menschen ist, die krank sind. In der momentanen Debatte dreht sich jedoch alles eher um das CHNP und dessen Mitarbeiter.“ Zwar hat Ceuster durchaus Verständnis fĂĽr die Belange der CHNP-Belegschaft, „die Psychiatriereform sollte sich jedoch nicht an dieser Frage orientieren.“
Das dĂĽrfte der sozialistische Minister wohl anders sehen, von dem erwartet wird, auch fĂĽr die Angestellten des CHNP eine zumutbare Lösung zu finden. Dennoch: Macht Di Bartolomeo mit seinen Leitlinien ernst, die er gerne unter Schlagwörtern wie Entinstitutionalisierung oder Gemeindenähe zusammenfasst, dann könnte sich im ambulanten Bereich nicht nur rund um das CHNP etwas bewegen. Dem EttelbrĂĽcker Spital sei mit der Umstrukturierung ein groĂźer Teil der Patienten verlorengegangen, sagte er in der Chamber: „Das ist eine riesige Chance.“ Nun mĂĽsse man die MitarbeiterInnen des CHNP von der nötigen Mobilität ĂĽberzeugen, damit die Patienten dort betreut werden können, wo sie wohnen und wo ihnen die Betreuung am meisten bringt.
VersorgungslĂĽcken
Auch die beträchtlichen Mittel des CHNP sollen laut dem Minister in diesem Sinne verwendet werden. Und das ist bitter nötig, wie Psychologe Ceuster deutlich macht: „Das Problem, die Leute adäquat zu behandeln, wird immer größer, weil immer mehr Leute zu uns kommen.“ FrĂĽher seien Patienten zum Teil vier bis fĂĽnf Jahre stationär behandelt worden, heute seien sie mit vergleichbaren Krankheitsbildern häufig nur noch ein, zwei Monate im Spital. Eine Entwicklung, die Ceuster begrĂĽĂźt. Aber: „Diese Leute sind häufig psychisch noch nicht stabil, was intensive Betreuung notwendig macht.“ Auch Obdachlose hätten psychiatrische Betreuung nötig, was weder im BĂĽro noch auf der StraĂźe möglich sei. Fazit: Es besteht ein enormer Bedarf an betreutem Wohnraum und an Personal.
Immerhin hat Gesundheitsminister Di Bartolomeo im Gespräch mit der woxx angekĂĽndigt, dass sich die Krankenkassen kĂĽnftig auch auĂźerhalb des Spitalbereichs stärker engagieren und mehr Geld investieren wollen. „Ein Durchbruch“, so Di Bartolomeo. Und wenn sie richtig gesteuert wird, könnte diese Entwicklung tatsächlich zur Enthospitalisierung beitragen. Wenn. „Nach welchen MaĂźstäben soll diese Beteiligung der Krankenkassen stattfinden?“, fragt Ceuster, „hoffentlich dĂĽrfen wir in dieser Frage mitdiskutieren“.
Vielleicht ist das auch ein Teil des Problems: Dass die ambulanten Dienste zu spät eingebunden wurden. „Wir hätten auch in der Diskussion um die Spitäler als ambulante Dienste einen wichtigen Beitrag leisten können – wir durften jedoch nicht“, erinnert sich Eric Ceuster. Nun sei bei den meisten KollegInnen aus dem ambulanten Bereich eine gewisse Frustration vorhanden.
„Ich kann mir vorstellen, dass die ambulanten Dienste verärgert sind“, sagt Marc Graas vom Kirchberger Klinikum, der in der Arbeitsgruppe des Ministeriums sitzt. Doch er rechtfertigt die Vorgehensweise seines Gremiums: „Wir haben vor drei, vier Jahren einen riesigen runden Tisch organisiert. Das war eine so chaotische Veranstaltung.“ Richtig laut sei es geworden im Streit um Gelder und Kompetenzen. „Da haben wir gesagt: Das muss konstruktiv werden.“ Fortan habe man die Basisdiskussionen am kleinen Tisch gefĂĽhrt.
Stiefkind Patientenbeteiligung
Dass so keine Vertrauensbasis fĂĽr eine gelingende Zusammenarbeit entstehen kann, ist leicht vorstellbar. „Da prallen mit den Spitälern und dem ambulanten Bereich auch verschiedene Methoden aufeinander“, erläutert Roland Kolber, der als Patientenverteter ebenfalls erst später zu der Arbeitsgruppe gestoĂźen ist. Dennoch scheint das Kind nicht mit dem Bade ausgeschĂĽttet: „Ich bin bereit mit zu diskutieren“, lautet Ceusters ResĂĽmee.
A propos Patientenrechte: Die werden von Mars Di Bartolomeo erst mal hintangestellt: „Wir werden auch an diesen Bereich stärker herangehen. Aber eins nach dem anderen.“ Ein Fehler, wie Roland Kolber, Vorsitzender von Omega 90, aber nicht im Namen der A.s.b.l. in der Reform-Arbeitsgruppe tätig, konstatiert: Die Patientenrechte sollten zusammen mit den Pflichten sofort mit aufgenommen werden. Das wäre wenig kostenintensiv, aber ein deutliches Signal, dass wir die Patienten ernst nehmen.“ Diese gälten allzuhäufig noch immer als „nicht zurechnungsfähig“.
Nicht nur im Kampf gegen die Stigmatisierung wird das Fehlen einer luxemburgischen Psychiatrie-Selbsthilfegruppe auch von den PraktikerInnen beklagt. Sie könnte sowohl Partner, als auch „pressure group“ sein, wie Kolber sagt. Und eine solche sei vonnöten, etwa bei der Frage der Zwangseinweisungen. Zwar soll die hohe Anzahl der Zwangseinweisungen in Luxemburg reduziert werden und die entsprechende Entscheidung kĂĽnftig nicht mehr nur formal vom Richter getroffen werden. „Wir wollen nicht Richter und Therapeut zugleich sein, das geht nicht“, begrĂĽĂźt auch Marc Graas den Stand der Diskussion.
Damit wäre dann auch der repressive Charakter derartiger MaĂźnahmen nicht länger verhĂĽllt. Diese veranlasse laut Roland Kolber niemand gern, zum Schutz von Allgemeinheit und Individuum sei dies jedoch manchmal nötig. Deshalb dĂĽrfe man auch nicht erwarten, dass im Zuge der Psychiatriereform auf die Zwangseinweisung verzichtet wird: „Das wäre eine Revolution“. Und die wird bekanntlich nicht vom Staat gemacht.

