SUIZID: Wie weit geht die Freiheit?

von | 06.11.2014

Die Gesundheitsministerin stellt den nationalen Suizid-Präventions-Plan vor und Mediziner wie Abgeordnete diskutieren über Ursachen und Strategien. Eine konstruktive Debatte?

Foto: Robin Reer / fotocommunity.de

1.600 Selbstmordversuche und 80 Suizide jährlich – das ist die Realität in Luxemburg. Jeden 4. Tag nimmt sich in Luxemburg ein Mensch das Leben und rund ein Viertel der Menschen, die einen Selbstmord begehen, sind ĂĽber 64 Jahre alt. Verunsicherung, Perspektivlosigkeit, Angst, ins BĂĽro zu gehen, das Abrutschen in die Arbeitslosigkeit, Ruhestand oder Angst vor Mobbing durch MitschĂĽler oder Kollegen und ein stetig wachsender Leistungsdruck treibt Menschen in Westeuropa in den Selbstmord.

Hinsichtlich der Zahlen liegt Luxemburg zwar im europäischen Mittelfeld, doch das Phänomen bleibt – „eine menschliche Tragödie“, wie sich die Abgeordneten anlässlich einer Debatte in der Chamber am vergangenen Dienstag einig waren. Im Vorfeld der Vorstellung des nationalen Suizid-Präventions-Plans und einer Fachtagung unter Medizinern gaben die Abgeordneten ihre Meinung zum Thema ab – eine nach Ansicht der Gesundheitsministerin Mutsch „sehr konstruktive Debatte“, die in die nationale Strategie einflieĂźen soll, an der insgesamt sechs Ministerien in einer Laufzeit von 2015-2019 mitwirken. Sie zeigte sich in der Debatte gewillt, „das Problem“ an der Wurzel zu packen.

Bei rund 90 Prozent der Selbstmörder wird eine psychische Erkrankung als Ursache ausgemacht.

Die Vielzahl der genannten GrĂĽnde fĂĽr Suizide zeigt allerdings, dass es nicht so einfach ist, hier eine „Wurzel“ auszumachen. Zudem bleibt letztlich doch immer ein gewisses Nichtbegreifen, warum Menschen ihrem Leben ein Ende setzen. So war die Debatte in der Chamber eher von Klagen ĂĽber den Status Quo und Fragen bestimmt. „Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, um sich das Leben zu nehmen?“, fragte etwa AndrĂ© Bauler und erntete nur stummes Kopfnicken.

In der Betroffenheitsdebatte sorgte allein Fernand Kartheisers provokativer Beitrag fĂĽr Wirbel. Gerade bei der Suizidprävention stelle sich die Frage der Politikkohärenz, so Kartheiser, der salopp meinte, dass man den Freiheitsbegriff nicht ĂĽberstrapazieren dĂĽrfe. Seine Empfehlung: Um gesunde Kinder heranwachsen zu lassen, muss man sie in den SchoĂź der klassischen Familie einbetten! Denn nur die Familie sei der sichere Garant fĂĽr stabile Menschen. „Sind Eltern, die arbeiten gehen also Schuld am Selbstmord ihrer Kinder?“ empörte sich die DP-Deputierte Anne Brasseur postwendend. Neben der Familie als Hort des glĂĽcklichen Lebens empfahl Kartheiser eine Rund-um-die-Uhr-Ăśberwachung von Suizidgefährdeten in Strafanstalten.

Bei rund 90 Prozent der Selbstmörder wird eine psychische Erkrankung als Ursache ausgemacht. Indirekt ist dies zumindest ein Hinweis darauf, dass das Angebot an psychotherapeutischen Beratungsstellen doch zu gering ist. Die Statistiken über Suizid sagen zudem, dass Männer sich häufiger umbringen als Frauen. Die Theorie dazu: Frauen haben eine bessere Disposition, ihren Zustand zu erkennen, und meist ein besseres soziales Netz.

