FAKTEN & FIKTION: Perspektive

von | 23.08.2013

Es hätte so viel aus ihr werden können: Doch dann kam die politische Journalistin Ulrike Meinhof auf den bewaffneten Kampf. Steve Sem-Sandberg veranstaltet einmal mehr ein Tribunal über eine Frau, die ihre Klasse verraten hat.

Schöne, kluge Frau: Ulrike Meinhofs Entscheidung für den bewaffneten Kampf wird meist nicht in der damaligen gesellschaftlichen Konstellation, sondern allein in ihren psychischen Dispositionen zu ergründen gesucht. Meist erfährt man dabei nicht viel über sie, dafür aber über den Zustand einer männlich geprägten Gesellschaft, die solche Projektionen hervorbringen muss.

International bekannt geworden ist der schwedische Journalist und Autor Steve Sem-Sandberg mit seinem Roman ĂĽber das nationalsozialistische Ghetto Litzmannstadt. In „Die Elenden von Lodz“ rekonstruiert er ausgehend von der ĂĽberlieferten Ghettochronik die historischen Ereignisse rund um den abgeriegelten jĂĽdischen Stadtbezirk und konstruiert aus dem dokumentarischen Material eine Geschichte seiner Bewohner. Fakten und Fiktion vermengen sich. In der Montage von wörtlichen Zitaten aus zeitgenössischen Dokumenten und erfundenen Erzählungen von Menschen, die nicht ĂĽberlebten, gelingt Sem-Sandberg, was der wissenschaftlichen Darstellung entgeht: Leiden und Sterben der Ghettobewohner werden beredt. Darin besteht der Wahrheitsgehalt der ästhetischen Konstruktion.

Dem Erfolg dieses Buches verdankt der Autor die Aufmerksamkeit fĂĽr seine frĂĽheren Dokumentarromane. So erschien nun im Klett-Cotta Verlag erstmals in deutscher Ăśbersetzung der bereits 1996 entstandene Roman „Theres“ ĂĽber die Journalistin und MitgrĂĽnderin der Roten Armee Fraktion (RAF) Ulrike Meinhof.

Die Protagonistin stellt das literarische Genre der Doku-Fiction vor eine besondere Herausforderung. Das Spiel aus Fakten und Fiktion vervielfältigt sich. Aus der Tatsache eines missglĂĽckten BankĂĽberfalls wird in der Presse das Hirngespinst einer raffinierten terroristischen Strategie. Alpträume des Chef-Fahnders Horst Herold verwandeln sich in Anti-Terrorgesetze. Ist die „Baader-Meinhof-Bande“ eine vielköpfige Hydra oder sind ihre Mitglieder „Akteure in einer verdammten Revolutionsfiktion“? Sicher scheint nur: „Die Welt, die durch Fakten beschrieben und durch Fiktion entstellt wird, ist eine Welt in ständiger Verwandlung“. Sem-Sandberg nimmt den vorgegebenen Rhythmus auf. Mit schnellen Szenenwechseln rast das Leben seiner Titelheldin ungebremst auf den Totentrakt zu. Durch Meinhofs Jenaer Kindertage huscht noch der Schatten von Hegels Weltgeist, dann folgt ein groĂźer Sprung ĂĽber die Studienjahre hinweg. In der Zeit als Redakteurin der linken Zeitschrift „konkret“ erscheint sie schon als gehetztes, in den Jahren der Illegalität als gejagtes Tier. SchlieĂźlich sitzt eine Frau im 7. Stock des Hochsicherheitstrakts in Stuttgart-Stammheim, ĂĽber die die öffentliche Meinung als „letzte beschlussfassende Instanz“ ihr Urteil gefällt hat: „Mehrere Geschichten werden zu einer einzigen versponnen; die Tatsache, dass die Geschichten unabhängig voneinander entstanden sind, lässt die Gesamtheit zur ?Wahrheit` werden.“

