ADR zu Raubkunst: Wer hat hier wen ausgebeutet?

Die ADR zerlegt Aussagen der Kulturministerin Sam Tanson zur Rückgabe von Raubkunst an afrikanische Länder bis ins kleinste Detail und fabuliert von einem beklauten, unschuldigen Luxemburg.

Foto: Viktor Talashuk/Pexels

Wer kennt sie nicht, die großen französischen Museen, die sich mit Raubkunst aus Luxemburg rühmen? Bei wem es jetzt nicht klingelt, braucht sein Allgemeinwissen nicht anzuzweifeln: Diese Museen gibt es nicht. Trotzdem hängt Fred Keup (ADR) sich am Verbleib luxemburgischer Kulturgüter auf, die während der französischen Besatzung (1793 – 1814) geklaut worden sein sollen.

Wo genau liegt dieses geschundene Luxemburg mit weißer Weste?

Keup hatte sich bereits im Mai 2021 in einer parlamentarischen Anfrage an Kulturministerin Sam Tanson erkundigt, ob der luxemburgische Staat die Rückgabe der eingangs erwähnten Raubkunst aus Luxemburg einfordere. Tanson verneinte damals unter anderem mit dem Argument, dass der Luxemburger Staat zum Zeitpunkt der französischen Besatzung noch nicht existierte. Ein gefundenes Fressen für Keup, der Tansons Aussage Ende April in einer weiteren parlamentarischen Anfrage zum Thema auseinandernahm.

Der ADR-Abgeordnete behauptete in seinem Schreiben, es habe bis zur Unabhängigkeitserklärung und der Dekolonisierung Afrikas auch keine afrikanischen Staaten gegeben. Er versucht Tanson mit ihren eigenen Waffen zu schlagen: Misst sie also mit zweierlei Maß, wenn es um die Rückgabe von Kulturgütern geht? Allein die Frage ist ein Schlag ins Gesicht aller Opfer der Kolonisation und der systematischen Ausrottung indigener Gesellschaften durch westliche Mächte. Tanson kontert zurecht: „Im Gegensatz zur Behauptung des (…) Abgeordneten (…) muss man unterstreichen, dass es zahlreiche politische Strukturen, die Historiker heute als Staaten bezeichnen, gab, bevor die europäische Kolonialisierung begonnen hat.“

Was Keup in seiner Frage noch dazu völlig ausblendet: Tanson betonte schon in ihrem ersten Schreiben an ihn, dass es keine Kenntnis über Raubkunst aus Luxemburg in Frankreich gebe. Was soll der Staat also zurückfordern? Es ist im Gegenteil seit Langem gewiss, dass sich in den Sammlungen mancher europäischer Museen seit Jahrhunderten geraubte Objekte aus afrikanischen Ländern befinden. Auch im luxemburgischen Nationalmuseum für Geschichte und Kunst (MNHA) befinden sich problematische Objekte. Das MNHA hat kürzlich angekündigt, dass es Raubkunst, die vor Jahren durch Schenkungen in den Bestand des Museums gelangt sind, an afrikanische Museen zurückgeben will. Konkret handelt es sich um 86 Objekte aus der Sammlung Spring. Zwei davon wurden im Zuge der Forschungsarbeit für die Ausstellung „Le passé colonial du Luxembourg“ sicher als Raubgut ausgemacht. Zu den restlichen Objekten schreibt der Museumsdirektor Michel Polfer in einer Mail an die woxx: „Auch wenn schon damals Objekte von lokalen Populationen an Europäer verkauft wurden, muss man heute davon ausgehen, dass sich all diese Objekte in einem Gewaltkontext angeeignet wurden und deswegen per se problematisch sind.“ Das MNHA habe das Nationalmuseum von Tanzania in Dar-es-Salam im Januar 2022 über die 86 Objekte informiert und eine Restitution angeboten. Eine Antwort liege bisher nicht vor.

Während sich das MNHA um Transparenz und Aufklärung bemüht, scheint ein weiterer ADRler der Aufarbeitung des Kolonialismus skeptisch gegenüberzustehen: Erst im März zeigte Fernand Kartheiser sich, ebenfalls in einer parlamentarischen Anfrage an Tanson, pikiert über den Ausstellungstitel „Le passé colonial du Luxembourg“. Das sei irreführend, immerhin habe der luxemburgische Staat nie Kolonien gehabt. Und deswegen muss Luxemburg sich den Spiegel nicht vorhalten? Spätestens wenn man dann noch liest, dass Keup rezent zusammen mit Tom Weidig ein Buch mit dem Titel „Mir gi Lëtzebuerg net op“ veröffentlicht hat, drängt sich ein Mal mehr die Frage auf: Wo genau liegt dieses geschundene Luxemburg mit weißer Weste, das die Vertreter*innen der ADR so inbrünstig verteidigen? Gibt es dazu auch ein Museum?


Cet article vous a plu ?
Nous offrons gratuitement nos articles avec leur regard résolument écologique, féministe et progressif sur le monde. Sans pub ni offre premium ou paywall. Nous avons en effet la conviction que l’accès à l’information doit rester libre. Afin de pouvoir garantir qu’à l’avenir nos articles seront accessibles à quiconque s’y intéresse, nous avons besoin de votre soutien – à travers un abonnement ou un don : woxx.lu/support.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Wir stellen unsere Artikel mit unserem einzigartigen, ökologischen, feministischen, gesellschaftskritischen und linkem Blick auf die Welt allen kostenlos zur Verfügung – ohne Werbung, ohne „Plus“-, „Premium“-Angebot oder eine Paywall. Denn wir sind der Meinung, dass der Zugang zu Informationen frei sein sollte. Um das auch in Zukunft gewährleisten zu können, benötigen wir Ihre Unterstützung; mit einem Abonnement oder einer Spende: woxx.lu/support.
Tagged .Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen.