Auf Netflix: Athlete A

Die Netflix-Doku „Athlete A“ handelt von sexuellem Missbrauch innerhalb des Turnvereins USA Gymnastics und der jahrelangen Schweigekultur darum. Sie macht deutlich, dass solche Verbrechen immer auf ein begünstigendes Umfeld angewiesen sind.

Machtmissbrauch, Angst, Schweigekultur – „Athlete A“ thematisiert die Bedingungen, unter welchen Sexualstraftäter*innen ungetraft bleiben. (Foto: Netflix)

„Athlete A“, so der mysteriöse Titel einer neuen Netflix-Doku. Auf dem Thumbnail des Trailers ist die untere Körperhälfte einer weiblich lesbaren Person zu sehen. Ihr Outfit erinnert an das von Leichtathletinnen oder Turnerinnen. Der Boden, auf dem die Person steht, ist in den Farben und Mustern der amerikanischen Flagge bemalt; bei genauem Hinsehen ist in der Mitte des Bildes ein Riss im Boden zu erkennen. Im Trailer bestätigt sich, dass es sich in der Tat um einen Film über den Turnsport handelt. Die Anzahl an gewonnenen Bronze-, Silber- und Goldmedaillen wird eingeblendet. Ob es sich wohl um eine Doku über die zurzeit erfolgreichste US-amerikanische Turnerin, Simone Biles, handelt? Auch. Doch die nächste Texteinblendung stellt klar, dass etwas anderes der Fokus dieses Films ist: „500 survivors of sexual abuse“.

„Athlete A“ – so wurde in der Presse lange Zeit eine Turnerin bezeichnet, die von ihrem Arzt, Larry Nassar, sexuell missbraucht wurde und damit im Januar 2018 an die Öffentlichkeit ging. Hinter dem Pseudonym versteckt sich Maggie Nichols, eines der zahlreichen Opfer des Arztes. Die Netflix-Doku rekonstruiert die Ereignisse ab dem Moment, wo im Jahr 2016 ein Artikel im Indianapolis Star erschien. Darin wurde die bei USA Gymnastics gängige Praktik thematisiert, Missbrauchsfälle durch Trainer zu vertuschen. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass ein noch weitaus größerer Skandal vorlag. Immer mehr mittlerweile erwachsene Turnerinnen meldeten daraufhin, selbst betroffen zu sein.

In „Athlete A“ werden einige von Nassars Opfern, deren Eltern und Trainer*innen interviewt. Auch Anwält*innen und Journalist*innen, die zur Aufdeckung des Falls beitrugen, kommen zu Wort. Was den Film so beeindruckend und über diesen spezifischen Fall hinaus relevant macht, ist, dass er die Strukturen thematisiert, die Nassars Verbrechen überhaupt ermöglichten. Turnerinnen und Eltern, die diese Fälle meldeten, gab es über die Jahre immer wieder. Nur wurden sie von den Verantwortlichen von USA Gymnastics nicht ernst genommen. Die Anschuldigungen blieben ohne jegliche Konsequenzen für Nassar, nicht einmal die Polizei wurde benachrichtigt.

Ein weiterer Fokus ist das generelle toxische Klima bei USA Gymnastics. Die Turnerinnen, die dort unter anderem auf die Olympischen Spiele vorbereitet werden, sind größtenteils im Kindesalter. Der Druck ist enorm hoch, Schwäche wird ebenso wenig toleriert wie Beschwerden. Wem die Trainingsbedingungen nicht gefallen, wird aufgefordert zu gehen. Im Film wird eine Kultur beschrieben, in der einzig Leistung zählt. Weder das körperliche, noch das psychische Wohlergehen der Turnerinnen interessiert die Verantwortlichen.

In einem solchen Umfeld wirkte Nassar wie ein Lichtblick: Er ging liebevoll mit den Turnerinnen um, gab ihnen heimlich Süßigkeiten, genoss ihr Vertrauen. Seine physiotherapeutischen Übungen müssen für viele einen der angenehmsten Aspekte ihres zehrenden Trainingsalltags dargestellt haben. Bei Verletzungen stand und fiel die Fähigkeit, zum Wettbewerb antreten zu können, mit seiner Kompetenz. Dass ein Teil seiner Übungen vaginale und anale Penetration umfassten, erschien vielen der Patientinnen zwar ungewöhnlich, aber wenn es laut Aussagen des Arztes doch half?

Auf diese Weise zeigt die Doku, dass Missbrauchsfälle dieser Dimension nur in begünstigenden Umständen entstehen können: In Kontexten, in denen die Betroffenen über wenig Macht verfügen und jederzeit ausgetauscht zu werden drohen. In dieser Hinsicht birgt dieser Fall viele Ähnlichkeiten mit dem Skandal rund um Harvey Weinstein. „Athlete A“ erinnert daran, dass sexualisierte Gewalt nicht in einem Vakuum entsteht, sondern ganz bestimmte, veränderbare Bedingungen erfordert, ob in einem Unternehmen, einem Rechtssystem oder der gesamten Gesellschaft. Die Verantwortung, sie zu bekämpfen, ist deshalb immer eine gesamtgesellschaftliche.

Auf Netflix.

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