„Wahr oder falsch. Bitte ankreuzen.“

Sem-Sandberg misstraut jedoch nicht nur dieser „Wahrheit“, sondern auch seinen eigenen Möglichkeiten zur Collage. Er stellt dem Wahngebilde der hysterisierten Ă–ffentlichkeit kein aus Meinhof-Kolumnen, RAF-Dokumenten, Gerichtsakten und Abhörprotokollen verdichtetes Portrait entgegen. Stattdessen lässt er die einschlägig bekannten Zeugen ihre Wahrheit vortragen, fĂĽgt ein paar „fantastische Fakten“ hinzu und ĂĽberlässt die Entscheidung dem Lesepublikum: „Wahr oder falsch. Bitte ankreuzen.“ Der Versuch dieser ästhetischen Hilfskonstruktion misslingt. Fettgedruckte Materialschnipsel, dĂĽnne Assoziationsfäden und kursive MutmaĂźungen ergeben ein enervierendes Schriftbild und eine langweilige Kolportage. Der Autor präsentiert ein Rasterbild aus alten Klischees: Meinhof als frustrierte Ehefrau, verwöhnte Salonkommunistin, hochbegabte Journalistin und irregewordene Staatsfeindin. Er nennt sie Theres, weil sie von Gudrun Ensslin, der „Krakeelerin“, so genannt worden sein soll. Spekulationen ĂĽber den Namen fĂĽgen sich in das mutmaĂźliche Psychogramm. In Analogie zur katholischen OrdensgrĂĽnderin Teresa von Avila lässt sich Meinhof wahlweise als Fanatikerin diffamieren oder als Heilige verklären.

Deutlich erkennbar bezieht Sem-Sandberg seine Fakten aus Stefan Austs Fiktion ĂĽber den Baader-Meinhof-Komplex. Das Buch avancierte in den frĂĽhen Achtzigerjahren zu einem offiziösen Standardwerk, in dem die RAF ebenso wie in der Springer-Presse als „Seifenoper mit Krimikomponente und einem nicht unbedeutenden, in jedem Fall erfrischenden Gossengeschmack“ dargestellt wird. Auch Sem-Sandberg verzichtet nicht auf ein paar angestaubte voyeuristische Andeutungen. Spannungsmomente enthält das Buch dagegen keine mehr, dafĂĽr ist es zu alt. Der „schwere Tränengasnebel“, den der Autor anlässlich Baaders Befreiung gerne im Raum sähe, „fände das im Fernsehen statt“, ist inzwischen durch die Kinos gewabert. In ihm verwandelten sich die RAF-Mitglieder in entpolitisierte Actionhelden.

„Bewegung: alles andere ist Schmerz.“ Das Meinhof-Zitat ist dem Buch als Motto vorangestellt; eine Idee, die die gesamte Textcollage durchzieht. Doch erkennt Sem-Sandberg immer nur subjektive Ursachen als Handlungsmotiv, die ständige Bewegung gilt ihm als „kurzzeitiges Heilmittel gegen Depressionen“. Konsequent umgeht der Autor die historischen und politischen Motive von Meinhofs Denken und Handeln. Auch eine kurze Erinnerung an ihren Dokumentarfilm „Bambule“, der die autoritären Verhältnisse in deutschen Kinder- und Jugendheimen anklagt, dient letztlich nur der Verunglimpfung von Meinhofs eigenen Erziehungsmethoden. Nirgends reflektiert Sem-Sandberg die postnazistischen Verhältnisse in der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die die Dynamik des Widerstands in Gang gesetzt haben. Dass fĂĽr Sem-Sandberg die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit bedeutungslos bleibt, ist befremdlich, zumal sich mit seiner Montagetechnik die Ambivalenzen von Meinhofs Vergangenheitsbewältigung hätten darstellen lassen.

Theres ist ein Roman für liberale Bildungsbürger, die gerne alte Platten auflegen und der Frage nachsinnieren, wie es dazu kam, dass eine so kluge Frau sich für den bewaffneten Kampf entscheiden konnte. Größer als das Bemühen um eine Antwort, dürfte jedoch ihre Anstrengung sein, mit der eigenen Enttäuschung fertig zu werden. Weil sich Ulrike Meinhof nicht mit dem Schreiben sozialkritischer Reportagen begnügte, entgeht ihnen die Möglichkeit, ihr noch nachträglich einen Preis für Zivilcourage zu verleihen.

Steve Sem-Sandberg – Theres. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek. Klett-Cotta Verlag, 391 Seiten.

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