„Suizidprävention ist eine Angelegenheit von allen!“, lautete der Konsens auf der Fachtagung und zugleich der Titel eines Rundtischgesprächs. Fränz D’Onghia, Direktionsbeauftragter am „Centre d’information et de prĂ©vention“ und Koordinator der nationalen Strategie, brachte gemäß des vorherrschenden Zeitgeistes ein Kosten-Nutzen-Argument ins Spiel. „Investiere man in Prävention, so spare man Kosten!“

„Suizid gibt es, jetzt sieht man Suizid als vermeidbares Phänomen“, doch jeder mĂĽsse Verantwortung ĂĽbernehmen, meinte Jean-Louis Terra, Professor fĂĽr Psychiatrie in Lyon. Sein Luxemburger Kollege Dr. Paul Hedo, tätig in der Psychiatrie des Luxemburger Centre Hospitalier (CHL) hob hervor, dass man zumindest im Bewusstseinsprozess ein StĂĽck weitergekommen sei. Heute spreche man immerhin ĂĽber Suizid und mögliche Ursachen. „In unserer Gesellschaft sind psychische Krankheiten mit einem Stigma verbunden“, erst durch die sukzessive Enttabuisierung des Themas interessiere sich auch die Politik dafĂĽr, stellte Hedo klar. Da Suizidgefährdete häufig nicht (mehr) in der Lage seien, die Gefahr selbst einzuschätzen, sei es wichtig, dass andere ihre Situation erkennen und ihnen zuhören wĂĽrden. Gerade Jugendliche hätten ein Kommunikationsproblem.

In ihrer Welt, in der ein „Like“ mehr zählt, als jede intellektuelle Bestätigung, hätten gerade junge Menschen Angst davor, bewertet zu werden.

In einer Welt der Bilder, in der ein Facebook-Eintrag und ein Foto als Spiegelbild der Persönlichkeit herhalten, stieĂźen Kinder meist auf taube Ohren oder seien es gewöhnt, Probleme herunterzuspielen. In ihrer Welt, in der ein „Like“ mehr zählt, als jede intellektuelle Bestätigung, hätten gerade junge Menschen Angst davor, bewertet zu werden. Eine stärkere Individualisierung hieĂźe, dass vor allem die Schwächsten an ihrer Performance arbeiten mĂĽssten, um beliebt zu sein. Immer häufiger kämen junge Menschen zu ihm, die diesen Schein bewusst zerstören wollten, so Terra. Die neuen Medien wollte der GroĂźteil der Experten dennoch mehr als Chance zur Suizidprävention denn als Gefahr sehen. „Wir leben in einer Gesellschaft der Leistungsschau, in der man erfolgreich sein muss“, stellte Hedo fest.

Ist Leistungsorientierung der Kern des Problems, wenn man denn Selbstmord als Problem betrachten will? Welche Erwartungen stellt die Gesellschaft an uns? Wird der Wert eines Menschen an seiner Produktivität bemessen?

Gerade ältere Menschen fallen im Ruhestand häufig in ein Loch und leiden unter Depressionen. Ist ihre Isolation im Alter ein Erklärungsmodell fĂĽr die relativ hohe Rate an Selbstmorden bei Menschen ĂĽber 64? Und inwiefern spielen andere Faktoren wie ein Migrationshintergrund und die sozialen Verhältnisse eine Rolle? Einen Suizid begehen hierzulande eher Luxemburger als Ausländer, stellte D’Onghia klar. Das Armutsrisiko stellt hingegen ganz klar eine Gefahr dar. Noch mangele es in Luxemburg jedoch zur Erforschung des Phänomens an „objektiven Tatsachen“, so Hedo. Es gebe nicht genug Material ĂĽber den Verlauf von Behandlungen von suizidären Menschen, also auch zu wenig Erkenntnisse darĂĽber, wie gut das Luxemburger System funktioniert.

Dass das Phänomen des Suizids nicht zu trennen ist vom System, indem „der Mensch immer mehr wirtschaftlich rentabel sein muss“, gab allein Justin Turpel anlässlich der Chamber-Debatte zu bedenken. Erstaunlich erscheint aber vor allem der allgemeine Konsens ĂĽber ein Phänomen, fĂĽr das die Gesellschaft verzweifelt nach Erklärungen sucht – ohne sich selbst zu hinterfragen.

Zudem lauert in dieser immer auch moralisch gefĂĽhrten Debatte – meist unter Ausschluss von Betroffenen – eine viel schwierigere Frage. Wenn Sterbehilfe bei Kranken und oder älteren Menschen als Errungenschaft fĂĽr die freie Entscheidung des Einzelnen gefeiert wird, wie sind Kriterien zu begrĂĽnden, um Menschen den Freitod zumindest zu erschweren, wenn nicht, sie daran zu hindern?

Dat kéint Iech och interesséieren

NEWS

Sorgentelefon fĂĽr den Agrarsektor

Isolation, wirtschaftlicher Druck, Sorge um die Nachfolge: Viele Bäuer*innen, Winzer*innen und Gärtner*innen sehen sich mit Stressfaktoren konfrontiert, die ihre psychische Gesundheit stark belasten. Um diesem Problem zu begegnen, stellten das Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Weinbau, die Landwirtschaftskammer, und der Maschinen-...